In der Krise volles Risiko – Existenzgründungen im Kulturbusiness

Organisationstalent, Netzwerke, Durchhaltevermögen und im besten Fall ein ordentliches Startguthaben – wichtige Voraussetzungen für eine Existenzgründung. Doch Neuanfänge im Kulturbusiness leben in erster Linie von einer einzigartigen Idee.
„Auch wenn es absurd klingt, die Krise hat mir die Entscheidung erleichtert, mich selbständig zu machen“, erzählt Sandra Buchta. Vor anderthalb Jahren wagte sie als Stoffentwicklerin für Dokumentar- und Spielfilme ihren Neustart. „Ich wollte nicht mehr von anderen abhängig sein, sondern meine eigenen Entscheidungen treffen und vor allem meine Ideen verfolgen.“ Genau daran mangelt es der 35-Jährigen sicher nicht. Neben ihrem Schreibtisch, ausgezogen wie eine Ziehharmonika, ein Zeitungsständer mit Projektunterlagen zu den verschiedensten Themen: das Treatment für einen Actionthriller, Filmfestivalprogramme, eine Comicnovel, Ratgeber für Drehbücher, eine Kulturgeschichte des Islam und ein Stadtplan von Doha, der Hauptstadt des Katars. Der Faltplan steckt ganz vorn, denn Sandra Buchta war gerade in diesem Emirat, um für den Kultursender Arte zu recherchieren.
Die Grundidee auf dem Prüfstand
Das klingt alles extrem anspruchsvoll – hochkarätige Projekte, interessante Auftraggeber, große Spielräume, kurz: der Idealzustand des Freiberuflers. Lief es von Anfang an glatt? „Ich hatte schon einige Ängste“, erzählt Sandra Buchta. „Ich war ja als Angestellte nicht gewohnt, alles selbst in die Hand zu nehmen, die Akquise, die Versicherungen, die Steuererklärung.“ Sandra Buchta hat daher noch vor ihrer Selbständigkeit ein Seminar besucht – „Existenzgründungen im Kulturbusiness“. Ihre Seminarleiterin Maria Kräuter versteht sich auch als psychologische Stütze: „Mir geht es darum, den Leuten die Angst zu nehmen.“ Maria Kräuter, die über Existenzgründungen im Kulturbusiness promoviert hat, berät ihre Klienten inhaltlich, gemeinsam werden Konzepte überarbeitet, die Grundidee präzisiert und vor allem geht sie den Businessplan kritisch durch: Kann man damit auch wirklich Geld verdienen?
Die richtigen Netzwerke aufbauen
Man kann. Clarisse Garlot, Expertin für Business-Events, hat ihr Konzept im Rahmen eines Coachings der Industrie- und Handelskammer entwickelt und dabei die Grundidee bald stark überarbeitet: „Mein Plan sah ganz schrecklich aus, ich hätte viel zu wenig verdient.“ Ursprünglich wollte Clarisse Garlot besondere private Feste im kleinen Kreis organisieren, doch ihr wurde schnell klar, dass die Idee erst ab etwa 30 Personen lukrativ ist. Jetzt initiiert sie unter dem Label „Kultessenz“ Business-Events für bis zu 150 Personen. Ihr Alleinstellungsmerkmal hat sie gefunden, indem sie die Veranstaltungen thematisch ausrichtet, begleitet von Stadtführungen, Vorträgen und einem individuell abgestimmten Menu. So erzählt zum Beispiel bei der Firmenfeier eines Kosmetikunternehmens ein professioneller Parfumeur über Flacons und die Kulturgeschichte von Düften.
Aufgrund ihrer früheren Arbeit in der Modebranche und über Bekannte hatte die 42-Jährige bereits einige entscheidende Kontakte, dennoch investierte sie anfangs großzügig in die Ausweitung des Netzwerks. Zu ihrem Gründungsfest lud sie Unternehmenschefs aus ganz verschiedenen Bereichen ein: „Ich dachte, ich biete hochwertige Veranstaltungen, also habe ich den besten Caterer aus München beauftragt und Unternehmensleiter von der Allianz eingeladen, von BMW und der Pharmaindustrie.“ Nach einem Jahr war das Startkapital eingespielt, das Clarisse Garlot in ihre Homepage und das Marketing investiert hatte. Mittlerweile läuft die Mund-Propaganda so gut, dass sie sich kaum mehr um Werbung kümmert, vor allem nicht im Internet, denn das hat sich für sie nicht bewährt.
Motivationsschübe und erste Erfolge
Allerdings hängt das Anzeigengeschäft sehr stark von der Art der Kunden und dem Vertriebsweg des Produkts ab. Corina Schukraft-Wadle hat einen Internetbuchhandel für fremd- und mehrsprachige Kinderbücher etabliert – ibambiboo.de. Sie hält das Internet für das wichtigste Werbemedium, denn hier ist der potenzielle Kunde nur einen Klick entfernt. Angefangen hat die 39-Jährige mit englischen, italienischen und spanischen Kinderbüchern. Innerhalb von anderthalb Jahren wuchs das Angebot auf neun Sprachen. „Erfolg ist ja eine Sache der Definition“, meint sie, „an den Umsatzzahlen darf ich ihn noch nicht messen. Aber der erste Schritt war, dass ich den Gründerwettbewerb des Wirtschaftsministeriums, Mit Multimedia erfolgreich starten, gewonnen habe.“
Drei Jahre intensives Engagement, Werbung, Aquise und Weiterentwicklung des Konzepts, so schätzen Existenzgründungs-Berater, seien meist nötig, um die eigene Idee so weit zu etablieren, dass sie auch finanziell trägt. Die Höhe des Risikos hängt sehr von den eigenen Spielräumen ab. Wer aus der Arbeitslosigkeit gründet, bekommt neun Monate lang 60 Prozent des letzten Nettoeinkommens als Angestellter plus 300 Euro für Sozialversicherungen. „Der Gründungszuschuss hat für mich eine große Rolle gespielt“, meint Sandra Buchta. „Mich hat diese Absicherung extrem motiviert.“
Astrid Mayerle
ist freie Kulturjournalistin und Featureautorin. Sie recherchiert und schreibt im Auftrag verschiedener Magazine und Onlinemedien, außerdem berichtet sie für Hörfunksender der ARD (BR, Deutschlandfunk, Deutschlandradio, NDR Kultur).
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Juli 2010
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