Frühes DaF-Lernen – Deutsch als Fremdsprache in Kindergärten und Grundschulen

Mit vier schon die erste Fremdsprache? Besonders in Osteuropa lernen immer mehr Kindergarten- und Grundschulkinder Deutsch. Der frühe Fremdsprachenerwerb gilt als klarer Vorteil. „Das weltweite Interesse am frühen Deutschlernen wächst, besonders in Osteuropa“, sagt Beate Widlok, DaF-Expertin am Goethe-Institut. Täglich erreichen Anfragen das Goethe-Institut, das 1990 ein eigenes Primarschulreferat eingerichtet hat und seitdem viele Informationen, Materialien und Angebote für interessierte Lehrkräfte und Erzieher bereithält. „Wir wünschen uns, dass der frühe Fremdsprachenerwerb weltweit zum Standard wird“, sagt Widlok. Besonders in Ländern mit großer Affinität zum Deutschen ist in den letzten Jahren viel passiert: „Allein in Kroatien gibt es mittlerweile 15 Kindergärten, in denen mit den Kindern ganztägig in deutscher Sprache gearbeitet wird.“ Vor allem in Mittelost- und Südosteuropa, zum Beispiel in Estland oder Ungarn wächst die Nachfrage sehr stark. In Japan gelangt Deutsch langsam aus dem universitären in den schulischen Bereich. „Von Uruguay, über Australien, Ägypten bis nach Finnland entstehen kleine Inseln des Deutschlernens im Kindergarten“, so Widlok. Doch die deutsche Sprache hat es nicht immer leicht: „Englisch steht natürlich immer an erster Stelle und verdrängt durch seine Dominanz häufig das Interesse am Erlernen weiterer Fremdsprachen.“
Früh übt sich
Im Wunsch nach allgemein anerkannter Frühförderung geht es den Goethe-Experten nicht um die alleinige Durchsetzung des Deutschen: „Wir freuen uns über jeden Fremdspracheneinsatz im Elementarbereich.“ Aus gutem Grund: Sprachforscher vermuten, dass das beste Zeitfenster, um Sprachen zu erlernen, zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr liegt. Denn dann befindet sich das Gehirn im Aufbau und die Nerven vernetzen sich. Die vielseitige Förderung in jungen Jahren regt die Synapsenbildung an und stärkt die Ausschöpfung des geistigen Potenzials. So sind Kinder, die mehrsprachig aufgewachsen sind, nachweislich flexibler und leistungsfähiger in ihrer Wahrnehmung. Und können auch weitere Sprachen viel müheloser erlernen als Kinder, die nur einsprachig aufgewachsen sind. Zudem: Der Sprachunterricht bietet gute Möglichkeiten für interkulturelles Lernen. Schon die Kleinsten erfahren durch Lieder und Geschichten viel über die Kultur des anderen Landes. Ein zentrales Stück Bildung in einer globalisierten Welt.
Es muss nicht immer Englisch sein
Englisch ist die Lingua franca und in Deutschland flächendeckend als Fremdsprache in den Grundschulen angekommen. Doch neue Studien zeigen, dass Englisch als erste Fremdsprache nicht immer sinnvoll ist. Professor Dr. Ingrid Gogolin vom Institut für international und interkulturell vergleichende Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg hat in Studien herausgefunden, dass der kognitive Anregungsprozess beim Sprachenlernen umso gründlicher funktioniert, je weniger nah die Sprache, die erlernt wird, der eigenen Muttersprache ist. Die deutsche Sprache könnte somit in vielen Ländern zur ersten Wahl werden: „Wenn man mit einer anderen Sprache als Englisch anfängt, dann hat man zwar den Nachteil, dass die Kommunikation am Anfang langsamer in Gang kommt, der Vorteil aber ist, dass nachhaltiger gelernt wird und mehr auf der Ebene von allgemeinen Sprachlernfähigkeiten." So wird zum Beispiel in der Slowakei an vielen Grundschulen Deutsch ab Klasse 1 und Englisch erst ab Klasse 3 gelehrt. Mit großem Erfolg: Die Lehrkräfte berichten übereinstimmend, dass die Kinder besser, schneller und leichter Englisch lernen, wenn sie vorher Erfahrungen mit der deutschen Sprache gemacht haben.Ausblick und Trends
Derzeit steht Deutsch im europäischen Schulunterricht auf Platz drei der Beliebtheitsskala hinter Englisch und Französisch. Während nach Angaben von Eurydice, dem Bildungsinformationsnetz der Europäischen Kommission, die deutsche Sprache vor allem in Irland, Luxemburg, Belgien und Osteuropa hoch im Kurs steht, sinkt seit einigen Jahren das Interesse in Schweden und Südeuropa. „Ob und wieweit sich Deutsch im Elementar- und Grundschulbereich noch stärker etablieren wird, können wir heute noch nicht voraussagen“, sagt Widlok.Fakt ist: Um wirklich nachhaltige Effekte zu erreichen, muss der Fremdsprachenunterricht im frühkindlichen Bereich möglichst intensiv sein. In Kindergärten hat sich dabei der „Immersionsansatz“ bewährt: Mit dem Konzept „Eine Person – eine Sprache“, also eine Erzieherin in der Muttersprache, die andere in der Fremdsprache, sammeln die Kinder am effektivsten Spracherfahrung. Das Lernen erfolgt intuitiv und spielerisch, ohne Blick auf Grammatik oder Syntax. Und liefert doch ein wertvolles „Gefühl“: So können Kinder aus bilingualen Kindergärten oft perfekt die fremde Sprache in Klang und Rhythmus imitieren. Und – so belegen Untersuchungen – sie später viel leichter erlernen.
Doch für eine flächendeckende Umsetzung dieser Sprachförderung fehlen weltweit passend ausgebildete Erzieher und Lehrkräfte. Auch in Deutschland selbst steckt die Fachausbildung von Erzieherinnen zur Fremdsprachenvermittlung noch in den Kinderschuhen. „Hier gilt es noch viel aufzuholen“, sagt Beate Widlok. Neben dem Ausbau universitärer Studien- und Weiterbildungsmöglichkeiten gilt es auch Kindergärten und Grundschulen länderübergreifend zu vernetzen: „Nur so können gemeinsame Leitlinien und Förderungsstrategien optimal erarbeitet werden.“
Goethe-Materialien
Kleine Kinder pauken noch keine Vokabeln, sie lernen spielerisch und ohne Leistungsdruck. Wie das funktionieren kann, zeigt das Buch Schnupperangebot: Deutsch als Fremdsprache im Kindergarten, ein Leitfaden für Erzieherinnen und Erzieher, die Kindern einen ersten Kontakt mit der Fremdsprache Deutsch ermöglichen wollen. Neben wichtigen Hinweisen zur Umsetzung bietet das Handbuch Unterrichtsmodule und viele praktische Hinweise. Informationen zu den Bestellmodalitäten und zu den einzelnen Kapiteln des Buchs gibt es online unter Ein Koffer Deutsches mit landeskundlichen Materialien für Lernstationen und Früharbeit oder das Klappbilderbuch von Hans Hase: Das Goethe-Institut bietet eine ganze Reihe verschiedener Materialien für den Elementar-und Grundschulbereich, sowie Gratis-Downloads, Informationsbroschüren und weiterführende Links.
Bettina Levecke
ist freie Journalistin.
ist freie Journalistin.
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Juni 2009
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