Immer im Wortfluss: der Simultandolmetscher

Gleichzeitig Zuhören und Sprechen in zwei verschiedenen Sprachen? Alltag für Simultandolmetscher. Ein Beruf, der nicht nur das perfekte Beherrschen zweier Sprachen voraussetzt, sondern auch darüber hinaus ständig höchste Ansprüche stellt.
Der neue US-Präsident Barack Obama ermutigt die Amerikaner in seiner Antrittsrede, sich den großen und schwierigen Aufgaben der nächsten Jahre zu stellen. Oscar-Gewinnerin Kate Winslet erzählt in ihrer Dankesrede, dass sie diesen Moment schon als Kind vor dem Spiegel geübt hat. Im EU-Parlament streiten Abgeordnete über geeignete Mittel gegen die Weltwirtschaftskrise. Während die Redner sprechen, hören Fernsehzuschauer weltweit und Abgeordnete verschiedenster Länder das Gesagte in ihrer Muttersprache. Dafür sorgen Simultandolmetscher. Sie übertragen die Redebeiträge praktisch zeitgleich in eine andere Sprache. Das sofortige Übertragen unterscheidet ihre Arbeit wesentlich vom Konsekutivdolmetschen, wo man kürzere Rede-Abschnitte erst in einer anschließenden Rede-Pause in die gewünschte Sprache überträgt.
Mehr Frauen als Männer
Rund 1.000 Konferenzdolmetscher, die aus dem Deutschen oder ins Deutsche übertragen, arbeiten laut Schätzung des Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) in Deutschland. Größter internationaler Arbeitgeber für Simultandolmetscher mit Muttersprache Deutsch ist der Gemeinsame Dolmetscher- und Konferenzdienst der Europäischen Kommission (SCIC) mit insgesamt 550 fest angestellten und 2.000 freiberuflichen Dolmetschern, darunter 60 fest angestellte und 267 freiberufliche Konferenzdolmetscher mit der Muttersprache Deutsch. Viele Aufträge kommen aus der Wirtschaft: Konferenzdolmetscher dolmetschen für Unternehmen, Verbände und internationale Organisationen bei Hauptversammlungen, technischen Fachkonferenzen und Pressekonferenzen. Der Anteil an Frauen ist in diesem Beruf hoch: Aleksandra Kwasnik, Pressesprecherin beim Verband der Konferenzdolmetscher (VKD), schätzt das Verhältnis auf 3:1 bis 4:1.
„Eine Permanente Herausforderung“
Simultandolmetschen erfordert perfekte Beherrschung beider Sprachen und höchste Konzentration, da Zuhören und Sprechen parallel ablaufen. Gewöhnlich arbeiten Simultandolmetscher mindestens zu zweit. In einer schalldichten Kabine hören sie die Rede per Kopfhörer und sprechen ihre Übertragung ins Mikrophon. Während der Rede wechseln sie immer wieder ab, helfen sich bei Schwierigkeiten. Gleichzeitig bemühen sich Simultandolmetscher um einen direkten Blick auf den Redner. Die nonverbale Kommunikation, also Gestik und Mimik, liefert wichtige Informationen nicht zuletzt bei Reden und Verhandlungen. „Auch die immer beliebter werdenden Powerpoint-Präsentationen sollten vom Dolmetscher mitverfolgt werden können, zum Beispiel das Zahlenmaterial bei einer Bilanzpressekonferenz. Ebenso die Geschehnisse auf einer Bühne bei einer Preisverleihung oder Gala“ sagt Aleksandra Kwasnik.
Entscheidend für eine erfolgreiche Arbeit ist die Vorbereitung. Je besser ein Dolmetscher das Thema der Rede kennt, je besser er sich im fachlichen Umfeld des Vortrags bewegen kann, desto geringer ist die Gefahr für Fehler. „Dieser Beruf ist eine permanente Herausforderung“, sagt Isabelle Raskin, 30. Seit sieben Jahren arbeitet sie unter anderem als Konferenzdolmetscherin für Deutsch und Französisch mit den Fachgebieten Wirtschaft, Recht und Technik. „Als Konferenzdolmetscher wird man ständig mit neuen Fachgebieten und Situationen konfrontiert. Spannend ist aber auch meine Grundaufgabe: Kommunikation zwischen Menschen zu ermöglichen, die sich ohne mich nicht verstehen würden. Es ist ein schönes Gefühl, gebraucht zu werden und zur Verständigung beitragen zu können.“
Zuhörzwang
Komplexe Themen, Fachwörter, undeutliche Aussprache – auf einen Simultandolmetscher warten viele Hürden. Probleme entstehen auch, wenn sich die Sprachen in ihrer Grammatik stark unterscheiden. Beispielsweise kommt im Englischen die Satzaussage, das Verb, sehr früh im Satz – im Deutschen häufig am Ende. Der Dolmetscher muss dann die Satzaussage erahnen, bevor der Sprecher dort angelangt ist. „Aus dem Deutschen zu dolmetschen ist natürlich eine Übung für sich, die bei regelmäßiger Praxis entsprechende Reflexe hervorruft“, sagt Isabelle Raskin. „Lange Sätze werden aufgeteilt, endlose einleitende Ausschweifungen ohne Verb verwandeln sich in ganze Sätze mit Verb. Auch warte ich – entgegen der allgemeinen Auffassung – nur ganz selten auf das Ende eines Relativsatzes. Mit ein bisschen Erfahrung kann man das Verb vorweg nehmen: Das ergibt sich aus dem Zusammenhang und aus vorher benutzten Redewendungen.“
So ein Beruf hinterlässt seine Spuren im Privatleben. Wer in der Arbeit ständig versucht, auch die kleinste sprachliche Information zu verstehen, zudem mehrere Sprachen versteht, wird außerhalb der schalldichten Kabine zwangsläufig von Informationen überschüttet: Auf der Straße, im Supermarkt, in Cafés. „Tatsächlich hat sich meine Art zu Hören durch diesen Beruf verändert“, sagt Isabelle Raskin. „Ich kann mich Gesprächen am Nebentisch im Restaurant oder in der U-Bahn nicht entziehen. Mein Gehirn ist darauf programmiert, jede sprachliche Information verstehen zu wollen – bewusst oder unbewusst.“ Manchmal bittet sie ihre Freude, den Fernseher oder das Radio im Hintergrund abzustellen, damit sie nicht doppelt zuhören muss. Ist der Zuhörzwang eine Berufskrankheit? Ja, aber Isabelle Raskin verwendet lieber den französischen Begriff „Déformation professionnelle“. „Das klingt nicht so schlimm.“
Jonny Rieder
ist freier Autor in München.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2009
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