Sprache und Beruf

Diskriminierungen in der Jugendsprache

Die alltägliche Verwendung von diskriminierenden Ausdrücken hat bei Jugendlichen zugenommen.  Foto: Steve Debenport © iStockphotoDie alltägliche Verwendung von diskriminierenden Ausdrücken hat bei Jugendlichen zugenommen.  Foto: Steve Debenport © iStockphotoBeleidigungen waren immer schon Teil der Jugendsprache. Doch viele haben den Eindruck, dass diskriminierende Ausdrücke in der Alltagssprache der Jugendlichen in Deutschland zugenommen haben.

„‚Ey, du Geiziger, gib mal Federtasche jetzt!‘, ruft der eine dem anderen zu, wobei ‚Geiziger‘ ein Synonym für ‚Jude‘ ist. ‚Wie siehst du denn aus? Bist du schwul?!‘ und ‚Heul mal jetzt nicht wie ein Mädchen!‘ sowie ‚Halt die Fresse, du Kurde!‘ sind keine Seltenheit in Berliner Klassenzimmern, nicht einmal in einer 12. Klasse.“ Für diesen Eintrag in einem Internetforum für Jugendliche erhält die Schreiberin viel Zustimmung. Viele Jugendliche haben den Eindruck, dass die alltägliche Verwendung von diskriminierenden Ausdrücken wie „schwul“, „behindert“ oder „du Jude“ in ihrer Altersgruppe zugenommen hat. Auch Lehrkräfte berichten, dass ein rauer Umgangston in vielen Klassenzimmern fast schon zur Tagesordnung gehört.

Gar nicht so gemeint?

Jugendliche plappern nach, was sie so aufschnappen.  Foto: Stacey Newman © iStockphotoDoch vielleicht ist die Ausdrucksweise nicht immer so brutal gemeint, wie sie in den Ohren von Eltern und Pädagogen klingt. Möglicherweise sind sich manche Jugendliche gar nicht im Klaren darüber, dass es diskriminierend ist, Wörter wie „schwul“ oder „Jude“ als Beschimpfung zu verwenden. Sie benutzen sie als „ganz normale“ Schimpfwörter – wenn andere „Depp“ oder „Dummkopf“ sagen würden. „Jugendliche plappern nach, was sie so aufschnappen. Das wirkt auf den ersten Blick unproblematisch, senkt aber eine Hemmschwelle“, warnt Sanem Kleff, die Leiterin der Initiative Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage in einem Interview mit der Amadeu-Antonio-Stiftung.

„Bei vielen Ausdrücken, die bewusst diskriminierend gebraucht werden, sind die historischen Konnotationen verblasst. Das könnte auch beim Ausdruck ‚Jude‘ der Fall sein“, vermutet die Jugendsprachforscherin Eva Neuland von der Universität Wuppertal. Sie betont aber, diese Überlegung sei hypothetisch. Wissenschaftliche Untersuchungen gibt es speziell für die Verwendung und Bedeutung von „Jude“ oder anderer diskriminierender Ausdrücke in der Jugendsprache nicht.

Bedeutungswandel in der Jugendsprache

Bei vielen Ausdrücken sind die historischen Konnotationen verblasst.  Foto: Tammy Bryngelson © iStockphotoDoch die Jugendsprachforschung kennt ähnliche Phänomene des Bedeutungswandels: Das frühere sexuelle Tabuwort „geil“ etwa hat sich seit den 1970er-Jahren zunächst in der Jugendsprache und inzwischen in der allgemeinen Umgangssprache zu einem Synonym von „toll“ oder „super“ entwickelt. „Aber manche ältere Herrschaften erschrecken immer noch, wenn ihr Enkel sagt: ‚Boah, ist das geil‘. Der Enkel weiß vielleicht gar nicht mehr, dass das Wort eine historische Bedeutung hat, die die Großeltern so zusammenzucken lässt“, sagt Eva Neuland.

Auch den umgekehrten Fall gibt es: Der Ausdruck „Schlampe“ bezeichnet ursprünglich ein unordentliches Mädchen. „Diese Unordentlichkeit ist heute sehr stark auf den Bereich Promiskuität eingegrenzt worden. Darum ist ‚Schlampe‘ heute unter Jugendlichen ein Schimpfwort“, so Neuland. Eltern können oft nicht nachvollziehen, dass ihre Tochter den Ausdruck als schwere Beleidigung versteht – denken sie dabei doch einfach an ein unaufgeräumtes Mädchenzimmer. „Das sind verborgene Wandelprozesse. Wir schauen immer nur auf die Wörter, die sich verändern, also die Ausdrucksformen, und weniger auf die Bedeutungen, die sich auch verändern können.“

„Necken“ statt „dissen“

Diskriminierende Ausdrücke in der Schule zu verbieten bringt nichts.  Foto: Lukasz Laska © iStockphotoAus der Wortwahl allein, lässt sich also nicht auf eine Verrohung der Jugend und ihrer Sprache schließen. Es muss immer berücksichtigt werden, mit welcher Intention ein Sprecher einen Ausdruck verwendet. Wahrscheinlich wurde in früheren Zeiten unter Jugendlichen genauso „gemobbt“ und „gedisst“ wie heute, vermutet Eva Neuland. Nur sei die soziolinguistische Methodik noch nicht so weit entwickelt gewesen, um dies genauer zu dokumentieren. „Und damals gab es andere Begriffe dafür. Man sprach von ‚necken‘ oder regionaltypisch von ‚zergen‘.“

Neuland rät Lehrerkräften, Jugendsprache im Unterricht zu thematisieren und den Schülerinnen und Schülern die diskriminierenden Wirkungen ihrer Äußerungen bewusst zu machen. „Böse Wörter“ in der Schule zu verbieten, bringe hingegen nichts, glaubt die Sprachwissenschaftlerin. „Und wenn jemand mit Sprache verletzen will, dann stößt der Sprachunterricht sicherlich an die Grenzen seiner Einflussmöglichkeiten“, sagt Neuland. Wenn Jugendliche Diskriminierungen bestimmter Gruppen ganz bewusst zum Ausdruck bringen, ist die politische Bildungsarbeit gefordert, dem entgegenzuwirken. Einrichtungen wie die Amadeu-Antonio-Stiftung oder die Initiative Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage unterstützen Schulen, pädagogische Fachkräfte und andere Multiplikatorinnen und Multiplikatoren bei dieser schwierigen Aufgabe.

Christoph Brammertz
ist Kommunikationswissenschaftler und Germanist. Er arbeitet als
Online-Redakteur bei „Schulen ans Netz e. V.“ in Bonn und lebt in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2011

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