Sprache und Gesellschaft

Wörterbuch 2.0

Die Wörterbuch-Verlage reagieren auf das Web 2.0 Foto: M. G. Mooij © iStockphotoDie Wörterbuch-Verlage reagieren auf das Web 2.0 Foto: M. G. Mooij © iStockphotoDas Zeitalter des gedruckten Nachschlagewerks geht zu Ende. Auch der deutsche Wörterbuchmarkt verlagert sich zunehmend ins Internet. Neue Anbieter und alteingesessene Verlage versuchen, die Vorteile des Web 2.0 zu nutzen.

Die nächste Auflage der Brockhaus-Enzyklopädie wird wahrscheinlich nicht mehr in gedruckter Form erscheinen. Der Grund liegt auf der Hand – und zwar schwer: 70 Kilogramm gedrucktes Weltwissen liegen wie Blei in den Regalen der Buchhandlungen, weil das Internet sich zum kostenlosen und überall verfügbaren Menschheitsgedächtnis entwickelt hat. „Brockhaus hat den Kampf gegen die Online-Nachschlagewerke wie Wikipedia verloren und damit den Rang als Autorität gedruckten lexikalischen Wissens“, schreibt das Handelsblatt. Die Bibliographische Institut AG verkaufte die Marke Brockhaus Anfang 2009 an den Konkurrenten Bertelsmann. Was der damit vorhat, ist ungewiss.

Den Untergang vor Augen

Die Verlage spüren den Konkurrenzdruck aus dem Internet  Foto: Ryan Lane © iStockphotoSo bedrohlich wie bei den enzyklopädischen Lexika ist die Lage bei den Sprachwörterbüchern noch nicht. Doch auch Verlage wie Duden, Pons oder Langenscheidt spüren den Konkurrenzdruck aus dem Internet. So waren die Verkaufszahlen des Marktführers im Bereich der deutschen Rechtschreibung, des Dudens, gegenüber dem Vorjahr zwar stabil, doch im Vergleich zum Vorgänger von 2006 liegt die 2009 erschienene 25. Auflage weit zurück.

Den Brockhaus-Untergang vor Augen versuchen die Verlage die Flucht nach vorn und stellen ihre Inhalte nicht nur online, sondern oft auch kostenlos zur Verfügung. So bietet der Wörterbuchverlag Pons im Internet Übersetzungswörterbücher für acht europäische Sprachen und außerdem ein frei zugängliches, werbefinanziertes Wörterbuch der deutschen Rechtschreibung an.

Quasi-Monopol: Duden-Rechtschreibung weiterhin kostenpflichtig

Seit der Reform der deutschen Rechtschreibung lässt das amtliche Regelwerk in vielen Fällen mehrere Schreibweisen zu. Deshalb verlassen sich viele auf die sogenannten Duden-Empfehlungen, die vom Verlag vorgeschlagenen Varianten. Diese exklusive Leistung lässt sich Duden bezahlen: über den Verkauf des Wörterbuchs, von Korrektur-Software, aber auch über seine kostenpflichtige Duden-Suche im Netz. Für 7,95 Euro Monatsgebühr hat der Abonnent neben der deutschen Rechtschreibung, inklusive der begehrten Empfehlungen, Zugriff auf weitere 13 Spezialwörterbücher.

Angebote aus dem Netz wie Leo.org sind zu ernst zu nehmenden Konkurrenten erwachsen  Foto: © LEO GmbHWährend es sich der Duden-Verlag bei der Orthografie noch erlauben kann, sein Quasi-Monopol auch im Internet kostenpflichtig zu vermarkten, ist dies bei anderen Dienstleistungen kaum noch möglich. Denn viele Angebote aus dem Netz sind zu ernst zu nehmenden Konkurrenten erwachsen. So ist die Leo GmbH – hervorgegangen aus einer studentischen Initiative – mit ihren Wörterbüchern für fünf Fremdsprachen mit bis zu 13 Millionen Wortabfragen täglich Branchen-Primus im Online-Geschäft.

Oder das Wörterbuch Wiktionary, das nach dem gleichen Prinzip wie die große Schwester Wikipedia funktioniert: Nutzer schreiben das vielsprachige Wörterbuch selbst. Aktueller Stand: rund 45.000 Einträge in deutscher Sprache. Auch wissenschaftliche Websites wie das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache des 20. Jahrhunderts der Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften oder das Wortschatz-Portal der Uni Leipzig bieten etwa eine Vielzahl von authentischen Verwendungsbeispielen aus großen Textkorpora, mit deren Hilfe sich Bedeutung und Verwendungsweise besser erschließen lassen als über abstrakte Definitionen.

Denken in Auflagezyklen ist hinfällig

Nachschlagewerke sind naturgemäß niemals abgeschlossen. Auch deshalb ist die Zukunft von gedruckten Lexika, Enzyklopädien und Wörterbüchern fraglich. Matthias Wermke, Leiter der Duden-Redaktion, glaubt, dass heutzutage „viele Menschen rascher mit neuen und aktualisierten Wörterbüchern versorgt werden möchten als noch vor zehn oder zwanzig Jahren“, und reagiert mit neuen Auflagen in immer schnellerer Folge.

Webbasierte Datenbanken allerdings sind immer einen Schritt voraus, denn sie machen das Denken in Auflagezyklen hinfällig. Aktuelle Entwicklungen können permanent und in allen Teilen eines Nachschlagewerkes eingearbeitet werden. Da bei offenen Datenbanken außerdem statt einem kleinen Kreis von Fachredakteuren unzählige Nutzer mitarbeiten, sind sie in der Aktualität kaum zu schlagen. Bei der Zuverlässigkeit der Inhalte hingegen schon. Zwar werden grobe Fehler und gezielte Manipulationen meist rasch entdeckt und korrigiert – sicher kann man sich jedoch nie sein, ob ein Eintrag stimmt.

Die Zukunft von gedruckten Lexika, Enzyklopädien und Wörterbüchern ist fraglich  Foto: ytwong © iStockphotoDie Fachverlage versuchen deshalb zunehmend, sich ebenfalls die Mitarbeit der Netz-Gemeinde zunutze zu machen. Bei Pons zum Beispiel kann jeder an den Online-Wörterbüchern mitschreiben, die Redaktion überprüft die neuen Einträge. Damit sei Pons.eu „das erste Online-Wörterbuch, in dem Marken-Content und Benutzer-Beiträge zusammenführt sind“, so der Verlag.

Neue Wege der Stichwortsammlung

Auch Duden experimentiert mit dem Web 2.0, bisher allerdings nur auf dem Gebiet der Jugendsprache, hier jedoch konsequent: Das Szenesprachen-Wiki entsteht vollständig durch User-Beiträge. Inzwischen ist als eine Art „Best of“ der Online-Einträge ein gedrucktes Szenesprachen-Wörterbuch erschienen. „Schon immer haben die Benutzerinnen und Benutzer auf den Inhalt der Duden-Wörterbücher Einfluss genommen“, sagt Matthias Wermke, „aber bei keinem ist dies so unmittelbar der Fall wie bei diesem Projekt. Ein spannendes Unterfangen, das möglicherweise auch Auswirkungen auf unsere künftige Arbeit haben wird.“

Christoph Brammertz
ist Kommunikationswissenschaftler und Germanist. Er leitet die Online-Redaktion der Jugendzeitschrift SPIESSER in Dresden.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Januar 2010

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