Sprache und Gesellschaft

Wie schimpft die Welt?

Jede Sprache hat ihre eigene Schimpfkultur  Foto: Nina Malyna © iStockphotoJede Sprache hat ihre eigene Schimpfkultur. Foto: Nina Malyna © iStockphotoSchimpfen und Fluchen gehören zum deutschen Alltag und begegnen einem fast überall. Andere Länder, andere Sitten, das gilt auch für die Verwendung von Schimpfwörtern. Denn wie man schimpft und flucht, ist in jedem Land unterschiedlich.

Ursprünglich bezeichneten Schimpfwörter etwas Negatives und dienen dazu, einen Menschen zu beleidigen und zu verletzen. Im 19. Jahrhundert wurden Schimpfwörter im Deutschen so gewählt, dass sie die Fehler und Schwächen des Gegenüber bezeichnen. Heute sind sie nicht mehr so individuell. Eher kann man von einer Auswahl an Schimpfwörtern sprechen, die unabhängig vom Charakter eines Menschen sind. Dabei sind sie gar nicht unbedingt gegen eine Person gerichtet und auch der Nutzen für den Schimpfenden hat sich verändert. So hieß es noch 1839 im Deutschen Schimpfwörterbuch, Schimpfen erleichtere jedem das Herz, sei gesund, diene dem Ansporn, verschaffe dem Schimpfenden mehr Ansehen, schütze gegen Feinde und könne Streit schlichten.

Eine eher unfeine, aber gebräuchliche Geste  Foto: Wolfgang Amri © iStockphotoHeute verschafft die Verwendung von Schimpfwörtern nur bedingt Ansehen (zum Beispiel innerhalb einer Gruppe Jugendlicher, in der es als cool gilt, andere zu beleidigen), und ein Streit wird oft verstärkt, wenn man sich beleidigt. Ebenso bringt man seine Feinde eher gegen sich auf, indem man sie beschimpft, als sie von sich fern zu halten.

So schimpft die Welt

Jede Sprache hat ihre eigene Schimpfkultur und die Bereiche, denen die Schimpfwörter entstammen, sind unterschiedlich. Trotzdem gibt es Überschneidungen: Schimpfwörter kommen aus dem Bereich des menschlichen Körpers, besonders der Geschlechtsteile und der Fäkalsprache, dem Bereich der Krankheiten, der Religion und der familiären Herkunft.

Noch relativ harmlos: der Esel  Foto: Marco Maccarini © iStockphotoWir Deutschen schimpfen und fluchen, um Ärger auszudrücken. Wenn wir uns über eine Situation ärgern, sagen wir „Scheiße“. Dieser Ausdruck wird gerne konkret auf Dinge angewandt, dann in der Form „scheiß Auto“ oder „scheiß Job“. Die Franzose schimpfen ebenso mit „merde“, die Spanier mit „mierda“, die Italiener sagen „merda“. Ein häufig gebrauchter, beleidigender deutscher Ausdruck für einen Menschen ist „Arschloch“. Dieses Wort entspricht dem englischen „Asshole“. Ähnliche Ausdrücke, die ebenso übersetzt werden, auch wenn sie eigentlich eine andere Bedeutung haben, gibt es zum Beispiel auch im Italienischen mit „faccia di merda“ (wörtlich: Angesicht der Scheiße) und im Französischen mit „con“, was auch „Blödmann“ heißen kann. Besonders im Italienischen sind vulgäre Schimpfwörter aus dem Bereich der Geschlechtsteile weit verbreitet. „Coglione“, das mit „Arsch“ oder „blöder Hund“ übersetzt werden kann, bedeutet wörtlich „Hoden“. Häufig gebraucht wird auch „Cazzo“, ein Vulgärausdruck für „Penis“. Auch im Ungarischen sind Wörter wie „fasz“ (Schwanz) und „pina“ (Muschi, Vagina) gebräuchlich.

Eine Frage der Ehre

Jemanden als „Nutte“ zu beschimpfen, gilt sowohl im Deutschen, als auch im Englischen (Bitch), Spanischen (Puta), Französischen (Putain), Ungarischen (Kurva) und in vielen anderen Sprachen als sehr beleidigend. Kurden versuchen dagegen in erster Linie, die Herkunft des anderen schlecht zu machen. Zu diesem Zweck wird oft die Bezeichnung für „Nutte“ gebraucht. Es wird aber nicht eine Person damit beschimpft, sondern ihre Herkunft herabgesetzt, indem man sie als „Kind einer Hure“ bezeichnet. Dasselbe wird durch die Verwendung von Tiernamen erreicht (Kind eines Esels, Hundes, Schweins, etc.). Wenn man jemanden schlimm beschimpfen möchte, beschmutzt man verbal die Familienehre, indem man sagt, wen man alles „gefickt“ hat, also mit wem aus der Familie des anderen man Geschlechtsverkehr hatte (ich habe deine Schwester, Mutter, Oma gefickt).

Jemanden als „Nutte“ zu beschimpfen, gilt als sehr beleidigend. Foto: Alexey Utemo © iStockphotoÄhnlich ist es im Arabischen, wo Schimpfen alltäglich ist. Auch hier wiegt das Beleidigen der Familie durch Ausdrücke wie „nik umik“ (fick deine Mutter) oder „ouild kahba“ bzw. „ouild sharmuta“ (Sohn einer Schlampe) schwer. Demgegenüber gibt es Ausdrücke wie „Bhim“ oder „Himar“ (beide „Esel“), die sehr häufig gebraucht werden und nicht so beleidigend sind. Je nach Land unterschiedlich schwer werden Verfluchungen gewertet, wie zum Beispiel „naandin rabb“ (Verflucht sei der Herr deines Herrn), da sie meistens Gott mit einbeziehen. In Ägypten oder Saudi-Arabien könnte man für den Gebrauch eines solchen Fluchs ins Gefängnis kommen, da Gott beziehungsweise Allah beleidigt wird, was in islamischen, besonders in arabischen Ländern als Unsitte gilt. In Tunesien hingegen ist diese Form der Beleidigung in der Gesellschaft fest verankert, weshalb sie dort nicht so schwer wiegt.

Das Schimpfwort als Füllwort

„Ficken“, das auch im Deutschen als Vulgärausdruck für Geschlechtsverkehr steht, ist im Ungarischen beliebt, wo besonders Landbewohner und Jugendliche fluchen und schimpfen. Der Ausdruck „baszd meg“ (fick es) wird oft in einen Satz eingebaut, hat dabei aber nicht seine wörtliche Bedeutung sondern heißt etwa „verdammt“, „na so was“, „ist es nicht so?“, oft als Füllwort ohne jegliche Bedeutung. Fast einzigartig: Holländer gebrauchen fast ausschließlich Krankheitsbezeichnungen zum Schimpfen und Fluchen.

Constanze Fiebach
ist Literaturwissenschaftlerin an der Universität Düsseldorf und freie Journalistin. Sie lebt in Essen.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2010

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