ELDIA misst die Kräfte zwischen den Sprachen in Europa

Im März 2010 ist das interdisziplinäre Forschungsprojekt ELDIA gestartet. Projektkoordinatorin Anneli Sarhimaa erklärt, wie es zum besseren Verständnis der Interaktion zwischen den Sprachen im heutigen Europa beitragen soll.
Frau Professorin Sarhimaa, „European Language Diversity for All“ heißt das interdisziplinäre Forschungsprojekt, das Sie koordinieren. Warum „for All“?
Der Schwerpunkt unseres Projekts liegt auf dem gemeinsamen Handeln von Mehrheiten und Minderheiten. An der aus dieser Interaktion entstehenden gesellschaftlichen Realität sollen dementsprechend auch alle Beteiligten teilhaben können.
Wie interagieren Sprachen denn?
Mehrheiten und Minderheiten interagieren miteinander, ebenso regionale Sprachen, Nationalsprachen und internationale Verkehrssprachen. Sprachen interagieren miteinander über ihre Sprecher. Dabei können sie sich gegenseitig beeinflussen, etwa indem bestimmte Elemente aus einer in eine andere Sprache entlehnt werden oder sie in bestimmten Domänen miteinander konkurrieren.
Das Ziel Ihres Projekts ist es, eine systematische und generalisierbare Methode zu entwickeln, mit der sich die verschiebenden Kräfte zwischen europäischen Sprachen beschreiben, messen und bewerten lassen ...
Ja, wir streben mit dem European Language Vitality Barometer, kurz: EuLaViBar, die Entwicklung eines multidimensionalen Modells an, das die vielen Facetten der sozialen, sprachlichen und rechtlichen Situation der finnougrischen Minderheitensprachen abbildet.
Nach welchen Kriterien haben Sie die 14 Sprachgemeinschaften, die untersucht werden, ausgewählt?
Die von uns gewählten Sprachen decken das gesamte Spektrum an Minderheitensprachen ab und sind somit für die Entwicklung eines universell anwendbaren Vitalitätsbarometers bestens geeignet. Unter den untersuchten Sprachen findet man historische und in jüngerer Zeit eingewanderte Minderheiten, aber auch solche, auf die beides zutrifft – zum Beispiel in Schweden lebende Finnen. Es finden sich darunter Sprachen auf beiden Seiten der Ost-West-Grenze und solche mit etablierten oder sehr jungen Schriftsprachen.
Wie muss man sich die Forschung praktisch vorstellen?
Unser Statistiker entwickelt zusammen mit den anderen Forschern des Projekts ein statistisch repräsentatives Werkzeug zur Stichprobenerhebung. Es wird einen standardisierten Fragebogen geben, der zunächst in einer Pilotuntersuchung getestet wird. In diesem Fragebogen wird unter anderem untersucht, welche Sprachen in der Familie des Befragten gesprochen wurden, welche er oder sie heute in welchem Umfeld benutzt und wie Mehrheiten und Minderheiten im Selbst- und Fremdbild wahrgenommen werden.
Anschließend werden diese Fragebögen an eine repräsentative Auswahl von Personen geschickt. Darüber hinaus führen unsere Feldforscher persönliche Interviews durch, welche auf Video aufgezeichnet und dann ausgewertet werden. Die anschließend erstellten Fallstudien werden durch die methodologische Konsistenz miteinander direkt vergleichbar sein.
Außerdem sind an diesem interdisziplinären Forschungsvorhaben Juristen und Soziologen beteiligt. Die Juristen beschäftigen sich mit den geltenden Bestimmungen, denen die von uns erforschten Sprechergruppen unterworfen sind. Dies betrifft die spezielle Gesetzgebung bezüglich der Minderheiten genauso wie die für alle Bürger geltenden Regelungen. Die Soziologen werden Medienanalysen durchführen, um die für unser Projekt relevanten Diskurse herauszuarbeiten.
Wie unterscheidet sich ELDIA von anderen Forschungsprojekten zum Thema Mehrsprachigkeit in Europa?
Mehrsprachigkeit in Europa wird zumeist im Hinblick auf die Konkurrenz von Nationalsprachen und internationalen Verkehrssprachen untersucht, zum Beispiel das Verhältnis von Französisch oder Deutsch zum Englischen. Wurden Minderheitensprachen untersucht, so konzentrierte man sich auf die Angehörigen der Minderheiten.
Wir beziehen dagegen sowohl die National- und Verkehrssprachen als auch die Minderheitensprachen mit ein und berücksichtigen dabei Angehörige der Minderheiten ebenso wie die der Mehrheiten. Unser Projekt erforscht damit mehr Dimensionen als bisherige Projekte.
Geht es auch um die Rivalität zwischen den Sprachen?
Selbstverständlich rivalisieren Sprachen miteinander. Je nachdem, in welchen gesellschaftlichen Domänen eine Sprache verwendet wird, erhält sie Eingang in verschiedene Lebensbereiche und kann dort zum Beispiel die bisherige Sprache verdrängen.
Wir möchten in unserem Projekt den Vitalitätsgrad von Sprachen untersuchen, worin auch die Konkurrenz zu anderen Sprachen – direkt oder indirekt – enthalten sein wird. Wir möchten dies jedoch nicht bewerten und unser Hauptaugenmerk auf das gemeinsame Handeln und Entscheiden von Mehrheiten und Minderheiten legen.
Inwieweit werden die Ergebnisse des Projekts auf andere Sprachräume auch außerhalb Europas übertragbar sein?
Das EuLaViBar soll universell einsetzbar sein. Durch die Auswahl einer großen Bandbreite an Ausgangssituationen werden bereits viele mögliche Szenarien abgedeckt. Neben seiner universellen Einsetzbarkeit und Übertragbarkeit wird das Barometer jedoch auch so offen konzipiert, dass notwendige Anpassungen, welche für die Untersuchung von bestimmten Sprachen notwendig sind, möglich sind und trotzdem das Grundgerüst von ELDIA erhalten bleibt.
Dagmar Giersberg
führte das Gespräch. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.
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Mai 2010
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