„Mit der Sprache stirbt Kultur“

Am Anfang war das Wort, aber jetzt ist das Wort am Ende: in mannigfacher Weise. Das sagt der Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant. Mit Goethe.de sprach er über das Verstummen der Jugend, deutsche Sprachscham, ein Museum toter Sprachen und die Vorzüge einer Renaissance von Latein als europäischer Verkehrssprache.
Herr Trabant, momentan plappert, talkt, simst, twittert oder mailt die Menschheit, als hinge ihr Überleben davon ab. Trotzdem denken Sie über das Sterben der Sprache nach. Ist das kein Widerspruch?
Keineswegs. Es ist ja nur die Geschwätzigkeit, die zunimmt. Tatsächlich gibt es auf verschiedensten Ebenen Indizien, die auf das Ende der Sprache und der Sprachen hindeuten.
Auf der Müllhalde der Geschichte?
Welche Indizien haben Sie ausgemacht?
Beim kommunikativen Verhalten beobachte ich einen zunehmenden Verlust von sprachlicher Tätigkeit. So ist bei der Sozialisation junger Männer die reine Geste oft wichtiger als sprachliche Kommunikation, die ja immer auch Gedanken enthält. Da wird auf die Straße gespuckt, um ein Revier zu markieren, weggeschubst, statt „Geh weg!“ gesagt, oder die Gruppe unartikuliert „zusammengebellt“.
Auf der Ebene der Nationalsprachen reduziert sich die Vielfalt ohnehin in einem erschreckenden Maß: Momentan existieren noch rund 6.000 Sprachen, in einhundert Jahren werden Schätzungen zufolge nur mehr 200 bis 600 übrig sein.
Die Abkehr der Eliten
Sie haben einmal gesagt, dass auch das Deutsche keine große Zukunft mehr vor sich habe. Ist bald auch das Deutsche tot?
Natürlich wird das Deutsche mit seinen hundert Millionen Sprechern nicht von heute auf morgen aussterben.
Entscheidend aber ist, dass das Deutsche in den wichtigen und prestigereichen Diskursfeldern zugunsten des Englischen bereits aufgegeben wird – etwa in der Wissenschaft oder im geschäftlichen Bereich.
Gerade in Deutschland driftet die Elite ab aus ihrer Muttersprache. Ihre Kinder werden auf Englisch erzogen, um sie in eine weltweite Aristokratie einzubeziehen. Dadurch sinkt das Ansehen des Deutschen immens – mit weitreichenden Konsequenzen, auch nach „unten“. Warum etwa sollen Migranten Deutsch lernen, wenn es die deutschen Eliten allenfalls noch im Familienkreis sprechen wollen?
Eine Familiensprache haben Migranten ja schon, sie brauchen keine zweite. Aber sie brauchen eine öffentliche oder Arbeitssprache.
„Die Sprachscham wirkt bis heute nach“
Wie ist diese Abkehr der Eliten erklärbar?
Das liegt zum einen an allgemeinen Globalisierungstendenzen, zum anderen aber sicher auch am deutschen Spezialproblem, dass wir nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus nicht mehr an unsere Muttersprache glauben wollen. Diese Sprachscham wirkt bis heute nach – und schwächt die Sprachloyalität. Sprachen sind ja nicht nur zum praktischen Kommunizieren da. Das ganze Denken und die ganze Kultur einer Sprachgemeinschaft wird über sie transportiert.
Sprachen adoptieren
Wie müsste Sprachpolitik dieser Gefahr des Verstummens entgegenwirken?
Sprachpolitik ist ja im Wesentlichen Schul- und Erziehungspolitik. Und da brauchen wir ein Wiedererstarken des Deutschunterrichts.
Heute geht die ganze Leidenschaft ehrgeiziger Schuldirektoren in den anglophonen Unterricht. In etlichen Fächern wird das Englische als Unterrichtssprache gefördert, dies schwächt das Deutsche in diesen Bereichen. Und der Deutschunterricht ist im pragmatischen Sinn pervertiert worden. Da werden eher Sachtexte und Filme abgehandelt als deutschsprachige Literatur.
Der Fremdsprachenunterricht wiederum sollte die großartige Idee der „persönlichen Adoptivsprache“ aufgreifen, die die Europäische Kommission auf Anregung ihres damaligen Sprachkommissars Leonard Orban entwickelt hat. Sie besagt, dass jeder EU-Bürger neben dem globalen Englisch noch eine europäische Sprache erlernen soll, um sich mit der Kultur des Nachbarn zu befreunden.
Neben der Muttersprache und dem Englischen als globaler Kommunikationssprache kämen dann im Unterricht noch die „Adoptivsprachen“ hinzu. Das ist eine Bildungsaufgabe, die wir nicht vergessen sollten.
Die Kathedralen des Denkens verrotten
Und was ist gegen das Sprachensterben zu tun?
Nur wenig. Am Ende werden nur jene Sprachen überleben, die viele Sprecher haben. Aber wir müssen auch jene Sprachen, die verschwinden, unbedingt aufbewahren – weil ihre teils merkwürdigen Strukturen und Grammatiken zeigen, wie unterschiedlich Menschen denken können.
Die Menschheit muss ein „Museum der Sprachen“ schaffen. Wir setzen uns ein für die Restaurierung von Kathedralen, aber die Kathedralen des Denkens lassen wir einfach untergehen.
„Der Triumph der Dummheit“
Wird vielleicht doch am Ende nur eine Universalsprache überleben?
Ich glaube nicht. Zwar male ich das Menetekel immer wieder selber an die Wand: den Triumph der Dummheit, wenn alle nur noch Englisch sprechen. Aber das ist natürlich nur eine rhetorische Übertreibung.
Wäre es da aus Gründen kommunikativer Gerechtigkeit nicht ohnehin besser, für den Alltag eine Kunstsprache wie Esperanto einzuführen?
Davon halte ich gar nichts. Da wäre aus meiner Sicht, zumindest für Europa, Latein noch besser. Hinter dem Lateinischen steht ja eine große Literatur, die bei Esperanto völlig fehlt. Aber vielleicht ist es doch besser, statt an einer künstlichen oder einer toten Sprache an einer lebendigen Kultur wie der englischen und amerikanischen zu partizipieren.
An Vielfalt erinnern
Ist das auch die Botschaft, die Sie Ihren Studenten als „Professor of European Plurilingualism“ vermitteln?
Als „Professor of European Plurilingualism“ erinnere ich meine englischsprachigen Studenten aus aller Welt daran, dass sie auch andere Sprachen sprechen, und dass diese Sprachen wertvoll sind – auf Englisch, versteht sich. In diesem Rahmen verhandeln wir zumeist problematische Fälle der Globalisierung, die ja oft auch mit dem Ende der Sprache und dem Tod von Sprachen verbunden sind.
Dabei erfahre ich die mit der englischen Einsprachigkeit verbundenen Gefahren als Professor am eigenen Leib: Nicht ins Englische übersetzte Erkenntnisse der deutschen, italienischen oder französischen Geisteswissenschaft werden in dieser anglophonen Welt nicht mehr wahrgenommen. Da gehen ganze Bibliotheken von angesammeltem Wissen einfach unter.
führte das Gespräch. Er ist einer von zwei Leitern eines Redaktionsbüros und arbeitet als Literaturkritiker, Kultur- und Wissenschaftsjournalist (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, NZZ am Sonntag, Westdeutscher Rundfunk) in Köln.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2011
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