Mehrsprachigkeit und Bildung

Erfahrungen systematisch nutzen lernen – das Konzept des Tertiärsprachenunterrichts

Mehrsprachigkeitsforscher gehen davon aus, dass Fremdsprachenlernen effektiver ist, wenn man bewusst auf bereits vorhandene Sprach- und Sprachlernerfahrungen zurückgreifen kann. Mittlerweile ist das Konzept in der Unterrichtspraxis angekommen – wenn auch längst nicht überall.

Der Kopf eines Menschen, der bereits neben seiner Muttersprache eine Fremdsprache gelernt hat, steckt voller Erfahrungen, die unterschiedlicher Natur sein können. Zum einen sind das Erfahrungen mit dem Lernen als solchem, zum anderen Erfahrungen mit dem System Sprache.

Werden diese Erfahrungen geschickt aktiviert, helfen sie dabei, weitere Sprachen schneller zu lernen. Davon gehen jedenfalls die Sprachlernforscher und Didaktiker aus, die sich mit dem Phänomen Mehrsprachigkeit auseinandersetzen und Konzepte für den sogenannten Tertiärsprachenunterricht entwickeln.

Tertiärsprachen anders unterrichten

Als Tertiärsprachen bezeichnet man gemeinhin diejenigen Sprachen, die nach der ersten Fremdsprache erlernt werden. Der Unterricht in diesen Sprachen – ein Beispiel ist Deutsch als Fremdsprache (DaF) nach Englisch – sollte nach Meinung der Tertiärsprachendidaktiker anders verlaufen als der Unterricht in der ersten Fremdsprache.

Davon ist auch Britta Hufeisen überzeugt, die an der Technischen Universität Darmstadt den Lehrstuhl für DaF innehat. Sie fordert, die beim Lerner vorhandenen Sprachkenntnisse und Sprachlernerfahrungen konsequent und systematisch in den Unterricht einzubeziehen.

Bewusstmachung als Schlüssel

Doch die Lernenden aktivieren ihren durch die erste Fremdsprache gewonnenen Erfahrungsschatz in der Regel nicht völlig aus eigenem Antrieb. „Sie müssen systematisch dazu angeleitet und ermutigt werden, Vor- oder Rückgriffe auf ihr Sprachenrepertoire vorzunehmen – gerade auch an Schulen, wo man es mit einer Vielzahl von Herkunftssprachen zu tun hat“, erläutert die Professorin. „Dabei ist die Bewusstmachung der Schlüssel dazu, Erfahrungen und Kenntnisse überhaupt transferieren zu können. Es muss geübt werden, wie man den Rückblick auf die zuvor gelernten Fremdsprachen gestalten kann – neben dem Transfer spielen hier intelligentes Raten und Hypothesenbildung eine wichtige Rolle.“

Sprachen vernetzen

Das Konzept des Tertiärsprachenunterrichts ist eingebettet in die Idee eines Gesamtsprachencurriculums, in dem die verschiedenen Sprachen miteinander interagieren. Letztlich geht diese Idee auf Ergebnisse der Neurolinguistik zurück, die nachweisen, dass alle Sprachen im Gehirn des Lernenden miteinander vernetzt sind.

Diese ohnehin bestehende Vernetzung soll in Lerngruppen genutzt werden. „Eine Idee ist etwa ein Projekt zum Thema Tempora. Dabei könnten an Schulen die Kategorien Nach- und Vorzeitigkeit für mehrere Sprachen gemeinsam eingeführt werden“, erklärt Britta Hufeisen. „Allerdings setzt das die Bereitschaft zur Kooperation unter den Lehrkräften voraus.“

Eine besonders große Verantwortung kommt im Konzept des Tertiärsprachenunterrichts den Lehrenden der jeweils ersten Fremdsprache zu, da in ihrem Unterricht die Grundlagen für das Lernen der Folgefremdsprachen gelegt werden. „Hier kann die Tür zu einem Gesamtsprachencurriculum und zu Mehrsprachenlernen aufgestoßen werden, darum muss die erste Fremdsprache besonders reflektiert unterrichtet werden.“

Umsetzung in Lehrwerken

In den neueren Lehrwerken hat die Tertiärsprachendidaktik bereits ihren Niederschlag gefunden. Hier werden beispielsweise auf dem Weg des Rückgriffs auf Internationalismen andere Sprachen mit einbezogen. Immer mehr Lehrwerke geben auch sprachstrategische Hinweise. Lerntipps weisen auf bereits gemachte Erfahrungen mit dem Fremdsprachenlernen hin. Die Schüler werden dazu angeleitet, sich bewusst zu machen, wie sie am effektivsten Vokabeln lernen oder an einen neuen Text in der Fremdsprache herangehen.

Die Erkenntnisse aus der Tertiärsprachenforschung werden aber auch genutzt, um für Deutsch als zweite oder dritte Fremdsprache zu werben. „Etwa im schwedischen Lehrwerk Lust auf Deutsch“, berichtet die Mehrsprachigkeitsforscherin. „Dort heißt das erste Kapitel ‚Deutsch gratis‘. Und es wird etwa folgendermaßen argumentiert. ‚Lieber Lerner, guck’ dir mal den nächsten Text an. Das ist zwar ein deutscher, aber du verstehst schon drei Viertel davon, weil du Schwedisch und Englisch kannst. Wenn du also alles mit einbeziehst, was du schon kannst, dann ist Deutsch gar nicht mehr so schwierig.‘“

Ein europäisches Konzept?

Allerdings haben die jüngsten Forschungen ergeben, dass das Konzept nicht in allen Kulturkreisen gleichermaßen gut funktioniert. „Eine Doktorandin hat festgestellt, dass es den Lernenden in Malaysia aufgrund ihrer Lerntraditionen vollkommen fremd ist, vom Lerngegenstand zu abstrahieren und ihn quasi von oben zu betrachten“, sagt Britta Hufeisen.

Auch in Burkina Faso scheint das Konstrukt der Bewusstmachung nicht so aufzugehen, wie es in Europa, Nordamerika und Australien der Fall ist. „Wir müssen in der Fremdsprachendidaktik besser im Hinterkopf behalten, dass das, was wir als ideal ansehen, nicht die ganze Welt glücklich machen kann“, räumt Britta Hufeisen ein. „Doch das soll nicht bedeuten, dass wir zu unserem alten Schubladendenken zurückkehren – wo jede Schublade für genau eine Sprache reserviert ist. Wir sollten weiterhin versuchen, das Potenzial, das durch die Vernetzung im Gehirn der Lerner vorhanden ist, zu kanalisieren, zu steuern und damit besser zu nutzen.“

Dagmar Giersberg
arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Dezember 2007

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