Mehrsprachigkeit und Bildung

Unterricht multimedial: Laptops in deutschen Klassenzimmern

Eine Schülerin an ihrem Laptop. Foto/Copyright: Christoph BrammertzChristiane und Susanne erzählen von Kellys kuriosen Erlebnissen in einem Gewächshaus. Auf den Inhalt der selbst geschriebenen, multimedial präsentierten Geschichte kommt es aber gar nicht an; der ist nur das Vehikel, mit dem die beiden Schülerinnen des Gymnasiums im oberbayrischen Bad Aibling ihren Klassenkameraden englische Vokabeln wie „green house“ oder „tropical rainforest“ nahebringen wollen.

Das, was die beiden Achtklässlerinnen zu Hause auf ihren Laptops vorbereitet haben, erscheint nun via Netzwerk und Beamer hinter ihnen an der Wand. Statt der neuen Wörter erscheinen zunächst Fotos der zu benennenden Objekte, außerdem Fragen zum Beispiel danach, wozu ein Gewächshaus gut sei. So können Christiane und Susanne überprüfen, ob ihre Mitschüler die Bedeutung der Vokabeln wirklich verstanden haben. Zugleich übt die Klasse beim Beantworten der Fragen das freie Sprechen.

Multimedia-Präsentationen gehören zum Alltag

Der Englischlehrer Carlo Ribeca hält sich derweil im Hintergrund. Seine Arbeit hat er zuvor bereits erledigt: Er hat Christiane und Susanne beauftragt, die neuen Vokabeln durch eine multimediale Präsentation einzuführen, und hat dann den Text der beiden auf Fehler kontrolliert. Mehr musste er nicht tun, denn wie man eine Präsentation am Computer erstellt und wo man im Internet hilfreiche Wörterbücher oder passende Bilder findet, das wissen die Mädchen längst. Diese Arbeitstechniken gehören in der Klasse zum Alltag, denn die 8d ist eine sogenannte Laptop-Klasse: Jeder Schüler besitzt einen tragbaren Computer, der in allen Bereichen des Schulalltags intensiv zum Einsatz kommt.

Screenshot aus Christianes und Susannes Präsentation zur Einführung neuer englischer Vokabeln. Copyright: Carlo Ribeca
Screenshot
Im Sprachunterricht nutzen die Jugendlichen eine Chatfunktion, um miteinander zu diskutieren. Diese Art der Kommunikation hat den Vorteil, dass sie den schriftlichen und den mündlichen Ausdruck gleichzeitig trainiert. Linguisten sprechen beim Chat von einem schriftlichen Medium mit „konzeptioneller Mündlichkeit“. Natürlich ersetzt der Chat nicht das echte Unterrichtsgespräch. „Es gibt immer wieder Phasen, in denen der Laptop zugeklappt wird“, sagt Ribeca. Aber in Chats und Foren sammeln die Schüler Argumente und legen sich sprachliche Muster zurecht für mündliche Dialoge. „Das hilft ihnen, in der Fremdsprache flüssig und selbstsicher zu kommunizieren“.

Nur das Klappern der Tastaturen

Ein weiterer Vorteil: Ribeca kann von seinem Lehrercomputer aus zwischen den verschiedenen Chaträumen seiner Schüler wechseln, mitlesen und, wenn nötig, Korrekturen einfügen. Würden die Schüler „real“ miteinander diskutieren, könnte er nicht so unauffällig und parallel mehreren Gesprächen folgen. Und nicht zuletzt freut sich der Pädagoge darüber, dass sich in dieser Unterrichtsphase die Geräuschkulisse auf das Klappern der Tastaturen beschränkt.

Carlo Ribeca hat in Bad Aibling den Laptop-Unterricht vorangetrieben. Foto/Copyright: Christoph Brammertz In den Laptop-Klassen gehört die lästige „Zettelwirtschaft“ mit kopierten Arbeitsblättern der Vergangenheit an: Die Schülerinnen und Schüler können jederzeit – im Klassenraum und von zu Hause aus – über das Internet auf zentral abgelegte Unterrichtsmaterialien zugreifen. Interaktive Arbeitsblätter haben außerdem den Vorteil, dass sie ein promptes Feedback geben und unbegrenzt wiederholbar sind – das hilft zum Beispiel bei der selbstständigen Prüfungsvorbereitung.

Laptops garantieren keinen modernen Unterricht

In Deutschland ist das Internet bei den 16- bis 24-Jährigen Studien zufolge inzwischen das beliebteste Medium – noch vor dem alten Leitmedium Fernsehen. Computer und Internet aus der Schule zu verbannen, wäre kaum durchsetzbar und außerdem kontraproduktiv. Schließlich macht der Umgang mit dem Computer den meisten Jugendlichen großen Spaß. Deshalb führt, wie Ribeca bestätigt, der Einsatz des populären Freizeitmediums im Unterricht zu einem enormen Motivationsschub – sich das nicht zu Nutze zu machen, wäre aus seiner Sicht fahrlässig.

Der Einsatz von Laptops allein garantiert aber noch lange keinen modernen Unterricht. Es kommt darauf an, die Möglichkeiten der neuen Medien so zu nutzen, dass sie ein fortschrittliches methodisches und didaktisches Konzept umzusetzen helfen. „Nur wer selbst etwas erklären kann, hat es verstanden“, bringt Carlo Ribeca die Kernidee auf den Punkt. Sein didaktischer Ansatz, Eigeninitiative und selbstbestimmtes Lernen zu fördern, fußt auf der konstruktivistischen Lerntheorie ebenso wie auf dem Prinzip „Lernen durch Lehren“.

Die Klasse 8d des Bad Aiblinger Gymnasiums beim Laptop-gestützten Englischunterricht. Foto/Copyright: Christoph BrammertzAllerdings weiß der Lehrer auch, dass es nicht damit getan ist, seine Schüler im Sinne einer absoluten Lernerautonomie völlig sich selbst zu überlassen. Darum setzt Ribeca auf kooperatives Lernen: In Tandems und Teams unterstützen sich die Jugendlichen gegenseitig, zum Beispiel indem sie die sprachlichen Leistungen der anderen kommentieren. Dabei helfe die Technik sehr, so Ribeca. „Ein Chatprotokoll etwa macht Fehleranalysen leicht nachvollziehbar.“

Falschinformationen bei Wikipedia

Für entscheidend hält Ribeca außerdem die Vermittlung von Medienkompetenz. Dazu gehört nicht nur, mit Maus und Tastatur umgehen oder gängige Software richtig bedienen zu können – diese Grundfertigkeiten erlernen die meisten Jugendlichen heute schon im Kindesalter wie Schwimmen oder Fahrradfahren. Was sie aber lernen müssen, ist der kritische und verantwortungsvolle Umgang mit dem Internet: Die immer und überall zugängliche Informationsfülle würde die Jugendlichen überfordern, wenn man sie damit allein ließe.

Deshalb zeigt Viktoria Moe den Jugendlichen nicht nur, wo man Informationen im Netz findet. Vor allem sollen sie lernen einzuschätzen, wie zuverlässig diese Informationen sind. Da bei Wikipedia auch ältere Versionen der einzelnen Einträge abrufbar sind, kann die gelernte Netzwerkadministratorin zum Beispiel eindrucksvoll demonstrieren, wie zeitweilig Falschinformationen über die Online-Enzyklopädie abrufbar waren. Die Schülerinnen und Schüler lernen so, dass sie Informationen immer durch mehrere Quellen absichern müssen – und das am besten nicht nur online. An den einwöchigen Intensivkursen bei Frau Moe nehmen alle 7. Klassen des Gymnasiums Bad Aibling teil – also auch die Schüler, die dann in der 8. Klasse keine Laptop-Klasse besuchen.

Gewicht nur ein vorübergehendes Problem

„Ich habe nicht das Gefühl, dass der Kauf eines Laptops für unsere Schüler eine Extra-Anschaffung ist – die meisten hätten ihn auch, wenn sie nicht in einer Laptop-Klasse wären“, glaubt Ribeca. Damit sich aber wirklich niemand aus finanziellen Gründen gegen den Besuch einer Laptop-Klasse entscheidet, bietet die Schule die Möglichkeit, das benötigte Gerät in Raten zu bezahlen. Tatsächlich schrecken manche Familien aus einen ganz anderen Grund vor dem Laptop-Unterricht zurück: das hohe Gewicht des Rechners. Schließlich müssen die Jugendlichen den Computer jeden Tag mit in die Schule bringen und wieder nach Hause tragen. Ribeca hält das aber für ein vorübergehendes Problem: „Die Geräte werden immer kleiner und leichter.“

Laptops für alle?

Rief die Forderung nach „einem Laptop in jedem Schulranzen“ noch vor wenigen Jahren Kopfschütteln hervor, ist mittlerweile eine flächendeckende Laptop-Ausstattung innerhalb weniger Jahre vorstellbar. Denn an immer mehr Schulen in Deutschland – über die verschiedenen Schulformern hinweg – findet Laptop-gestützer Unterricht statt. Da es aber keine systematische Förderung seitens der Kultusministerien gibt, hängen die Laptop-Projekte von der Initiative engagierter Lehrkräfte und Schulleitungen ab und sind auf Geld von privaten Sponsoren angewiesen. Zahlreiche Erfahrungsberichte und wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass das Lernen in Laptop-Klassen nicht nur die Medienkompetenz deutlich steigert, sondern auch die schulischen Leistungen spürbar verbessert.
Christoph Brammertz
ist Mitglied der Online-Redaktion.

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Januar 2009

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