Mehrsprachigkeit und Bildung

Logopädie für Mehrsprachige

Wann geht man bei mehrsprachigen Kindern von einer Sprachentwicklungsstörung aus?  Foto: Lisa F. Young © iStockphotoWann geht man bei mehrsprachigen Kindern von einer Sprachentwicklungsstörung aus?  Foto: Lisa F. Young © iStockphotoBei mehrsprachigen Kindern besteht die Gefahr, dass klassische logopädische Verfahren nicht mehr greifen. Sprachheilpädagogen suchen nach neuen Ansätzen in der Therapie.

„Ich habe fertig.“ „Was erlauben Strunz?“ „Ware schwach wie eine Flasche leer.“ – Wer erinnert sich nicht, wie der ehemalige Trainer des FC Bayern Giovanni Trapattoni diese Sätze vor mehr als zehn Jahren auf einer legendären Pressekonferenz in die Mikros raunte? Dem italienischen Fußballtrainer brachte die bekannte Rede jede Menge Sympathien ein, denn er konnte seine Emotionen trotz fehlender Grammatikkenntnis in der Fremdsprache Deutsch ziemlich gut auf den Punkt bringen. Mit weitaus weniger Ruhm, aber ganz ähnlichen Äußerungen haben Logopäden und Sprachheilpädagogen alltäglich bei ihrer Arbeit mit Kindern zu tun, bei denen eine sogenannte spezifische Sprachentwicklungsstörung vorliegt: Sie sind so intelligent wie andere Kinder und reden gerne und viel. Aber mit der Sprache haben sie ein Problem, denn ihre Sätze klingen genauso verquer wie die Äußerungen von Trapattoni. „Manche vierjährige Kinder sprechen nur in Ein- oder Zweiwortsätzen“, erklärt die Erfurter Professorin für Sprachheilpädagogik Solveig Chilla. „Und dann gibt es Sechsjährige, die Verben nicht richtig beugen oder platzieren können und zum Beispiel fragen: ‚Was machen Mama?‘ oder ‚Die Maus neben die Käse sitz‘.“

Fehldiagnosen durch falsche Verfahren

Was machen Mama?  Foto: Yanik Chauvin © iStockphotoRund fünf Prozent aller Kinder in Deutschland sind von einer solchen Sprachentwicklungsstörung betroffen, vermutlich gibt es eine genetische Basis dafür. Logopäden und Sprachtherapeuten haben relativ zuverlässige Methoden, um die Störung zu diagnostizieren und die Sprachentwicklung dieser Kinder in einer Therapie zu unterstützen. Doch seit einigen Jahren stehen sie vor einer neuen Herausforderung: Heute kommen immer mehr Kinder in die Praxen, die mit mehr als einer Sprache aufwachsen, etwa weil Mama und Papa von Geburt an in unterschiedlichen Sprachen mit ihnen gesprochen haben, weil das Kindermädchen eine andere Sprache spricht als die Familie oder weil in der Familie eine andere Sprache verwendet wird als in der Kita.

Die Instrumente sind aber für Kinder entwickelt worden, die von Geburt an nur die deutsche Sprache hören und lernen und können bei mehrsprachigen Kindern zu falschen Ergebnissen führen: „Die diagnostischen Verfahren legen zum Beispiel Standards fest, wie viele und welche deutschen Wörter ein Kind mit sechs Jahren kennen sollte. Wenn ein sechsjähriges Kind in einem Wortschatztest zum Beispiel nur 25 Prozent dieser Wörter kennt und es keine Hinweise auf andere Ursachen wie Beeinträchtigungen in der Kognition oder im Hörvermögen gibt, kann eine spezifische Sprachentwicklungsstörung zugrunde liegen“, erklärt Chilla. „Wenn ein Kind aber erst im Alter von drei Jahren mit dem Eintritt in den Kindergarten angefangen hat, die deutsche Sprache zu lernen, müssen andere Standards gesetzt werden. Da würde dieser Test möglicherweise zu einer Fehldiagnose und somit den falschen Konsequenzen für die Therapie führen.“ Das heißt: Gerade weil die Äußerungen eines Zweitsprachlernenden wie Trapattoni so ähnlich klingen wie die eines Kindes mit einer spezifischen Sprachstörung im Deutschen, kann es natürlich zu ungewollten Verwechslungen kommen.

Ein Instrument für viele Sprachen?

Wenn ein Kind erst im Alter von drei Jahren angefangen hat, die deutsche Sprache zu lernen, müssen andere Standards gesetzt werden.  Foto: ND1939 © iStockphotoDeshalb arbeitet die Sprachheilpädagogin Solveig Chilla gemeinsam mit ihren Kollegen im In- und Ausland schon seit Jahren daran, entsprechende Diagnostik-Verfahren für mehrsprachige Kinder zu entwickeln. Schon die Frage, wie der unauffällige und der auffällige Spracherwerb bei mehrsprachigen Kindern typischerweise aussieht, stellt die Forscher jedoch vor große Herausforderungen: Zum einen wurde der Spracherwerb von Kindern in der Migration lange Zeit kaum erforscht. Zum anderen scheinen sehr viele verschiedene Faktoren eine Rolle zu spielen: „Es gibt zum Beispiel große und wichtige Unterschiede bei den verschiedenen Sprachen und Migrantengruppen in Deutschland: Die englische Sprache hat ein viel höheres Ansehen als die türkische, die russischsprachige Gemeinschaft verwendet ihre Sprache im Alltag viel weniger als etwa die arabische und in Bremen verwendet die türkisch-deutsche Sprachgemeinschaft die beiden Sprachen anders als in Mannheim. All das kann Auswirkungen auf den Spracherwerb bei Kindern haben.“

Wie geht man mit den Auswirkungen um?

Es gibt große und wichtige Unterschiede bei den verschiedenen Sprachen und Migrantengruppen in Deutschland.  Foto: kali9 © iStockphotoTrotz dieser Unterschiede versuchen Chilla und ihre Kollegen, übergreifende Erwerbsmodelle zu entwickeln und Kriterien dafür aufzustellen, wann bei mehrsprachigen Kindern von einer spezifischen Sprachentwicklungsstörung auszugehen ist. Chilla hofft, dass die entwickelten Verfahren dann in drei bis vier Jahren auch Eingang in die Praxen von Sprachtherapeuten und Logopäden finden. Obwohl die spezifische Sprachentwicklungsstörung bei den verschiedenen Sprachen unterschiedliche Phänomene betrifft, kann sie auch weiterhin bei mehrsprachigen Kindern in Deutschland häufig nur in der deutschen Sprache diagnostiziert und therapiert werden. Denn erstens gibt es in den deutschen Praxen bisher noch viel zu wenig zweisprachig ausgebildete Sprachtherapeuten und Logopäden. Und zweitens können sich die Therapieergebnisse in der deutschen Sprache auch positiv auf die andere Sprache auswirken.

Janna Degener
arbeitet als freie Journalistin in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Juli 2012

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