Mehrsprachigkeit und Künste

Natalie Czech: „Bilder werden Worte und Worte werden Bilder“

Natalie Czech wurde 1976 in Neuss geboren und wohnt heute in Berlin. Seit ihrem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf hat sich die bildende Künstlerin durch Ausstellungen in Deutschland und diversen anderen Ländern der Welt einen Namen gemacht.

„If only” von Natalie Czech. Copyright: Czech
„If only”

Dennoch möchte Czech als entscheidende Stationen ihrer noch jungen Karriere keine besonderen Orte oder Auszeichnungen hervorgehoben wissen, sondern legt Wert auf das Bewusstsein für Momente: Momente, in denen sie für ihre Arbeit als Künstlerin eine neue Sicht auf die Dinge bekommt – sei es während eines Gesprächs, beim Lesen eines Buchs, im Kino oder beim Spazierengehen. Gut möglich, dass auch die Betrachter ihrer Werke solche Momente der neuen Ansichten erleben: Czechs Arbeiten provozieren und interessieren, weil sie mit Hilfe des Mediums Fotografie die Wirklichkeit und Möglichkeit visueller Wahrnehmung hinterfragen.

Ihre aktuellen Werke werfen dabei mitunter auch die Frage auf, welchen Einfluss der Einsatz geschriebener Sprache haben kann: Im Rahmen ihrer Ausstellung without words would etwa, die jüngst im Bonner Kunstverein zu sehen war, eliminierte sie in Robert Musils unvollendetem Hauptwerk Der Mann ohne Eigenschaften sämtliche Eigenschaftsworte per Tippex und fügte die Buchseiten zu einer kaskadenförmigen Rauminstallation zusammen. Paradoxerweise erhielt der Betrachter somit durch das Entfernen der Eigenschaften die größtmögliche Freiheit bei der Zuschreibung von Eigenschaften. Anders die Serie daily mirror: Die hier per Collage zusammengestellten Kriegs- und Katastrophenfotos vermitteln eine zeitlose Universalität des Schreckens. Dringt allerdings eine Form der Lesbarkeit in die bildliche Komposition ein, zum Beispiel durch Parolen auf Transparenten von Demonstrationen, lassen sich reale Kontexte des Abgebildeten sehr viel leichter rekonstruieren.

Frau Czech, das Spektrum der bildenden Kunst ist breit gefächert – wie würden Sie die kennzeichnenden Merkmale ihres Schaffens beschreiben?

Die Künstlerin Natalie Czech. Copyright: CzechIn meinen Arbeiten beschäftige ich mich mit der Frage, inwiefern und wie lange eine Fotografie als ein Dokument der Gegenwart angesehen werden kann. Ein Großteil meiner Arbeiten sind Collagen, die sich aus verschiedenen zeitlichen Zuständen zusammensetzen. Die Arbeit without words would hinterfragt zum Beispiel, inwiefern eine Fotografie ausreicht, die Eigenschaften eines Kunstwerks genauestens wiederzugeben. Schließlich handelt es sich bei einer fotografischen Abbildung eines Kunstwerks nicht um eine exakte Wiedergabe der Formen und Proportionen, sondern vielmehr um den Versuch, die möglichst ideale Seite des Objekts darzustellen.

Ihre drei jüngsten Arbeiten beschäftigen sich zu großen Teilen auch mit der Wirkung des geschriebenen Wortes. Was fasziniert Sie als bildende Künstlerin daran?

Bilder können zu Worten und Worte können zu Bildern werden. Das ist etwas, was mich immer wieder erstaunt. Meine letzten zwei Textarbeiten beschäftigen sich mit unvollendeten Romanen. Dabei interessiert mich unter anderem das Fragmentarische, das für mich einen unmittelbaren Bezug zur Fotografie bedeutet. Die Arbeit Unvollendete zum Beispiel setzt sich mit sechs unterschiedlichen Versionen von Jane Austens unvollendeten Roman The Watsons auseinander, den sechs unterschiedliche Autoren zu vollenden versuchten. Aus den verschiedenen Erstausgaben dieser Bücher habe ich alle Wörter der jeweils letzten Seite ausgeschnitten und je Buch alphabetisch sortiert, so dass das eigentliche Ende nicht mehr lesbar ist, sondern dem Betrachter freie Assoziationsmöglichkeiten mit der jeweiligen Wortcollage bietet.

Also würden Sie sagen, der Einsatz von Sprache verändert die Wahrnehmung?

So viele Leser ein Text hat, so viele Bedeutungen besitzt er auch. Sprache lebt von der Imagination des Betrachters. Jeder Leser eines Romans stellt sich eine andere Wirklichkeit vor. Diese produktiven Leerstellen im Text spielen auch bei meinen Arbeiten eine Rolle: gerade in der Abwesenheit von etwas entstehen neue Sichtbarkeiten.

Sie sind viel im Ausland unterwegs, auch für das Goethe-Institut. Können Sie durch die Ausstellung Ihrer Arbeiten Interesse an der deutschen Sprache wecken?

Das steht für mich nicht im Vordergrund. Ich bin mit der deutschen Sprache aufgewachsen, interessiere mich für Literatur, aber als Botschafterin deutscher Kultur sehe ich mich nur mittelbar. Reisen ins Ausland sind für mich insofern inspirierend, als dass sich aus distanzierter Perspektive der Blick für die eigene Sicht der Dinge schärft.

Stanley Vitte
arbeitet als Journalist in Düsseldorf.

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November 2008

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