Osaka Poetry Slam

Lyrik als europäischer Appetithappen

Osaka Poetry Slam 2009, © Alexander FreundBeim Osaka Poetry Slam werben sechs europäische Kulturinstitute für Mehrsprachigkeit

Nicht erst seit der Finanzkrise nimmt auch in Japan das Interesse an europäischen Fremdsprachen deutlich ab. Um neues Interesse für Mehrsprachigkeit zu wecken, hat das deutsche Goethe Institut in Osaka gemeinsam mit anderen europäischen Kulturinstituten zu einem Dichterwettstreit geladen.

Osaka Poetry Slam 2009: Bericht als Audiodatei (MP3, 9 MB)

Osaka Poetry Slam 2009, © Alexander FreundEin Uhr mittags, ein funktionaler Tagungsraum, ernüchterndes Neonlicht: auf den ersten Blick kein Platz für Lyrik. Trotzdem sind die Reihen im International House in Osaka gut gefüllt, das überwiegend junge Publikum ist neugierig auf die sieben Slammer aus Europa. Denn diese moderne Art der Poesie ist frech, kurzweilig, aufregend. Mal sensibel, mal expressiv, vor allem aber anders als die „klassischen“ Lesungen am Tisch mit Wasserglas.

Am Abend sollen sieben europäische und fünf japanische Poeten bei einem Poetry Slam gegeneinander antreten. Mit dem Dichterwettstreit will das Goethe Institut Osaka gemeinsam mit fünf weiteren europäischen Kulturinstituten die Vielfalt und die Ausdruckskraft der europäischen Sprachen verdeutlichen. Und vor allem Interesse wecken an fremden Sprachen und Kulturen.


Zeitgemäßeres Deutschlandbild

Osaka Poetry Slam 2009, © Alexander FreundDie Eigenwerbung ist durchaus nötig, denn nicht erst seit der Finanzkrise schwindet auch in Japan das Interesse an europäischen Fremdsprachen. Gerade Deutsch gilt nicht gerade als eine Trendsprache. Allerdings gibt es durchaus Interesse an Umwelttechnologie, Design oder Musik aus Deutschland. Und so geht das Goethe Institut in der 8-Millionen-Metropole neue Wege jenseits der Lehrbuchvermittlung, um zunächst einmal in die Lebenswelt der jungen Japaner einzudringen. Und dazu gehört nach Ansicht von Institutsleiter Michael Schroen eben auch ein Poetry Slam.

Die Skepsis ist zunächst groß, nicht nur bei den Slammern, schließlich muss der sonst so wichtige Inhalt der Poesie bei einer derartigen Vielsprachigkeit in den Hintergrund treten. Die Sprache droht vom Bedeutungsträger zum klanglichen, rhythmischen Soundgesamtkunstwerk zu werden. Doch die Sorge ist offenbar unbegründet. Schnell zeigt sich, dass Poesie über alle Sprachgrenzen hinweg begeistern kann.


Gelebte europäische Vielfalt

Osaka Poetry Slam 2009, © Alexander Freund Wie vielseitig Europa ist, zeigt allein schon die Auswahl der jungen Poeten: Neben „Dreadlockalien“ mit seinen indisch-britisch-jamaikanischen Wurzeln ist der Hiphopper MC Ki aus den Niederlanden angereist. Frankreich wird vertreten durch die farbige Donna Vickxy aus Paris, die wütend die desolaten Zustände in ihrem Stadtviertel anprangert. Schmunzelnd-nachdenkliche Töne sind auch vom Belgier Andy Fierens zu hören. Für die spanische Kultur werben die in Japan lebende Giselle Reloaded und vor allem der Katalane Josef Pedrals, ein Sprachakrobat der Extra-Klasse aus Barcelona.

„Paula Peh“, © Alexander FreundDeutschland wird von der Berlinerin Paula alias „Peh“ vertreten. Die Lyrikerin mit Pferdeschwanz und blond eingefärbtem Pony gilt als Shootingstar der deutschen Slam-Szene.

Die kleinen Appetithappen der jungen Poeten werden gar nicht erst ins Japanische übersetzt. Das ist auch gar nicht nötig, das Interesse ist auch so da. Das zeigt sich auch bei den Workshops, die auf den Poetry Slam am Abend einstimmen sollen. Durch einen spielerischen Umgang mit der fremden Sprache soll Neugierde geweckt werden, so Michael Schroen vom Goethe Institut in Osaka. Es gehe nicht darum, die Texte im Einzelnen zu verstehen, so Schroen. Entscheidend sei vielmehr, dass zunächst einmal die Schönheit und Kraft der Sprachen erkannt werde.


Begreifen ohne zu verstehen

Viele Workshopteilnehmer finden sich tatsächlich am Abend im unterirdischen „Club Jungle“ im angesagten Stadtteil Shindaibashi wieder. Ein paar Minuten reichen den routinierten Slammern, um die Zuschauer zu begeistern. Denn keine ausgewählte Jury, sondern das Publikum entscheidet, wer den Dichterwettstreit gewinnen soll. Und so flüstern, jaulen, keuchen, schreien die jungen Poeten und hauchen ihren Texten Leben ein.

Die japanischen Zuhörer erkennen schnell, ob Text und Performance zueinander passen. Unabhängig davon, was sie letztlich von der fremden Sprache verstehen. Der Funke springt über, die wenigen Tische werden zur Seite geräumt und das sonst eher zurückhaltende japanische Publikum verwandelt den „Club Jungle“ in ein Treibhaus.


Neugier statt babylonisches Sprachgewirr

Höflichkeit der Gastgeber oder echte Begeisterung: Überzeugen können am Ende drei Europäer. Ihre leidenschaftliche, authentische Performance unterscheidet sich deutlich von den zurückhaltenden, nachdenklichen Auftritten ihrer japanischen Slam-Kollegen. Sieger ist der wortgewaltige Katalane Josep Pedrals, dessen humorvolle Poesie ständig zwischen ruhigen, sinnlichen und dann wieder expressiven Passagen wechselt.

Osaka Poetry Slam 2009, © Alexander FreundDas ungewöhnliche Projekt der sechs europäischen Kulturinstitute hat scheinbar funktioniert. Entstanden ist kein babylonisches Sprachgewirr. Vielmehr dient Lyrik als Appetithappen, der Lust auf fremde Kulturen und Sprachen machen soll. Bei vielen jungen Japanern haben die Veranstalter damit jedenfalls den Nerv getroffen. Und so sind die europäischen Fremdsprachen vielleicht die eigentlichen Gewinner des Abends.
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