Чужди ли са чуждите езици за Вас?

Zdravka Andreeva

„Sind für Sie Fremdsprachen fremde Sprachen?“

Wenn ihr mich fragt, „ob mir Fremdsprachen fremd sind“, dann werde ich antworten, dass die Frage fremd für meine Sinne und Verstand klingt, dass ich meinen Beruf als Musikwissenschaftlerin – einen sehr schönen und erfüllenden Beruf – ohne gute Deutschkenntnisse und ohne Kenntnisse in anderen europäischen Sprachen nur schwer hätte ausüben können.

Aber noch mehr: Es gab eine Zeit, die noch nicht lange zurückliegt, wenn Sie jetzt auch allzu schnell ins Vergessen zu sinken droht, wo der Zugang zu fremden Sprachen für uns junge Bulgaren geradezu eine Überlebensfrage gewesen ist.
Hätten wir uns nicht dank unserer fremdsprachlichen Kompetenz irgendwelche inoffizielle Verbindungen nach draußen aufbauen und offen halten können, hätten wir wahrscheinlich den Anschluss an alle Entwicklungen in Europa sehr schwer nachgeholt und hätten 1989 ein mühevolles Aufwachen erlebt.

Ich maße es mir sogar an, eine eigene These aufzustellen, nämlich, dass die Hauptfiguren der bulgarischen Wende nicht mehr und nicht minder die Übersetzer waren. Eines Tages werden die Historiker diese These bestimmt aufgreifen.
Nun aber etwas Märchenhaftes ...

Es war einmal eine Deutsch-Klasse mit der legendären Literatin Gergina Tontscheva als Klassenlehrerin – vielleicht die wildeste Klasse in der Geschichte des elitären Deutschen Gymnasiums in Sofia. Gergina Tontscheva kam mit ihrer schweren Klasse zurecht, aber auch diese mit ihr, den die Klasse scheint sie gezwungen zu haben, aus dem Deutschen Gymnasium in ihre Träume zu „fliehen“: Sie gründete eine andere elitäre Schule – das Klassische Gymnasium für alte Sprachen und Kulturen. Gergina ist heute noch eine lebende Legende und ihr Gymnasium – eine Brutstätte für Professoren und künstlerische Boheme – trägt das Motto des Hl. Konstantin Philosoph, des Schulpatrons, eines Mitschöpfers des kyrillischen Alphabets: „Schaffe erlesene Menschen“.

In meiner Klasse waren wir zusammen mit fünf Freunden die Verrücktesten, weil wir jeden Donnerstag um 1.30 Uhr nachts die Pop-Chartliste von Radio Luxemburg – die einzige erreichbare Informationsquelle über Popmusik in der Welt, hörten. Ich möchte nicht die Leiden während des Kommunismus übertreiben, aber damals konnten wir wirklich von nirgends Information über unsere Lieblingsmusik bekommen. Nirgends! Ein Radiosender, ein Fernsehsender, in den Geschäften – nur sowjetische, bulgarische und sozialistische Schallplatten, noch dazu sehr teuer.

Auf verschiedenen geheimen Wegen überwanden manche Schallplatten die Grenzen Bulgariens und wanderten durch die Städte von Hand zu Hand. Und basta cosi!
Nach den nächtlichen „Liturgien“ um die Hitparaden von Radio Luxemburg kamen wir am nächsten Morgen halb tot zur Schule. Und alle wussten warum. In unserem liberalen Gymnasium mit vielen deutschen Lehrern fehlten fast ganz die üblichen Strafen für das Hören von „moralisch zersetzender westlicher Musik“.
Unsere nächtlichen Seancen verliefen so: Jeder hatte ein Heft und schrieb die Chartliste per Hand, während er Radio hörte, mit. Dann verglichen und vereinheitlichten wir sie. Ihr wisst ja, dass es keine Druckmedien gab, wo wir sie hätten nachlesen können. Kein Internet, kein Fernsehen und fast keine „offenen“ Kinos – nur strikt sozialistische Programme. Und dabei konnten wir kaum Englisch.

Wir versuchten auch, die Texte der Lieder aufzuschreiben – um zu verstehen, was die anderen, die Langhaarigen aus dem Westen, so singen. Wochenlang schrieben wir ein und dasselbe Lied beim Radiohören an jedem Donnerstag mit: Dian – die erste Zeile, Wlado – die zweite, Miro – die dritte, Zdravka – die vierte und so weiter, bis wir den Text zusammen hatten. Es gab richtige Alpträume wie Good vibration von den Beach Boys oder Thick as a Brick von Jethro Tull. Wir zerbrachen uns die Köpfe – allen voran unsere Englischlehrerin Frau Golemanova. Denn Good vibration hörten wir aus dem knisternden Radio wie „Goodbuy, bration!“ und Thick as a Brick wie „Thick and Zabrick“. Die arme Frau Golemanova, weder konnte sie eine Übersetzung für das geheimnisvolle Wort „bration“ finden, noch einen geografischen Begriff wie „Zabrick“.

In dem Pflichtfach Russisch aber übersetzten wir Vissotzky und Okudzhava. Bis 1968 der Prager Frühling kam und wir uns – typisch auf bulgarisch – eine Anekdote ausdachten. „Warum gibt es in Sofia nicht auch solche Ereignisse wie in Tschechien? Weil ihr Präsident Svoboda (= Freiheit) heißt und unserer Parlamentsvorsitzender Trajkov (= dulden)“. Für jeden Bulgaren ist dieses Wortspiel verständlich und witzig, aber es ist auch leicht für Nichtbulgaren übersetzbar. Unser „ohrenbetäubender“ Schülerprotest endete aber nicht nur beim Wortspiel. Wir hörten einfach auf, auch nur ein Wort Russisch zu gebrauchen. Wir saßen so da in den Stunden und schwiegen – stolz wegen des selbstbewussten Gefühls, dass wir nun quasi „große Revolutionäre“ waren – wie diese, die in Prag von den Panzern überrollt wurden.

Und weißt du, lieber Freund in der Welt, in wie vielen Sprachen zum Beispiel der Autor der universellsten Sprache, Wolfgang Amadeus Mozart, schon mit 14 Jahren seine Briefe geschrieben hat?
Und bist du bereit, die Ein-Euro-Münze anzunehmen, mit einem kyrillischen Aufdruck, wie sie nun bald erscheinen wird?

Lieber John, Paul, George und Ringo, danke, dass ich euretwegen jetzt mit Englisch und mit dem Computer zurechtkomme!
Liebe Familie Hesse aus Potsdam, dank euch erkenne ich seit 30 Jahren den spezifischen Geruch eines deutschen Hauses am Morgen, wie auch Jugendstil und „Sezession“!
Lieber Giacomo Puccini, danke, dass ich wegen deines „Nessun Dorma“ jetzt sogar Paul Potts verstehe!
Lieber Ilf und lieber Petrov, dank eures großartigen Humors und dem von Ostap Bender, dem großen Kombinator, schaffe ich es überhaupt erst, mit dem manchmal leicht bizarren Leben in meinem sich wandelnden Bulgarien zurechtzukommen!

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