Sind Fremdsprachen fremde Sprachen?

Clara Janés, Dichterin

In vielen Sprachen wird das Wort „fremdsprachlich“ mit „befremdlich“ und „anders sein“ gleichgesetzt. Dies lässt viele Interpretationen zu; eines ist ihnen allen jedoch gemein: der Faktor „Unterschied“. In Bezug auf die Sprache ist diese Verschiedenheit greifbar, denn sie waltet über das Verständnis oder Nicht-Verständnis von Sprechern.

Demzufolge ist die Sprache als Übersetzerin der Gedanken anzusehen. Das Denken als Bewusstseinsbericht unterscheidet die Menschen voneinander. Rilke, der sich dieser Tatsache bewusst war, meint, das Tier schaue nach außen, der Mensch hingegen nach innen, da er das Instrument der Sprache besitzt.

Kehre man zum Ursprung des Denkens, zu seinen anfänglichen Ausdrucksformen und folglich zur Entstehung der Sprache zurück, ließe sich eventuell feststellen, dass die unterschiedlichen Sprachen mehr gemein haben als wir glauben. In diesem Sinne ist die These von Walter Benjamin außerordentlich interessant, laut der im Bereich der Übersetzung ein Zurückgehen in die Zeit vor der Sprache erforderlich sei. Maurice Blanchot greift in seinem Werk L’Amitié Benjamins Idee auf und beschreibt sie folgendermaßen:

„[...] Einstmals ging man davon aus, mit dieser Art der Übersetzung zu einer Ur-Sprache zurückkehren zu können, eine Über-Sprache, in der es genügt hätte, nur zu sprechen, um schon die Wahrheit zu sagen. Benjamin hält einige Aspekte dieses Traums fest. Die Sprachen, so meint er, beziehen sich zwar auf ein und dieselbe Realität, jedoch auf unterschiedliche Weise. Wenn ich ‚Brot‘ und wenn ich ‚pan‘ sage, sehe ich dasselbe Ding auf unterschiedliche Weise. Einzeln betrachtet sind Sprachen unvollständig. Bei einer Übersetzung begnüge ich mich nicht damit, die eine Art durch eine andere oder den einen Pfad durch einen anderen zu ersetzen. Stattdessen verweise ich auf eine Über-Sprache, die im Idealfall die Harmonie und das Bindeglied aller unterschiedlichen Zugänge wäre und die am dem Ort gesprochen würde, an dem sich alle lebendigen Sprachen aller Werke vereinen. Deshalb ist ja auch jeder Übersetzer für einen eigenen Messianismus anfällig.“

Blanchot fährt fort: „Aber Benjamin suggeriert etwas anderes: alle Übersetzer leben von dem Unterschied der Sprachen, jegliche Übersetzung basiert darauf. Aber verfolgen Übersetzer wirklich den perversen Vorsatz, diese Differenz zu unterdrücken? [...] Um die Wahrheit zu sagen, das Feld ist keinesfalls darauf ausgerichtet, die sprachliche Vielfalt auszulöschen, denn Textarbeit ist wie ein Spiel. Eine Übersetzung verweist immer auf die sprachlichen Unterschiede, manchmal verschleiert sie sie. Aber oft gibt sie sie preis und betont diese Ungleichheiten besonders. Übersetzung macht den Unterschied erst lebendig, und hierin besteht ihre höchste Aufgabe. Auch ihre Faszination: stolz nähern sich zwei Sprachen aneinander an, durch die Macht der Vereinigung, die nur der Übersetzung eigen ist, und die sie Herkules angleicht, der die Distanz zwischen den Meeresufern zu überwinden vermochte.“

Übersetzung:
Susanne Mahringer
Anna Maria Ballester Bohn

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