Kas vōōrkeeled on teie jaoks vōōrad keeled?

Doris Kareva, Schriftstellerin

Als ich heute hierherkam, erinnerte ich mich daran, wie meine Mutter versuchte, in mir die Lust an Sprachen zu wecken, als ich noch ein Kind war. Daher sprach sie ab und zu mit mir in anderen Sprachen. Es waren natürlich keine philosophischen Themen, sondern einfache, damit ich mich an den Klang der verschiedenen Sprachen gewöhnen konnte und um meine Reaktion zu verfolgen.

Und ich kann mich noch daran erinnern, dass ich immer Interesse zeigte, egal um welche Sprachen es sich handelte. Ich versuchte alles zu merken und alles zu verstehen. Aber als meine Mutter anfing, mit mir Russisch zu reden, das sie perfekt beherrschte, fing ich fast an zu weinen, weil sie mir in diesem Moment fremd vorkam. Um es kurz zu fassen: Meine Mutter hörte auf meine Mutter zu sein, als sie mit mir in einer anderen Sprache redete, die sie perfekt beherrschte.

Gleicherweise kann man ein sehr starkes Befremden spüren, wenn jemand in einer Sprache spricht, die man selbst perfekt beherrscht und man weiß, dass auch er diese Sprache perfekt beherrscht, aber zugleich gibt es kein gegenseitiges Verständnis, weil die Sprachen der beiden sich einfach nirgendwo treffen. Etwas, was mich zuletzt beeindruckte: Mein letztes Interview hatte ich auf Gotland, wo mir gesagt wurde, dass meine Poesie auf Hindi ziemlich gut klingt. Aber auf Bengalisch sei der Klang noch viel besser, weil die bengalische Sprache dem Estnischen in dieser Hinsicht ähnlicher ist. Ich spreche aber keine dieser beiden Sprachen.

Maris Johannes: Sind Sie der Meinung, dass es daran liegt, welcher linguistischer Mittel sich eine Sprache bedient oder welche Gedankenwelt in dieser Sprache herrscht? Was macht eine Sprache besser übertragbar in eine andere?

Doris Kareva: Da die estnische Sprache verhältnismäßig viel von der deutschen beeinflusst worden ist, sollte es einfach sein, ins Deutsche zu übersetzen. Es gibt aber auch Ähnlichkeiten mit nichteuropäischen Sprachen wie zum Beispiel mit einigen asiatischen Sprachen oder mit denen der Indianer. Ich habe das Gefühl, dass die estnische Sprache eine onomatopoetische oder ursprüngliche Sprache ist. Daher ist es schwierig, sie in die weiter entwickelten europäischen Sprachen zu übersetzen, die sich von ihrem Ursprung weit entfernt haben.

Es ist eine Herausforderung, die richtige Auswahl aus den vielen Synonymen zu treffen, da man diese Auswahl im Estnischen nicht hat. Ich kann zum Beispiel auch die Frage nicht beantworten, wie etwas gemeint ist, da es in der estnischen Sprache kein Genus und kein Futur gibt. Für mich sind in dem jeweiligen Text oder Bild viele Möglichkeiten der Interpretation vorhanden. Ich würde sagen, dass je ursprünglicher eine Sprache oder je mehr sie im Einklang mit ihren Quellen ist, desto einfacher ist es, sie zu übersetzen. Eine Hilfe sind Brücken, Bogen oder Verbindungen, über die man die Information vermitteln kann.

M. J.: Aber aus welchem Material ist diese Brücken oder woraus könnten sie sein? Aus welchem Material sind sie im Idealfall?

D. K.: Aus welchem Material ist das Verständnis? Ich denke, dass es vor allem der Versuch ist, andere zu verstehen und wahrzunehmen.

M. J.: Sie haben auch für UNESCO gearbeitet, nicht wahr? Kann man vom Austerben bedrohten Sprachen institutionell helfen? Auch zum Beispiel im Kontext des Europäischen Tages der Sprachen, der zum Schutz der kleinen Sprachen ausgerufen worden ist?

D. K.: Ich halte die Wertschätzung für die kleinen Sprache für enorm wichtig und die Wertschätzung für die Mehrsprachigkeit allgemein. Wir denken zwar nicht daran, aber jeden Tag stirbt eine Sprache aus. Eine gegenseitige Kommunikation ist äußerst wichtig, damit wir einander unterstützen können. Vor allem ist es für die kleinen Sprachen wichtig. Bei den großen Sprachen geht es hauptsächlich um einen Machtkampf.

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