Zijn vreemde talen vreemd voor jou?

Edwin Rutten

Was das Erlernen einer Fremdsprache bewirken kann, lässt sich in meinem Fall am besten anhand der Praxis zeigen: Schon seit Jahren schreibe ich Geschichten zu klassischer Musik, die ich mit niederländischen Symphonieorchestern vortrage. Nach einem Konzert sagte ein in den Niederlanden arbeitender und aus Deutschland stammender Violinist in einem schön klingenden Akzent zu mir: „Mit diesem Programm solltest du in Deutschland auftreten, so was kennen wir bei uns nicht.“

Das war der goldene Satz! Ich war gerührt, es wurde mir aber im selben Moment bewusst, dass ich meine Geschichten in deutscher Sprache würde vortragen müssen. Wie sollte das gehen? Ich dachte zurück an meine erste Reise ins Ausland im Alter von neun Jahren. Sie führte nach Goslar und Oldenburg, und ich erinnerte mich noch genau an die Beklemmung und Panik, dass jemand etwas zu mir sagen könnte, was ich nicht verstehen würde oder dass ich etwas sagen wollte es aber nicht konnte. Eine Situation, in der man sich zu neunzig Prozent seiner Persönlichkeit beraubt fühlt.

Am Gymnasium hatte ich sechs Jahre Deutsch, doch mit Symphonieorchestern in Deutschland auftreten, das war dann doch etwas anderes! Also besuchte ich einige Kurse am Goethe-Institut in Amsterdam. Der Deutschunterricht hat mir Spaß gemacht. Mit seiner Grammatik und den praktischen Übungen glich er einem Fest der Erkenntnis, und irgendwie schien es mir, als ob alles weniger knifflig war als damals am Gymnasium.

Ich wollte jedoch mehr und nahm vierzehn Tage Privatunterricht am Goethe-Institut in München. Während dieser Zeit beschäftigte ich mich mit einer einzigen Sache, nämlich dem Lernen: eine andere Stadt, andere Menschen, Theater, Kammerspiele, Buchhandlungen, frei herumlaufen, in einem Restaurant Essen und Trinken bestellen, jemanden auf der Straße ansprechen und Hausaufgaben machen. Was für ein Leben, was für eine Freiheit!

Anschließend habe ich auf Einladung des Auswärtigen Amtes eine Reise als „Multiplikator“ durch Deutschland unternommen, die mit einem einwöchigen Aufenthalt am Goethe-Institut in Berlin endete. Mittlerweile konnte ich beim Schauen von Arte, ARD und ZDF sogar verstehen, was gesprochen wird (na ja, nicht immer alles!), und bei Tatort oder Der Alte las ich, ohne mir dessen bewusst zu sein, plötzlich die Untertitel nicht mehr. Was die Sprache betrifft, war ich inzwischen mehr oder weniger gewappnet – aber wie würde ich in Deutschland als Erzähler zurechtkommen?

Dank des Dirigenten und GMD Jac van Steen, mit dem ich in den Niederlanden viele Familienkonzerte gegeben hatte und dessen Herz für die Jugend und die Musik schlägt, hatte ich schließlich meinen ersten Auftritt in Deutschland. Ich sehe vor mir den Saal in Nürnberg voller Eltern und Kinder, ein Symphonieorchester und ein Erzähler, der denkt: „Nun muss es geschehen.“ Nach dem Konzert stand ich plaudernd und lachend zwischen den Kindern und den Erwachsenen in der Vorhalle. Inzwischen bin ich viermal in der Berliner Philharmonie und unter anderem in Weimar, Oldenburg, Saarbrücken und Mannheim aufgetreten – welch eine Entdeckung und Erfahrung! Sprachkenntnisse vermögen Grenzen aufzuheben.

Mein Anliegen ist es, Kindern und Jugendlichen durch die Musik Freude an anderen Sprachen und Kulturen zu vermitteln und ihnen dadurch neue Welten zu eröffnen. „Deutsch macht Spaß“ ist denn auch der Name und Slogan einer niederländischen Arbeitsgruppe. Das Wichtigste für sie ist ein Unterricht, gestaltet von Lehrkräften, die wissen, was in den Köpfen der Kinder vor sich geht. Ist erst einmal die Neugierde geweckt, wollen sie ständig etwas fragen und wissen. Kinder sind ein unbeschriebenes Blatt und offen für Neues. Diese Offenheit sollte genutzt werden, um ihnen bereits in frühester Jugend einen Zugang zu verschiedenen Kulturen zu ermöglichen.

Sechzehn Jahre lang habe ich in einer Fernsehserie für Kinder gespielt. Das Schöne daran war, dass mich Jahre später Leute aus Marokko und der Türkei ansprachen und mir lachend sagten, dass sie und ihre Kinder dank dieser Sendung Niederländisch gelernt hätten. Sprache integriert.

Auch als Dozent für Jazzgesang am Konservatorium in Amsterdam komme ich mit der deutschen Sprache in Berührung. Viele der Studierenden stammen aus Deutschland, und es gleicht einem Wunder, wie schnell sie die niederländische Sprache beherrschen. Während ich mich in Deutsch versuche, sprechen sie Niederländisch mit mir.

Eines Tages bekam ich eine Einladung aus England, und es stellte sich die Frage nach mehr Sprachen. Wie ich es beim Erlernen der deutschen Sprache gemacht hatte, besuchte ich einen Englisch-Intensivkurs und trat darauf mit dem „The Hallé Orchestra“ in Manchester auf.

Das Goethe-Institut ist von großer Bedeutung für mich. Es lehrte mich, dass Motivation der goldene Schlüssel zum Sprachenlernen ist. Auf die Frage, ob Fremdsprachen für mich fremde Sprachen seien, würde ich auf Niederländisch antworten: „Nee, het leren van vreemde talen betekent dat de vreemdeling geen vreemde hoeft te zijn“, was in deutscher Sprache so viel heißt wie: „Nein, das Lernen von Fremdsprachen bedeutet vielmehr, dass ein Fremder nicht fremd zu sein braucht.“

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