Sprache im Wandel

Karriere in Deutschland ohne Deutsch – kein Problem

Auch ohne Deutsch kommen Hochqualifizierte gut zurecht  Copyright: iStockphoto - Andres RAuch ohne Deutsch kommen Hochqualifizierte gut zurecht  Copyright: iStockphoto - Andres RWenn über sprachliche Integration debattiert wird, gilt die Integrationsfähigkeit von Hochqualifizierten als selbstverständlich. Doch gerade in akademischen Kreisen kommt man überraschend gut ohne die deutsche Sprache zurecht.

Wer als Student oder Forscher in die Welt hinauszieht, hat es selten schwer sich am Zielort in die kosmopolitische „Scientific Community“ (bezeichnenderweise ein kaum übersetzbarer Ausdruck) zu integrieren. Auch in Deutschland kommen hochqualifizierte Zuwanderer und Zuwanderinnen in der Regel recht gut zurecht – und das häufig jahrelang fast ohne Deutschkenntnisse.

Englisch soll deutsche Uni attraktiv machen

Das Bildungsministerium, der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) und die Hochschulen erklären unisono, dass die internationale Ausrichtung deutscher Hochschulen vorangetrieben werden müsse, um deren Attraktivität für ausländische Studierende und Wissenschaftler zu steigern. In der Tat war die Zahl der ausländischen Studienanfänger der 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks zufolge zwischen 2003 und 2006 rückläufig – und das bei Studiengebühren, die im internationalen Vergleich niedrig sind.

Die Zahl der ausländischen Studienanfänger war lange rückläufig  Copyright: iStockphoto - Paulus RusyantoDeshalb setzen viele deutsche Universitäten darauf, sich in Forschung und Lehre der englischen Sprache zu öffnen, um mehr ausländische Studierende und Spitzenkräfte ins Land zu locken. Selbst Germanisten erkennen diese Notwendigkeit inzwischen an, fordern aber zugleich, dass die ausländischen Studenten während ihres Aufenthalts auch Deutsch lernen, obwohl in Vorlesungen und Seminaren Englisch vorherrscht. Auch DAAD-Präsident Stefan Hormuth erklärt, in englischsprachigen Programmen „finden ausländische Nachwuchswissenschaftler den fachlichen Einstieg zu deutschem Wissen ohne Sprachbarrieren, bevor sie sich dann mit konkreter Motivation in studienbegleitenden Sprachkursen die weiterführenden Deutsch- und Deutschlandkompetenzen aneignen.“ Vor allem in den Naturwissenschaften und in technischen Studiengängen klaffen Anspruch und Wirklichkeit jedoch auseinander.

Leben in der Blase

Nach Angaben des DAAD gibt es mehr als 700 internationale Studiengänge an deutschen Universitäten und Fachhochschulen, die zu großen Teilen auf Englisch stattfinden. Während die Studiengänge in den sozial- und geisteswissenschaftlichen Fächern häufig mehrsprachig ausgerichtet sind und die ausländischen Studierenden in der Regel Deutsch und oft noch weitere Fremdsprachen erlernen, fristen Deutschkurse in den natur- und ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen meist ein Schattendasein am Rande des Curriculums. So kommt es, dass viele Natur- und Ingenieurwissenschaftler häufig über Jahre in Deutschland leben, studieren und arbeiten, ohne Deutsch zu lernen. Das ärgert nicht nur eingefleischte Deutsch-Verfechter.

Jürgen Trabant, Professor für Europäische Mehrsprachigkeit an der englischsprachigen Jacobs University Bremen, setzt sich an seiner Hochschule dafür ein, dass alle ausländischen Studierenden zusätzlich zum Englischen Deutsch lernen, doch die Naturwissenschaftler sträuben sich dagegen. „Hier kann man wunderbar drei Jahre lang auf dem Campus hinterm Zaun leben, ohne in die Stadt Bremen hinein zu müssen“, seufzt Trabant, „Man lebt dort wie in einer Blase.“

„Warum soll ich Deutsch sprechen?“

"Hier kann man wunderbar drei Jahre lang auf dem Campus hinterm Zaun leben"  Copyright: iStockphoto - Lisa KlumppAuch Hassan Hani Slim braucht kein Deutsch. Obwohl sein Arbeitsplatz am Lehrstuhl für Hochfrequenztechnik an der Technischen Universität München mitten in der bayerischen Metropole liegt, ist seine Motivation zum Deutschlernen nicht sehr groß. Die meisten Menschen, mit denen er im Alltag zu tun hat, sprechen Englisch. Auch im Privatleben ist das so: „Fast alle meine Freunde sind internationale Studierende, die kein Deutsch sprechen“, erzählt Hassan.

Seine Anfängerkenntnisse setzt er im Gespräch mit Deutschen ungern ein: „Die Leute gehen dann gar nicht darauf ein, was ich gesagt habe, sondern kritisieren nur meine Sprache“. In der Folge spricht der libanesischstämmige Brasilianer lieber gleich Englisch. Sollte er sich dafür entscheiden, nach dem Doktorabschluss seine Laufbahn in Deutschland fortzusetzen, dann auch, „weil die deutsche Wissenschaft kein Problem mit der englischen Sprache hat“.

„Jeder will mit mir Englisch reden“

Was Hassan als angenehm empfindet, ist für Flore Baubion eine Zumutung. „Jeder will mit mir auf Englisch reden anstatt auf Deutsch“, klagt die Mitarbeiterin des Institut Français in München. „Mein Deutsch ist vielleicht sogar besser als mein Englisch. Ich bin in Deutschland und möchte kein Englisch reden. Aber die Deutschen, die gut Englisch können, wollen unbedingt zeigen, was sie können“, sagt die Französin.

"Die Deutschen wollen zeigen, was sie können" Copyright: iStockphoto - Robert ChurchillDie Weigerung vieler Deutscher mit Ausländern Deutsch zu reden, geschehe oft aus falsch verstandener Höflichkeit. Wahrscheinlich spiele auch die deutsche Vergangenheit eine Rolle, glaubt der Duisburger Linguist Ullrich Ammon. Doch auch Angeberei und Egoismus scheinen im Spiel zu sein. Ammons Kollege Martin Durell aus Manchester wundert sich: „Die Einstellung der Deutschen ist interessant – anscheinend können sie sich gar nicht vorstellen, dass sich Ausländer die Mühe geben wollen, Deutsch zu lernen. Für sie ist es nur wichtig, dass sie Englisch lernen.“

Christoph Brammertz
Online-Redaktion des Goethe-Instituts

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Juli 2009

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