Der Studiengang „Variation und Wandel der deutschen Sprache“

Warum ist „weil ich denk nicht mehr dran“ ein ganz normaler Satz des Deutschen? Verdrängt das Englische tatsächlich das Deutsche? Und wie kommt es, dass die deutschen Dialekte verschwinden, wir aber trotzdem oft genau wissen, woher jemand kommt?
Mit diesen und ähnlichen Fragen beschäftigt sich Matthias Maier jeden Tag von früh bis spät. Er selbst spricht Hochdeutsch und gibt sich mit seinem gerollten „r“ und dem Singsang in der Stimme dennoch unmissverständlich als Süddeutscher zu erkennen. Tatsächlich ist Matthias Maier in einem kleinen Ort in der Nähe des baden-württembergischen Villingen-Schwenningen aufgewachsen, als Kind hat er in seiner Familie ganz selbstverständlich Dialekt gesprochen. Jetzt macht der 25-Jährige die deutsche Sprache zu seinem Beruf – als Student des Studiengangs „Variation und Wandel der deutschen Sprache“ in Freiburg.
Die Deutschen interessieren sich sehr für die Entwicklung ihrer Sprache
„Variation und Wandel der deutschen Sprache“ – das ist ein vier-semestriges linguistisches Masterprogramm, das seit sechs Semestern an der Universität Freiburg im Breisgau angeboten wird. Inhaltlich fokussiert sich der Studiengang auf die drei zentralen Forschungsbereiche des Instituts: „Neuere Sprachgeschichte“, „Migration und Mehrsprachigkeit“ und „Dialektologie“ – Themen, die laut dem inhaltlich verantwortlichen Professor Dr. Peter Auer auch in der deutschsprachigen Öffentlichkeit auf großes Interesse stoßen: „Fragen der Migration sind hochrelevant und die Leute machen sich große Gedanken darüber, welches Deutsch auf den Schulhöfen gesprochen wird. Auch der Einfluss des Englischen auf das Deutsche wird vehement diskutiert – wie etwa an den Diskussionen über den Tag der deutschen Sprache deutlich geworden ist. Dialekte spielen ebenso eine sehr, sehr große Rolle in der öffentlichen Diskussion über Sprache. Ein Beispiel ist der baden-württembergische Slogan Wir können alles, außer Hochdeutsch, mit dem Identität im regionalen Bereich hergestellt wird.“ Während diese Entwicklungen bei vielen jedoch Besorgnis hervorrufen („Die deutsche Sprache verfällt!“), bemühen sich die Sprachwissenschaftler in Freiburg darum, sie weniger zu werten als objektiv zu beschreiben.
Bisher zu wenige Bewerbungen, trotz guter Organisation und interessanter Themen
Dennoch – der große Andrang der Studierenden auf den Freiburger Studiengang lässt bisher noch auf sich warten. Im ersten Jahrgang vor fünf Semestern war nur eine einzige Studentin eingeschrieben, derzeit gibt es sechs Studierende. „In allen geisteswissenschaftlichen Masterprogrammen gibt es zur Zeit noch wenig Bewerbungen“, so Auer, der trotzdem optimistisch in die Zukunft blickt. Sobald mehr Universitäten auf das B.A./M.A.-System umstellen und es mehr Bachelor-Absolventen gibt, werde die Mundpropaganda unter den Studierenden für mehr Bewerbungen sorgen.
Das glaubt auch Matthias Maier: „Das Studium ist gut organisiert. Es gibt viele gute und engagierte Leute, die sich kümmern, immer ansprechbar sind und versuchen, alle Probleme zu lösen. Außerdem hat der Lehrstuhl einen guten Ruf.“ Er empfiehlt den Studiengang allen, die sich wirklich für die Studieninhalte interessieren. „Der Name ‚Variation und Wandel der deutschen Sprache‘ ist Programm, und zwar ausschließlich.“
Und was kommt danach?
„Wir gehen davon aus, dass ein Drittel der Absolventen eine wissenschaftliche Karriere anstreben. Die Ausbildung führt nicht auf eine bestimmte berufliche Tätigkeit hin, so dass die Anderen alles mögliche machen“, beschreibt Auer die beruflichen Perspektiven der Absolventen. Kontakte zur beruflichen Orientierung etwa für Praktikumsaufenthalte pflegt das Institut nur im Bereich der Forschung. „Es gibt aber ein Defizit an gut qualifizierten Abgängern und die Nachfrage ist nicht schlecht“, so Auer, „insbesondere in Forschungsinstituten und von der deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Großprojekten.“
Dialekt im Heimatdorf – zwischen Kindheitserinnerungen und Unilehrstuhl
Matthias Maier jedoch hat nach fünf Jahren Studium vorerst genug Hausarbeiten geschrieben und möchte nach Abschluss seiner Prüfungen im nächsten Herbst ein journalistisches Praktikum in den USA einschieben. Jetzt steht für ihn aber erst die Masterarbeit an, in der er sich dem Thema Dialektsterben widmet – einem „Forschungsklassiker“ an dem Freiburger Lehrstuhl, der für den südwestdeutschen Sprachatlas bekannt ist. Wie es das Masterprogramm vorsieht, kann er seine eigene Forschung an ein DFG-gefördetes Forschungsprojekt des Instituts – Dialektwandel im 20. Jahrhundert – angliedern. In seinem Heimatdorf wird er Sprecher verschiedener Generationen interviewen und ihren Dialektgebrauch untersuchen. Parallel dazu wird er mithilfe eines Fragebogens untersuchen, ob und wie der Dialekt von den Eltern an die Kinder weitergegeben wird, um einschätzen zu können, ob sich die bisherigen Veränderungen fortsetzen werden.
Besonders faszinierend ist dabei für Maier die Verzahnung von ganz normalen Familiengesprächen und wissenschaftlichen Diskussionen: „Bei Familienfesten habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele Leute über dialektale Eigenheiten Bescheid wissen.“ Viele Beobachtungen und Alltagserfahrungen seiner Dialekt sprechenden Verwandten sind für ihn und seine wissenschaftlichen Arbeiten von großem Interesse. Andererseits kann er seinen Eltern und Großeltern jetzt aber auch aus einer sprachwissenschaftlichen Perspektive erklären, warum sie so sprechen wie sie sprechen.
Janna Degener
hat Linguistik, Ethnologie und Neuere deutsche Literatur studiert und arbeitet als freie Journalistin in Köln.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Oktober 2009
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