Sprache im Wandel

Die die Gespräche lesbar machen – Gesprächsforscher

Die Menschen sprechen nicht so, wie sie schreiben.  Foto: Erik Khalitov © iStockphotoDie Menschen sprechen nicht so, wie sie schreiben.  Foto: Erik Khalitov © iStockphotoWarum sind Füllwörter wie „ähm“ gar nicht so überflüssig wie oft behauptet? Warum fühlt sich ein Finne im Gespräch mit New Yorker Juden unwohl? Gesprächsforscher untersuchen, nach welchen Regeln Sprache funktioniert.

Nehmen Sie ein Diktiergerät in die Hand und zeichnen Sie einige Gespräche auf, die Sie im Alltag hören: Den Streit Ihrer Kinder am Küchentisch, die Unterhaltung Ihrer Sitznachbarn in der S-Bahn, die Konferenz mit den Kollegen … Spielen Sie die Aufnahmen ab und schreiben Sie ganz genau all das auf, was Sie hören. Was werden Sie feststellen? Ihr Text unterscheidet sich ganz wesentlich von dem, was Sie in einem Roman, einer Zeitung oder auf irgendeinem Ihrer Notizzettel lesen können. Es wird Pausen und Wiederholungen, abgebrochene und vermeintlich falsche Sätze, Selbstkorrekturen und Füllwörter wie „hm“, „ähm“ oder „aha“ geben. Sie werden also schwarz auf weiß sehen, was Sie vielleicht irgendwie auch vorher schon wussten: Die Menschen sprechen nicht so, wie sie schreiben.

Vom Kleinen zum Großen

Früher ist man davon ausgegangen, dass Menschen nicht so genau auf ihre Sprache achten.  Foto: Peter Petto © iStockphoto„Früher ist man davon ausgegangen, dass Menschen in alltäglichen Gesprächen nicht so genau auf ihre Sprache achten und deshalb viele Fehler machen. Heute weiß man, dass diese vermeintlich falschen Phänomene ganz systematisch eingesetzt werden und bestimmte Funktionen erfüllen“, erklärt der Gesprächsforscher Arnulf Deppermann vom Institut für deutsche Sprache in Mannheim. Um die Eigenschaften der gesprochenen Sprache unter die Lupe zu nehmen, arbeiten Linguisten und Soziologen, die sich auf die Gesprächsforschung spezialisiert haben, mit verschrifteten Ton- und Audioaufnahmen von Alltagsgesprächen. Bei der Analyse richten sie ihr Augenmerk zunächst auf den Einzelfall, um erst danach eine Kollektion mit ähnlichen Fällen anzulegen: „Wir sehen uns das Phänomen an und analysieren, was unmittelbar davor in dem Gespräch passiert und wie die Gesprächspartner darauf reagieren“, erklärt Deppermann.

Nicht immer bestätigt sich dabei, was die Sprecher intuitiv vermutet oder von Lehrern und Rhetorik-Trainern beigebracht bekommen haben. Das Wörtchen „ähm“ beispielsweise wird oft als überflüssig und störend betrachtet. Tatsächlich ist es aber laut Deppermann nur in Vorträgen problematisch, während es in Gesprächen oft eine wichtige Funktion erfüllt: „Die Sprecher zeigen damit an, dass sie nach einer Pause weitersprechen möchten und nicht den Faden verloren haben.“ Außerdem könne das „ähm“ auch dabei helfen, dem Gesprächspartner nicht vor den Kopf zu stoßen: „Wenn mich jemand fragt, ob ich zum Mittagessen mitkommen will, sage ich nicht ‚nein‘, sondern: ‚Ähm, ich hab schon etwas vor‘. Damit zeige ich, dass ich mir die Antwort nicht leicht mache, sondern nach einer für den Partner akzeptablen Antwort suche.“

Überall gilt: Man fällt sich nicht ins Wort

Wer gerade spricht, entscheidet, wer als nächstes sprechen darf.  Foto: Peter Baxter © iStockphotoGesprächsforscher untersuchen die unausgesprochenen Regeln, die dafür verantwortlich sind, dass etwas als höfliches oder unverschämtes, normales oder komisches Verhalten wahrgenommen wird. Dazu gehören auch die sogenannten Sprecherwechselregeln, die festlegen, wer überhaupt sprechen darf. Arnulf Deppermann: „Wer gerade spricht, entscheidet, wer als nächstes sprechen darf. Wenn er das nicht tut, ist das Rederecht frei. Aber keinem kommt das Recht zu, den anderen zu unterbrechen. Das ist eine Gesprächsregel mit universeller Gültigkeit.“ Wie lang die Pause zwischen den einzelnen Redebeiträgen allerdings sein darf, das wird nicht überall gleich wahrgenommen.

„Gesprächsanalytische Studien haben gezeigt: In vielen südeuropäischen Kulturen und bei New Yorker Juden ist es zum Beispiel üblich, schon dann loszureden, wenn man weiß, was der andere sagen will und dass er gleich zum Ende kommen wird. In Finnland dagegen ist es durchaus üblich, zwei Sekunden bis zur Antwort verstreichen zu lassen. Wir Deutschen stehen irgendwo dazwischen“, sagt Deppermann. Diese unterschiedlichen Konventionen können natürlich auch zu Konflikten führen: „Ein Finne unter New Yorker Juden wird sich vielleicht im Gespräch verloren fühlen, weil er nicht mitreden kann. Andererseits wird ein Deutscher in Finnland vielleicht häufig das Gefühl haben, dass die Gespräche schleppend verlaufen.“

Individuelle Analysen statt pauschaler Standards

Unterschiedliche Sprach-Konventionen können auch zu Konflikten führen.  Foto: Jacob Wackerhausen © iStockphotoDie Gesprächsforschung kann solche Kommunikationsprobleme nicht nur offenlegen, sondern auch zu ihrer Lösung beitragen. „Mithilfe der Gesprächsforschung kann man die Regeln der Gespräche besser erkennen, vor möglichen Verletzungen warnen und damit die Gespräche optimieren“, erklärt der Gesprächsforscher Martin Hartung, der Kommunikationsberatung für Menschen aus verschiedenen Berufsfeldern anbietet.

Anders als viele klassische Rhetorik-Trainer vermittelt er keine pauschalen Regeln dafür, wie man ein Gespräch erfolgreich meistert. Ob es sich um die Interviews von Radiojournalisten, Reklamationstelefonate von Call Center Agenten oder Vorstellungsgespräche von Personalentwicklern handelt – Hartung untersucht immer die verschriftlichten Aufnahmen der Gespräche daraufhin, wo welche Gesprächsregeln verletzt wurden: „Im Transkript sieht man ganz genau, warum es zum Beispiel ein Missverständnis gab, das dann emotional eskalierte oder wo ein Problem immer wieder auftaucht, weil der Knoten nie gelöst wurde. Auf dieser Basis kann man dann Verhaltensalternativen erarbeiten.“

Janna Degener
arbeitet als freie Journalistin in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Juli 2012

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Twitter

Aktuelles aus Kultur und Gesellschaft in Deutschland

Brücke zur Welt

Die deutsche Sprache als Brücke zur Welt. Erfahrungen, Eindrücke, Erlebnisse