Dossier: Energie für die Zukunft – Alternative Energien

Kosten für Klimaschutz sinken

Mitte März 2006 legte das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung auf einer Konferenz zu Kosten und Strategien des globalen Klimaschutzes eine Studie vor, die zeigt, dass die Kosten für den Klimaschutz bisher zu hoch angesetzt wurden. Für das Goethe-Institut sprach Volker Thomas mit Dr. Ottmar Edenhofer, Chefökonom des Instituts und Leiter einer internationalen Studie zu den Klimaschutzkosten.

Herr Dr. Edenhofer, wieso wurden die Kosten für den Klimaschutz bisher überschätzt?

Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch waren in allen Prognosen immer aneinander gekoppelt: Mehr Wachstum, mehr Energie – darum waren viele der Meinung: Verminderung von Emissionen ist nur durch Wachstumsverzicht möglich. Was nicht beachtet wurde: Die Emissionen lassen sich vom Wirtschaftswachstum abkoppeln, wenn wir die vorhandenen Techniken klug nutzen. Erneuerbare Energien müssen in den Vordergrund rücken. Die Abscheidung von Kohlenstoff und seine Lagerung im Untergrund sind technisch machbar und werden in wenigen Jahren auch bezahlbar sein. Die Investitionen in die Energieeffizienz müssen erhöht werden. Wir haben alle diese Effekte in unsere Modellrechnungen eingespeist und kommen zu dem Schluss, dass der notwendige Umbau des globalen Energiesystems weniger als ein Prozent des weltweiten Sozialprodukts kosten würde. Dieser Wert bezeichnet die Gesamtkosten bis 2100, wenn wir das 2-Grad-Celsius-Ziel erreichen wollen. Dagegen könnten die Schäden bis zu zehn Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung ausmachen.

Was ist unter dem 2-Grad-Celsius-Ziel zu verstehen?

Es besagt, dass die globale Mitteltemperatur am Ende des Jahrhunderts nicht mehr als zwei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau ansteigen soll. Seit 1750 ist die globale Mitteltemperatur bereits um 0,6 Grad Celsius angestiegen. Dieses ehrgeizige Klimaschutzziel geht über Kyoto hinaus; die Emissionen können noch zwei Dekaden leicht auf etwa 7,5 Gigatonnen ansteigen, gegen Ende des Jahrhunderts dürfen wir aber noch 1 Gigatonne CO2 emittieren.

Warum gerade zwei Grad Celsius?

Die zwei Grad mehr sind nach übereinstimmender Meinung der meisten Klimaforscher die kritische Schwelle, ab der es gefährlich wird: veränderte Monsundynamik, die Austrocknung der Regenwälder, das Abschmelzen der Eisschilde, die Versauerung der Ozeane sind Risiken, die wir bei der Einhaltung des 2-Grad-Celsius-Zieles vermindern können.

Wie ist dieses Klimaschutzziel konkret zu erreichen?

Durch die drastische Erhöhung der Energieeffizienz, den breiten Einsatz erneuerbarer Energien, die Abscheidung und Verpressung von Kohlendioxid aus Kohlekraftwerken. Vorübergehend wird der Preis für Kohlenstoff steigen müssen. Dieser hohe Preis zwingt zu klimafreundlichen Innovationen. Die Nutzung der Atmosphäre wird zu einem knappen Gut. Wer die Atmosphäre nutzen will, muss zahlen: Die Tonne CO2 ist zu heute billig – der Preis wird steigen müssen, wenn es auf breiter Basis zu klimafreundlichen Innovationen kommen soll.

Geht es ohne Atomkraft?

Atomstrom halte ich für keinen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz. Sein Anteil an der Weltstromerzeugung liegt bei nur 17 Prozent. Die meisten Szenarien sehen keinen steigenden Anteil. Allerdings möchte ich neue Entwicklungen auf diesem Gebiet nicht ausschließen, daher ist Forschung wichtig und notwendig. Der Fusionsreaktor wird vor 2050 wahrscheinlich nicht kommen.

Sehen Sie eine Möglichkeit, beim Klimaschutz und den Emissionsminderungen auch China oder die USA ins Boot zu holen?

China wird in seine Elektrizitätsversorgung in den nächsten beiden Dekaden 1,4 Billionen US-Dollar investieren müssen. Die Entscheidungen für eine klimaschonende oder eine konventionelle Kraftwerktechnik fallen in den nächsten 20 Jahren. Wofür werden sie sich entscheiden? Wenn Europa China überreden kann – auch mit finanziellen Mitteln – am Emissionshandel teilzunehmen, könnte sich für Europa ein neuer Exportmarkt für klimafreundliche Innovationen öffnen. Wir brauchen einen weltweiten Handel mit Emissionsrechten, an dem die wichtigsten Emittenten teilnehmen: USA, Europa, China und Indien. Von der Politik muss ein glaubwürdiges Signal ausgehen, dass die Emissionen sinken und der Preis für Kohlenstoff steigen werden. Je eher die Politik dieses Signal gibt, desto besser kann sich die Wirtschaft darauf einstellen. Im Übrigen sehe ich auch bei den chinesischen Eliten mittlerweile ein wachsendes Umweltbewusstsein.

Und die USA?

Die USA werden entdecken, dass der Emissionshandel ein Geschäft ist wie jedes andere auch. Und: Die USA haben die Technik, um ihre Emissionen kostengünstig zu vermindern. Seit dem Hurrikan „Katrina“ wächst der Druck auch in der Öffentlichkeit.

Was halten sie von einer dezentralen Energiegewinnung und -versorgung?

Nicht sehr viel, wenn die Illusion dahinter steht, man könne im Kleinen autark werden. Meine Vision richtet sich auf ein globales Netz von effizienter Energiegewinnung und -verteilung.

Sie sprechen in Ihrer Studie von einer emissionsfreien Weltwirtschaft – ist das nicht eine Utopie?

Nahezu emissionsfrei – wir prognostizieren, dass der CO2-Ausstoß, wenn wir alle Mittel einsetzen, bis auf eine Gigatonne im Jahre 2100 zurückzuschrauben ist. Meine Hoffnung ist, dass sich der CO2-Ausstoß bis 2020 noch bis auf 7,5 Gigatonnen steigern wird, aber dann massiv nach unten geht und wir am Jahrhundertende nur noch eine Gigatonne emittieren. Dieses Fernziel setzt voraus, dass wir auch die Energiewirtschaft globalisieren: Solarstrom aus Afrika und Energie aus Biomasse aus Russland bekommen. Das eröffnet gerade diesen Ländern neue wirtschaftliche Möglichkeiten. Auch für Energie gilt: Sie soll dort produziert werden, wo es am günstigsten ist für Mensch und Umwelt.

Das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK) wurde 1992 gegründet und beschäftigt heute 140 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Sein Standort: der berühmte Telegrafenberg, wo auch schon Einstein geforscht hat. Forschungsschwerpunkt des Instituts bilden der globale Klimawandel und die Möglichkeiten einer nachhaltigen Entwicklung auf dem Energiesektor. Das PIK ist Teil eines weltweiten Netzwerks von Forschungseinrichtungen und spielt eine wichtige Rolle in dem International Geosphere-Biosphere Programme (IGBP).

Volker Thomas
ist freier Journalist in Berlin und Leiter der Agentur Thomas Presse und PR, Berlin/Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2006

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