Dossier: Energie für die Zukunft – Alternative Energien

Sind Sonne, Wasser und Wind zukunftsfähige Alternativen zu Öl, Kohle und Gas?

Können wir ein neues Jahrhundert einleiten – mit Wirtschaft und Wohlstand dank Wind, Wasser, Sonne und Erdwärme? Lohnt sich die Investition in regenerative Energien? Volker Quaschning ist Professor für regenerative Energiesysteme an der FH Technik und Wirtschaft Berlin und beantwortet diese Fragen mit einem eindeutigen „Ja“.

Seit wann beschäftigen Sie sich mit erneuerbaren Energien? Wie kam es dazu?

Prof. Quaschning: Ich beschäftige mich seit den 1980er-Jahren intensiv mit erneuerbaren Energien. Ich interessierte mich für die Umweltbewegung und nahm ein Elektrotechnikstudium auf. Für meine Diplomarbeit war ich dann zum ersten Mal im Bereich der regenerativen Energien tätig und hab’s geschafft, dabei zu bleiben.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) lobt die Energiepolitik der letzten Jahre als „Schritte in die richtige Richtung“. Durch das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) läge der Anteil des Stroms aus Wind, Wasser, Sonne, Geothermie und Biomasse bei elf Prozent des deutschen Stromverbrauchs. Wie beurteilen Sie die Energiepolitik der letzten Regierung und welche Erwartungen haben Sie an die neue?

Die letzte Regierung hat einige Weichen in die richtige Richtung gestellt. Aber bei näherer Betrachtung ist alles, was bis jetzt passiert ist, nicht ausreichend für den Klimaschutz. Es gilt, die CO2-Emissionen drastisch zu reduzieren und unabhängig von den Importen von fossilen Energieträgern zu werden. Wir müssen bis zum Jahr 2050 die Treibhausgas-Emissionen um weit mehr als 50 Prozent zurückfahren und keine der Regierungen hat einen plausiblen Weg dahin. Ich erwarte von der Jetzigen, dass sie den Weg dorthin aufzeigt. Das bedeutet, pro Jahr zwei Prozent Energie einsparen oder durch erneuerbare ersetzen. Und das ist ein schwerer Weg.

Neue Berechnungen ergeben, dass der Preis für Wasser- und Windkraft jedes Jahr um drei bis vier Prozent sinkt, Inflation mitgerechnet. Kann man sich auf diesen Trend ebenso verlassen wie auf die steigenden Öl- und Gaspreise?

Regenerative Energien werden jedes Jahr billiger. Das liegt daran, dass wir einen kleinen Marktanteil haben und mit zunehmender Produktion die Anlagen billiger werden. Wie stark der Preisrückgang sein wird, ist ein bisschen wie Kaffeesatz lesen. Aber es ist eigentlich egal, ob wir nun in zehn Jahren voll konkurrenzfähig sind oder in acht oder zwölf. Die Tendenz ist klar und es ist auch klar, dass dieser Zeitpunkt relativ schnell erreicht werden wird.

Eine Studie der Europäischen Union kommt zum Ergebnis, dass sich erneuerbare Energien am besten fördern lassen, wenn man langfristig Preise für Ökostrom festlegt, Einspeisetarife garantiert und so das System verlässlich macht. All dies gewährleistet das deutsche EEG, das weltweit als beispielhaft gilt. Wieso fordern deutsche Stromkonzerne dennoch eine Neu-Regelung?

Es gibt zwei Aspekte: Einer ist der, dass der Anteil erneuerbarer Energien in Deutschland an der Stromerzeugung von fünf auf zehn Prozent gestiegen ist. Das bedeutet natürlich, dass irgendjemand anderes fünf Prozent weniger erzeugt und das kann dem Konkurrenten nicht passen. Der andere Aspekt ist der, dass man in Deutschland neuen Technologien gegenüber nicht aufgeschlossen ist. Das trifft nicht nur auf erneuerbaren Energien zu. Hier haben neue Technologien es immer etwas schwerer, sich durchzusetzen.

Windräder; Copyright: Professor Volker Quaschning

Wind, Wasser, Sonne, Erdwärme und Bioenergie haben laut dem Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) Energieimporte in Form von Öl, Gas, Kohle und Uran im Wert von über drei Milliarden Euro vermieden. Waren sie für Wirtschaft und Verbraucher billiger oder teurer?

Die Frage ist schwer zu kalkulieren und schwer zu beantworten, denn man muss das gesamtwirtschaftlich sehen. Wir sind im Moment bei den erneuerbaren Energien in einer Markteinführungsphase, das heißt die Preise, die für die meisten regenerativen Energien bezahlt werden, liegen über dem Marktdurchschnitt. Man muss aber auch volkswirtschaftliche Aspekte einbeziehen. Zum Beispiel bei der Windindustrie geht jede zweite Windkraftanlage oder deren Komponenten in den Export und da fließt einiges zurück. Rechnet man diese Effekte und die vermiedenen Umweltkosten mit, kommen einige Studien zu dem Schluss, dass wir heute schon volkswirtschaftlich gesehen unterm Strich ein Plus haben. Das wird sich langfristig mit der zunehmenden Konkurrenzfähigkeit der erneuerbaren Energien deutlich verbessern.

Wie wirtschaftlich ist Wasserkraft?

Bei normaler wirtschaftlicher Betrachtungsweise rechnet sich die Wasserkraft vor allem in den mittleren und großen Anlagen. Konträr dazu sind kleinere Anlagen umweltverträglicher aber auch teurer. Für Deutschland sind die Standorte begrenzt, man wird wenig zubauen können. Deswegen wird Wasserkraft vor allem in anderen Ländern wirtschaftlich sein.

Wie wirtschaftlich ist Windenergie?

Da muss man sagen: je besser der Standort, je höher der Ertrag. Eine Windkraftanlage an der Küste ist wesentlich wirtschaftlicher als eine im Binnenland. Es gibt Standorte, wo man jetzt schon deutlich günstiger Strom produzieren kann als mit Kohle oder Gas. Die findet man nicht in Deutschland. Hier gibt es allerdings genügend Standorte, die sehr nah an der Wirtschaftlichkeit sind, sodass wir eine kostengünstige Versorgung sicher stellen können.

Wie wirtschaftlich ist Solarenergie?

Solarstrom steht am Anfang der Markteinführung, was man an der deutlich teureren Vergütung sieht. Man hat derzeit die Erfahrung, dass sich alle zehn Jahre die Kosten etwa halbieren und dass man in etwa 20 Jahren billiger sein könnte als Kohle- oder Atomstrom. Solarenergie braucht allerdings noch die Förderung des Erneuerbaren Energiengesetzes (EEG), sonst wird die Markteinführung ausgebremst und damit die Wirtschaftlichkeit nicht erreicht. Dann gibt es noch die Solarwärme. Sie ist für die Warmwassererzeugung an guten Standorten jetzt schon konkurrenzfähig, wenn man den hohen Ölpreis zugrunde legt.

Wie wirtschaftlich ist Bioenergie aus Biomasse?

Das hängt sehr stark vom Brennstoff ab. Die wenigsten wissen, dass 15 Prozent des weltweiten Energiebedarfs durch Bioenergie gedeckt werden, vor allem in Entwicklungsländern, wo man auf Biomasse setzt. Aber auch in Deutschland ist die Nachfrage – wegen des hohen Ölpreises - stark gestiegen. Nur ist bei der Bioenergie im Gegensatz zur Solarenergie das Potenzial begrenzt. Deutschland wird unwesentlich mehr als 10 Prozent des Gesamtenergiebedarfs durch Bioenergie decken können. Das sieht in anderen Ländern deutlich besser aus. So will Schweden in den nächsten 20 Jahren voll auf erneuerbare Energien umsteigen und dort – in einem Land mit viel Wald – wird die Biomasse eine Hauptrolle spielen.

Norbert Walter von der Deutschen Bank sagt „Wer auf erneuerbare Energien eindrischt, hat nicht alle Tassen im Schrank.“ Was sagen Sie zu den Gegnern der umweltschonenden Energiegewinnung, zum Beispiel zu den Menschen, die sich gegen Windräder in schönen Landschaften wehren?

Ich sage – jede Energieform hat negative Einflüsse. Auch erneuerbare Energien haben Einflüsse auf Umwelt und Landschaft. Das kann man nicht bestreiten und man muss die Interessen der Gegner ernst nehmen. Nur muss man die Gegner auch fragen – welche Alternativen gesehen werden. Die Alternative wäre zum Beispiel der Braunkohletagebau, wo ganze Dörfer weggebaggert werden. Es gibt auch andere Aspekte, die wenig kritisch gesehen werden. So gibt es mehr Bürgerinitiativen gegen Windkraftanlagen als gegen Strommasten. Legt man sich die Zahlen nackt auf den Tisch, haben wir in Deutschland eine Million Strommasten, aber nur 20.000 Windkraftanlagen. Ich denke, wenn man sich an erneuerbare Energien gewöhnt hat, ebbt auch der Widerstand, der jetzt da ist, ab.

„Was wird 2050 die wichtigste Energiequelle sein?“ fragt das Magazin „Zeit Wissen" und kommt zum Schluss: der vermiedene Verbrauch. Mehr als ein Drittel des dann noch benötigten Energieverbrauchs könne aus regenerativen Quellen stammen. Wie lautet Ihre Prognose für die nächsten 20 Jahre?

Ich sehe nicht, dass die Energievermeidung weltweit die wichtigste Energiequelle sein kann, weil die Entwicklungsländer einen sehr starken Nachholbedarf haben. Ich gehe davon aus, dass es bis 2050 mindestens eine Verdopplung des Bedarfs geben wird und so frisst der Nachholbedarf die Einsparpotenziale auf. Davon bin ich fest überzeugt. Wir brauchen allerdings eine hohe Einsparung an fossilen Brennstoffen um die 80 Prozent bis zum Jahr 2050. Und das kann nur durch die regenerativen Energien kommen. Für 2020 würde ich für Deutschland 20-30 Prozent regenerative Energien als realistisch ansehen. Das ist deutlich mehr, als die Regierung derzeit plant.

Christine Sommer-Guist
ist Journalistin und Buchautorin mit dem Schwerpunkt Umwelt & Soziales.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2006

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