Windenergie

Windkraft ahoi!

Offshore-Windpark Thornton-Bank in Belgien: Windräder desselben Typs sind für Alpha Ventus vorgesehen; Copyright: REpowerOffshore-Windpark Thornton-Bank in Belgien: Windräder desselben Typs sind für Alpha Ventus vorgesehen; Copyright: REpowerIhre weltweite technologische Vormachtstellung hat die heimische Industrie für Windkraftanlagen zum Aushängeschild der deutschen Umwelt- und Energiepolitik gemacht. Doch während in den Küstengewässern der Nachbarländer längst Windräder made in Germany rotierten, herrschte in der See vor Deutschland bis vor kurzem gähnende Leere. Nun hat auch Deutschland sein erstes Offshore-Windkraftwerk.

Geeignete Standorte für zusätzliche Windkraftanlagen sind hierzulande rar geworden. Deshalb machten die heimischen Hersteller seit Jahren Dampf, um mit ihren Windrädern endlich in See stechen zu dürfen. Mitte Juli 2008 war es endlich soweit: Mit der Baufreigabe für die ersten sechs Anlagen hat das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) das Startsignal für die kommerzielle Nutzung der Windenergie in der deutschen Nordsee gegeben.

Nun geht es Schlag auf Schlag: Am 19. September erfolgte auf dem Testfeld Alpha Ventus, 45 Kilometer nördlich von Borkum, der erste Rammschlag für das Fundament eines Umspannungswerkes auf hoher See. Schon neun Tage später meldeten die Betreiber die planmäßige Fertigstellung des gut 60 Meter hohen und 1300 Tonnen schweren Bauwerks, das als vorgefertigtes Modul auf das im Meeresboden verankerte „Jacket“ aufgesetzt wurde.

Aufholjagd beginnt

Windrad der Firma REpower,bei der Verladung zur Montage auf dem Meer; Copyright: REpowerNur widriges Wetter verhinderte, dass nicht auch gleich noch die „Tripods“ errichtet wurden. Die Arbeiten an den Trägern der ersten sechs von insgesamt zwölf Windrädern, die 2009 im Testfeld entstehen sollen, wurden auf das Frühjahr 2009 verschoben. Alpha Ventus ist ein Pionierprojekt der Unternehmen E.ON, Climate & Renewables, EWE und Vattenfall; die geplanten Rotoren – 80 sollen es bis Ende 2010 sein – stammen von den Firmen Multibrid und REpower. Es wird begleitet von der Forschungsinitiative RAVE (Research at Alpha Ventus), von der sich das Bundesumweltministerium wertvolle Erkenntnisse für den Betrieb zukünftiger Anlagen erwartet.

Ausstieg aus der Atomkraft und Einstieg in die Windkraft, so lautete ein Credo der rot-grünen Bundesregierung. Mit dem „Erneuerbare Energien Gesetz“ (EEG) leitete sie im Jahr 2000 eine technologische Revolution ein und löste einen beispiellosen Ökostrom-Boom aus. Sichtbare Zeichen der Energiewende waren neben blau blitzenden Solardächern vor allem gigantische Windräder, die überall in der Republik wie Pilze aus dem Boden schossen. Doch während an den zugigen Gestaden der Nord- und Ostsee ganze Landstriche mit großen Windparks verunziert wurden, blieben die Gewässer vor den Küsten zunächst tabu.

Stunde der Alarmisten

Erster Baustein des Windparks Alpha Ventus: Das fertige Offshore-Umspannwerk; Copyright: DOTIDie Zukunft der Energieversorgung gehört eindeutig Windparks auf See. Nirgendwo wehen die Winde so stark und stetig wie eben dort. Die Energieausbeute ist „offshore“ (engl. für ablandig) um 40 Prozent höher als an Land. Doch anstatt den Standortvorteil zweier stürmischer Meere vor der Haustüre für den aktiven Klimaschutz zu nutzen, gingen zunächst einmal Bürger und Behörden auf die Barrikaden. So sorgen sich etwa Umweltschützer um das Schicksal von Zugvögeln, Meeressäugern oder Fischen, die von Rotorblättern erschlagen, von Turbulenzen ins Wasser gedrückt oder durch Schwingungen irritiert werden könnten. Eine der wenigen Naturschutzorganisationen, die schon frühzeitig das Gebot der Stunde erkannt haben, ist Greenpeace. „Öl raus – Wind rein“ lautet der Slogan, mit der sie sich konsequent für Offshore-Windkraftanlagen stark macht, indem sie auf die verheerende Meeresverseuchung durch die über 400 Plattformen verweist, die derzeit in der Nordsee nach Erdöl und Erdgas bohren.

Anders als bei unseren Nachbarn legt man in der deutschen Bevölkerung gesteigerten Wert auf einen ungetrübten Meerblick. Wenn schon Windparks, dann möglichst weit weg vom Ufer – ganz egal welch technischen und finanziellen Mehraufwand Entfernungen und Wassertiefen von bis zu 40 Metern mit sich bringen. Und schließlich mahlen in Deutschland die Mühlen der Bürokratie bekanntlich gründlich – und deshalb leider oft auch recht langsam. Da können dann auch mal zehn Jahre ins Land gehen, ehe ein Dutzend Behörden im Rahmen des Genehmigungsverfahrens ihren Segen für einen einzigen Windpark erteilt haben.

Förderung auf allen Ebenen

Die Verschiffung der Tripod-Fundamente nach Alpha Ventus musste wegen schlechten Wetters verschoben werden; Copyright: Stiftung Offshore WindenergieDie Bundesregierung hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, bis 2030 nicht weniger als 15 Prozent des nationalen Strombedarfs (20-25 GW) offshore zu generieren. Den nötigen Schub erhofft sich die Regierung zum einen vom „Infrastrukturplanungsbeschleunigungs-gesetz“, das Ende 2006 verabschiedet wurde. Zum anderen von einem 50 Millionen Euro schweren Förderprogramm. Die Offshore-Technologie birgt nämlich in puncto Planung, Bau und Betrieb manches Risiko, das Investoren und Versicherungen abschreckt. Zusätzliche Anreize verspricht man sich von der Novellierung des „Erneuerbare Energien Gesetzes“, die eine besonders lukrative Vergütung von Offshorestrom (15 Cent/KW) vorsieht.

In Anbetracht dessen kann die Inbetriebnahme des ersten meeresbasierten Windkraftwerks in der Außenjade vor Hooksiel im Kreis Friesland am 28. Oktober 2008 tatsächlich als Meilenstein bezeichnet werden. Nur 500 Meter vom Festland entfernt, soll diese „Nearshore“-Anlage Test- und Ausbildungszwecken dienen.

Roland Detsch
arbeitet als freier Redakteur, Journalist und Autor in München und Landshut.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
November 2008

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