Mit Schwarmintelligenz zu mehr Nachhaltigkeit?

Schwärme sind intelligent. Auch auf Menschengruppen trifft dies zu. Schwarmintelligenz kann nicht nur Massenpaniken verhindern, sondern auch helfen wirtschaftliche Entscheidungen zu treffen und Trends zu erkennen.Ein Vogelschwarm zieht vorbei. Plötzlich scheint er geschlossen zu Boden zu gehen – doch dann fängt er sich und fliegt in eine andere Richtung davon. Der Schwarm wirkt dabei wie ein einziges großes Individuum und nicht wie Hunderte von Vögeln.
Wie ist so etwas möglich? Wie bewegt sich ein Vogel- oder Fischschwarm? Wer steuert ihn? Forscher haben drei wesentliche Regeln ausgemacht, an die sich Tiere in einem Schwarm halten: In Bewegung bleiben, Abstand zum Nachbarn und Anschluss zur Gruppe halten. Durch dieses Verhalten wirkt ein Schwarm wie ein einziger Organismus. Tatsächlich haben Tiere innerhalb einer solchen Gruppe viele Vorteile. Da der Schwarm das Wissen aller Mitglieder nutzt, kann er schneller und klüger auf seine Umwelt reagieren als ein Individuum.
Das Geheimnis der Schwärme
Das Geheimnis der perfekten Koordination von Schwärmen beschäftigt Prof. Jens Krause von der Humboldt-Universität Berlin und Prof. Stefan Krause von der Fachhochschule Lübeck schon seit Jahren. Bei ihren Untersuchungen mit Roboterfischen machten die Brüder eine aufschlussreiche Entdeckung: Schwärme lassen sich nicht bloß von einem einzelnen Anführer leiten. „Fünf bis zehn Prozent geben der Gruppe eine Zielrichtung vor“, so der Informatiker Stefan Krause. „Bei größeren Gruppen reichen sogar fünf Prozent aus.“ Dabei kann jedes Mitglied zum Anführer werden, das nützliche Informationen besitzt und konsequent genug handelt.
Dass sich das Schwarmverhalten von Tieren auf Menschengruppen übertragen lässt, ist vielleicht die spannendste Erkenntnis dieser Forschung. Die Krause-Brüder beobachten Menschengruppen in verschiedensten Situationen, etwa in Fußgängerzonen oder im Straßenverkehr. Hier sei Schwarmverhalten gut erkennbar, sagt der Verhaltensbiologe Krause. „Wenn Menschen die Straße überqueren, obwohl die Ampel rot ist, lassen sie sich häufig von anderen mitziehen ohne dies wirklich zu wollen.“ Bei einem spektakulären Versuch in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftsmagazin Quarks & Co des Fernsehsenders WDR konnte Jens Krause den Beweis erbringen: Das Verhalten eines etwa 300 Individuen großen Menschenschwarms in einer Messehalle entsprach exakt typisch tierischem Schwarmverhalten.
„Mehr horizontale Verbindungen“ in Unternehmen
Menschen orientieren sich bewusst oder unbewusst an anderen, die sich um sie herum befinden. Um beispielsweise bei Gefahren ein Gebäude erfolgreich zu evakuieren, reicht es nach Erkenntnis der Forscher aus, wenn fünf bis zehn Prozent der Menschen über entscheidende Informationen verfügen. Selbst gewaltige Menschengruppen bei Großveranstaltungen lassen sich so indirekt steuern. „Damit können wir Massenpaniken wie bei der Loveparade in Duisburg verhindern“, sagt Stefan Krause.
Auch Unternehmen profitieren von der Schwarmforschung. Dazu gehören heute Firmen wie Google, Hewlett-Packard, IBM und LEGO ebenso wie die Autoindustrie. „Diese Unternehmen gehen davon aus, dass unsere Umwelt zu komplex geworden ist, als dass noch einer allein alle Entscheidungen treffen könnte“, so Jens Krause. Aus diesem Grund hätten bereits einige Unternehmen ihre Managementstruktur verändert und sich dabei am Schwarmprinzip orientiert. „Wie im Schwarm gibt es hier zwischen den Individuen, die auf einer Rangebene sind, eine verstärkte Kommunikation und damit einen besseren Informationsfluss“, erklärt der Verhaltensbiologe. „Es gibt mehr horizontale Verbindungen.“
Vorhersagen von Trends
Nicht nur für die Firmenorganisation nutzen Unternehmen die Erkenntnisse der Schwarmforschung, sondern auch für Markprognosen und Produktentwicklungen. Wie wird sich ein Produkt verkaufen? Auch Designer versuchen, damit Trends vorherzusagen. Gerade bei einem nicht ganz klar auszumachenden Ziel funktioniere die Schwarmintelligenz, die auch als das Wissen der Vielen bezeichnet wird, sagt Stefan Krause. „Eine große Gruppe kann mit ihrer Einschätzung bei einem passenden Problem das Urteil einzelner Experten übertreffen. Jeder Einzelne macht zwar Fehler, doch in der Gruppe gleichen sich diese aus.“ Viele Firmen nutzen längst Prediction markets, eine Art virtueller Aktienmärkte, die für Nutzer mehr eine Spielerei denn ein tatsächliche Einkommensquelle sind. Doch diese Plattformen ermöglichen es, mit dem Wissen der Vielen genaue und damit wirtschaftliche Prognosen zu erstellen. Gerade bei Wahlprognosen sind die Ergebnisse meist erheblich genauer als die der Meinungsforschungsinstitute.
Auch das enormes Potential der eigenen Mitarbeiter sehen die Firmen in diesem Zusammenhang: Denn jeder von ihnen verfügt über einen anderen Wissensschatz. Die gemeinsame Einschätzung eines Problems bietet oft ein robustes Ergebnis. „Die Firmen haben erkannt, dass es sinnvoll ist ein gewisses Maß an Kontrolle abzugeben“, so Jens Krause. „Denn wenn Einschätzungen von mehr Individuen in Entscheidungsprozesse mit eingehen, kann man wesentlich schneller auf Veränderungen in der Umwelt reagieren.“
ist Online-Redakteurin und arbeitet als freie Journalistin (Schwerpunkte: Wissenschaft, Religion, Soziales) in München.
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Februar 2011
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