Umwelt in Deutschland – Panorama

Wildbiotop Stadt

Problembär Bruno wütet beim Imker in Kochel; Copyright Museum Mensch und Natur MünchenFuchs; Copyright Anne Dietschy / fotolia.com „Dort sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht“, lautet eine deutsche Redewendung, mit der ein Ort fernab allen Trubels gemeint ist – eine ländliche Idylle abseits der großen Stadt, die gemeinhin als lauter, schmutziger und lebensfeindlicher Moloch gilt. Doch verglichen mit den Zuständen in den flurbereinigten, trockengelegten Agrarsteppen mit ihren Holzackerwäldern und begradigten Wasserläufen herrschen für Wildtiere in so mancher deutschen Stadt geradezu paradiesische Zustände. Immer mehr Wildtiere zieht es deshalb in die Stadt.

Locker gruppierte Bäume und Sträucher in Straßenschluchten und Hinterhöfen, die sich zu ebenso arten- wie abwechslungsreichen Oasen aus Gärten, Parks und Friedhöfen verdichten, Industriebrachen, stillgelegte Gleisanlagen und Steinwüsten, unterhöhlt von Kanälen, Rohren und Tunneln – Städte haben alles, was ein Biotop ausmacht. Zumal in Deutschland, wo sie über Jahrhunderte gewachsen und zumeist an den Ufern von Flüssen gelegen sind. Eigentlich kein Wunder, dass sie Scharen wilder Tiere anziehen. Sie bieten massenhaft Unterschlupf, Sicherheit vor Jägern, rund um die Uhr Licht und nicht zuletzt ein üppiges Nahrungsangebot aus Abfällen unserer Wohlstandsgesellschaft.

Schauriges Rumpeln auf dem Dachboden

Marder im Motorraum; Copyright Andreas Böhm /  fotolia.comMit dem Marder, der schaurig auf dem Dachboden rumpelt und des Nachts an Kabeln unter der Motorhaube kaut, hat man sich wohl oder übel arrangiert. Und die Kaninchen, Eichhörnchen und gelegentlich sogar Rehe in Stadtparks und Grünanlagen sind ohnehin süß. Gewöhnungsbedürftig dagegen sind Füchse, die abends seelenruhig über den Münchner Marienplatz streifen, im dichten Straßenverkehr den Potsdamer Platz kreuzen oder sich im Nürnberger Zoo Pinguine stehlen. Schätzungsweise 2000 dieser Rotbälge leben in München, in Stuttgart sind es schon 4000 und in Berlin sogar 6000. Respekt flößen zu Recht auch die Wildschweinrotten ein, die in Berlin einen Prominentenfriedhof verwüsten, in Frankfurt Kinderspielplätze umpflügen oder in Wolfsburg in den Schrebergärten wühlen.

Ob all diese Wildtiere nur die Not in die Stadt getrieben hat? Fest steht, das Phänomen ist keineswegs neu. „Kulturfolger“ hat es schon immer gegeben. Beste Beispiele sind die Hausmäuse. Oder die Hausratten, die mit ihren Flöhen verheerende Pestepidemien auslösten. Sie wurde zwar inzwischen von der Wanderratte abgelöst, doch diese neue Königin der Kloaken ist ebenso vermehrungsfreudig – und obendrein resistent gegen viele gängige Gifte. Kaum zu glauben, dass in unseren vergleichsweise sauberen Städten genauso viele Ratten wie Menschen leben. Blicken lassen sie sich selten. Auch wenn es durchaus einmal vorkommt, dass sie auf der Suche nach der Quelle weggespülter Essensreste in der Kloschüssel auftauchen.

Falken via Webcam

Blick mit der Webcam in die Falkenstube von PankowBesonders viele Kulturfolger findet man in der Vogelwelt. Allen voran die als „Flugratten“ verschrienen Stadttauben, die im Hinterhof gurren. Alle Anstrengungen, sie durch Anti-Taubenbabypille oder Beizjagd nachhaltig zu dezimieren, schlugen fehl. Zumal die Schwärme neuerdings durch die eigentlich in Wald und Flur beheimatete Ringeltaube aufgefrischt werden, erkennbar an ihrer hellen Halsbinde und den gebänderten Flügeln. Doch vielleicht erledigt sich dieses Problem demnächst von selbst. Denn inzwischen stoßen auch immer mehr Greifvögel in die Stadt vor. Darunter Taubenjäger wie der Wanderfalke, der sich zum Beispiel im Berliner Roten Rathaus eingenistet hat. Er tut es damit dem Turmfalken gleich, der seinen Namen nicht von ungefähr trägt. Ähnlich wie die herzgesichtige Schleiereule bevorzugt er seit jeher Dachgebälk zum Horstbau. Und dies längst nicht mehr nur in jenen von Scheunen und Dorfkirchen. Das spannende Treiben in der Falkenkinderstube im Rathausturm von Pankow kann man live via Webcam verfolgen.

Allesamt ursprünglich Landbewohner sind auch Allerweltsvögel wie Spatzen, Amseln und Meisen. Und was wäre ein Stadtweiher ohne Schwäne, Wildenten, Blesshühner oder Graugänse? Zum Ärgernis geworden sind mancherorts lediglich die frechen Elstern und Krähen, die Abfallkörbe ausräumen und auf Balkons stibitzen, was nicht niet- und nagelfest ist. Wirklich hellhörig macht allenfalls noch das Schlagen der Nachtigall oder das Nageln des balzenden Buntspechts, der ebenso gern auf Kaminblech scheppert wie auf Baumholz pocht. Oder die Mauersegler, die mit sirrendem Schrei durch die Häuserschluchten jagen und toskanisches Flair verbreiten. Das ganzjährig mildere Klima zieht immer mehr Zugvögel in unsere Städte statt in den Süden.

Die Bären sind los

Ein Großteil des neuen Stadtwildlebens bleibt entweder verborgen oder spielt sich im Schutze der Nacht ab. So hat etwa eine Biotopkartierung in München ganze 39 Arten erfasst, von der seltenen Gartenspitzmaus über Hermelin, Biber, Bisam, Dachs bis hin zu neun Fledermausarten. Damit steht fest, dass ein Großteil der in Bayern vorkommenden Säugetiere inzwischen auch in der Landeshauptstadt heimisch ist.

Immerhin muss man sich in Deutschland keine Sorgen um Leib und Leben machen. So gut wie alle heimischen Wildtiere sind für den Menschen im Grunde ungefährlich. Dies gilt auch für Exoten wie die nordamerikanischen Waschbären, die sich seit ihrer Auswilderung durch NS-„Reichsjägermeister“ Hermann Göring 1934 hierzulande rasant vermehrt haben, auch wenn sie es nicht überall so toll treiben wie in ihrer Hochburg Kassel, wo sie sich zu Tausenden tummeln.

Problembär Bruno wütet beim Imker in Kochel; Copyright Museum Mensch und Natur MünchenUnheimliche Begegnungen wie im oberbayerischen Kochel dürften die Ausnahme bleiben. Angst und Schrecken verbreitete dort im Juni 2006 der über die Alpen eingewanderte Braunbär „Bruno“, als er am helllichten Tag dreist durch die Straßen tappte und die Bienenstöcke eines Imkers plünderte. Schlagartig mutierte Bruno vom Liebling der Nation zum „Problembär“. Heute kann er im Münchner Museum Mensch und Natur bewundert werden – ausgestopft!

Roland Detsch
arbeitet als Freier Redakteur, Journalist und Autor in Landshut und München

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September 2008

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