Why the Lion Roars
Das Wetter zappt durchs Filmmenü
Anri Sala übergibt dem Publikum zur Dokumentation seiner Arbeit nur ein Filmplakat. Hier erscheinen die Filmtitel in charakteristischen Schriftzügen; den Hintergrund durchzieht ein nahtlos ineinanderfließender Farbverlauf. So sieht das Poster eher aus wie eine Sponsorenwand oder ein Teststreifen aus dem Chemielabor und erinnert nur entfernt an die Ästhetik von Wetterkarten.
Am unteren Rand des Posters findet sich eine Skala, die den jeweiligen Temperaturen Farben zuordnet. Es überwiegen Anfang September grün und blau, was auf Temperaturen zwischen 12 und 24 Grad hinweist. Die Filmauswahl erfolgt dann automatisch nach der Außentemperatur. Auf der begleitenden Website ist das Filmprogramm des jeweils aktuellen Tages angekündigt, ähnlich wie auf dem Plakat ebenfalls vor changierenden Farbtönen.
Sitzt man im Kino, ist die Außenwelt leicht vergessen. Ein jeweiliger Film definiert seine eigenen Räume und Beziehungen. Sobald der Metro Goldwyn Mayer Studios-Löwe brüllt, geht das Kinoerlebnis los. Das Brüllen des Löwen ist der Startschuss, wie die Erkennungsmelodie einer TV-Serie, mit seinem Auftritt beginnen die Zuschauer, in eine fiktionalisierte Welt abzutauchen.
Wie schnell das geht, führt Why the Lion Roars von Anri Sala vor. Für seine nonstop interaktive Film-Installation im großen Auditorium des Haus der Kulturen der Welt in Berlin erstellte der Künstler eine subjektive Liste von 18 Spielfilmen, denen er nicht nur eine ästhetische Temperatur, sondern konkret eine Temperatur zwischen 0 bis 25 Grad Celsius zuordnete.
Jean-Luc Godards futuristische Großstadtvision Alphaville gehört zu den kühleren, Eric Rohmers Liebesdrama Das grüne Leuchten zu den wärmsten Filmen im Sortiment – vier schöne junge Französinnen diskutieren in Sommerkleidern ihre Freundschaften. Aber nicht die Geschichten sind wichtig in unserer Erinnerung, sondern Licht, Leuchten, Farben, Oberflächenstrukturen, schreibt die Filmwissenschaftlerin Ute Holl.
Sala greift in die Erzählstruktur der Filme ein, indem er eine neue Beziehung definiert, und zwar die Abhängigkeit des Filmprogramms von äußeren Temperaturänderungen. Auf der Dachterrasse des Haus der Kulturen der Welt befindet sich ein Thermometer, das Temperaturveränderungen an eine Videosteuerung weiterleitet, die daraufhin den zur aktuellen Temperatur ermittelten Film abspielt. Somit setzt sich jeden Tag das Programm neu zusammen. Zu den Filmen in der Playlist gehören Weltklassiker wie Mat I Syn, ein Drama von Aleksandr Sokurov, die Hitchcock-Komödie Trouble with Harry oder auch der Künstlerfilm Zidane – Ein Porträt im 21. Jahrhundert von Douglas Gordon und Philippe Parreno. Steigt oder fällt die Außentemperatur, wird der aktuelle Film unterbrochen und ein anderer läuft an der Stelle weiter, wo ihn zuletzt das Wetter anhielt – das Wetter, von dem die westliche Gesellschaft sich so unabhängig gemacht hat, bestimmt mit einem Mal die Kunstrezeption.
Man könnte die Installation so verstehen, dass Sala ansatzweise versucht, über den formalen Umweg Kino für das Wetter zu sensibilisieren. Das Hin- und Herschalten zwischen völlig verschiedenen Kontexten und Erzählsträngen sorgt aber auch für eine diffusere Wahrnehmung der Umstände. De facto verbindet die Lieblingsfilme und das globale Thema Klimawandel nichts. Aber die westliche Gesellschaft muss wieder verstehen lernen, dass sie Teil des ökologischen Systems ist und das System nicht durch technologische Mittel gesteuert werden kann. Sala ist so fies, das Kulturpublikum bei einer Lieblingsbeschäftigung zu ärgern – hier zappt das Wetter durch das Filmmenü.
arbeitet als freie Autorin und Kuratorin in Berlin
Copyright: Goethe-Institut e. V. 2009









