Franny Armstrong

The Age of Stupid: Lehren der Dummheit

London Eye. © Spanner FilmsDie Welt in unkommentierten Bildern: Las Vegas ist versandet, das Taj Mahal verfallen, London überflutet, Sydney brennt und die Arktis hat einen Wellengang wie heute der Atlantik. In dieser Arktis hat ein Eremit mit dem für Science Fiction-Filme typischen gezeichneten Gesicht – die Spuren eines riskanten Lebens – ein globales Archiv angelegt.

Das Archiv: Blick zurück in die Gegenwart. © Spanner FilmsEs ist das Jahr 2055. In einem futuristisch-apokalyptischen Tower befinden sich Noahs Tierpaare in Konserven, Bücher digitalisiert und Museumsobjekte der Welt in Reihe. Es handelt sich um das Superarchiv einer Zukunft, in der etwas schief gegangen ist, was heute noch verhindert werden könnte – die Folgen des Klimawandels.

So beginnt der unabhängige Dokufictionfilm The Age of Stupid. Aus der fiktiven Zukunft heraus die Zuschauer in der Gegenwart zu fragen, warum es nicht gelungen war, den Klimawandel aufzuhalten, ist ein cleverer Kunstgriff der britischen Regisseurin Franny Armstrong. Damit distanziert sich der Film gleich zu Anfang von moralisierenden Dokumentationen oder affirmativen Action-Filmen. Vielmehr werden in The Age of Stupid beide Ebenen – Spielfilm und dokumentarischer Faktenfilm – parallel geführt. Der Erzähler – der einsame Überlebende im Turm – wählt über ein transparentes digitales Interface, wie es schon Tom Cruise in Minority Report bediente, Nachrichten- wie Spielfilm-Schnipsel aus der jetzigen Zeit an, die vom Klimawandel handeln.

Trailer The Age of Stupid © Spanner Films

Ohne neu gedrehte Dokuszenen will der Film nicht auskommen: Anhand von fünf plakativen Szenen werden die globalen Zusammenhänge des Klimawandels aufgezeichnet. In Indien gründet ein Jungunternehmer die Billigfluglinie Go Air, am Mont Blanc führt ein alter Bergführer eine englische Familie über ein ehemaliges Gletscherbett, der patriotische Alvin in New Orleans hat nach Katrina Nachbarn gerettet, arbeitet aber auch für Shell. Die junge Frau in Nigeria macht ihre Ausbildung zur Ärztin und protestiert gegen die Umweltverschmutzung von Shell und zwei junge irakische Kinder warten als Flüchtlinge in Jordanien auf ihren älteren Bruder. Der Vater der englischen Familie wiederum plant Windparks. Diese fünf Szenen sind so modellhaft erzählt, dass sie die Komplexität des Klimawandelszenarios nicht in einer linearen Story begraben.

Gasflamme Shell, Nigeria. © Spanner FilmsAbwechselnd nimmt der Film die jeweilige lokale Handlung auf und unterbricht die teils sehr emotionalisiert erzählten Einzelschicksale mit Nachrichtenfootage und Animationen zum Tagesumsatz von Shell, Öl als Kriegsgrund oder Chinas hohen Energieverbrauch aufgrund der Produktion für den Westen. Während die Mitarbeiter von Go Air den Notfall üben oder ihre Arbeitskleidung vorführen, demonstriert der Bergführer gegen die LKWs auf der Mont Blanc-Autobahn, untersucht Alvin Steinchen nach Ölspuren und geht die Ärztin im Niger-Delta durch den verwilderten Rohbau eines Gesundheitszentrums, das vom Geldgeber Shell nicht fertiggestellt wurde. Das irakische Mädchen imitiert eine Al Jazeera-Moderatorin, „Hey, you can win 4 SUVs ...“ – es ist eindeutig, dass sie oder die afrikanische Ärztin von westlichen Statussymbolen wie den schadstoffreichen Geländewagen träumen.

Nein zu Windrädern. © Spanner FilmsAlvin hingegen reflektiert nicht den Zusammenhang zwischen Katrina und seinem Lebensstil, dem Zuschauer werden die Verbindungen aber durch die globale Perspektive beigebracht. Neben den „teaching moments“ will The Age of Stupid aber auch realistisch bleiben: Klima-Aktivismus geht nicht immer glatt von der Hand. Zum Beispiel muss der Windpark-Ingenieur immer wieder gegen die „Windmühlen“ der Locals ankämpfen, die ihre schöne Landschaft nicht unterbrechen wollen.

Die Alpen. © Spanner FilmsDurch die Tendenz zur Werbebildästhetik, mit der die individuellen Stories gedreht wurden, ergeben sich fast „bildlose“ Bilder, die als möglichst große Identifikationsflächen aufgespannt werden. Mit dieser weichen Strategie untergibt sich der Film den Regeln der Medien. Trotzdem oder gerade weil er sich die Druckmittel des Kapitalismus zu eigen macht, scheint es der Filmemacherin zu gelingen, ihrem Publikum die Problemlage ein Stück bewusster zu machen – so war der Film schon durch Spenden vieler Überzeugter überhaupt finanziert worden.

Vera Tollmann
arbeitet als freie Autorin und Kuratorin in Berlin

Copyright: Goethe-Institut e. V. 2009

    Biografie

    © Spanner Films
    Franny Armstrong (*1974 in London) ist britische Umweltaktivistin und freischaffende Dokumentarfilmerin. Nach dem Studium der Zoologie am University College in London begann sie mit der Produktion unabhängiger gesellschaftskritischer Dokumentationen zum Klimawandel. Ihr bisher bekanntester Film ist McLibel (1997, 2005), eine low-budget-Produktion über zwei mittellose Aktivisten, die vom McDonalds-Konzern verklagt werden und sich im längsten Zivilrechtsverfahren Englands vor Gericht verantworten müssen. 2002 entstand Drowned Out über den Kampf gegen den Narmada Damm in Indien. Mit The Age of Stupid (2009) erregte die Regisseurin international Aufmerksamkeit. Franny Armstrong lebt in London.