Neil Beloufa

Kempinski

Neil Beloufa, Kempinski, 2007, Video, 14 min, Still, © Galerie LHKDie Videoarbeit Kempinski von Neil Beloufa ist eine kluge zeitgenössische Fabel. Wie weise Apostel beschreiben verschiedene Laiendarsteller nachts draußen in der Peripherie von Bamako, der Hauptstadt von Mali, im Schein von Neonlicht ihre Zukunftsvorstellungen. Sie tun es in der Gegenwartsform und wenden sich direkt an die Kamera. Ein junger Mann sagt, dass er als einziger Mensch mit hunderten von Ochsen zusammenlebe, während die Neonröhre in seiner Hand die hellbraunen Köpfe umstehender Tiere bescheint.

Ein anderer redet von fabelhaften Wesen, sprechenden Autos, von mobilen Häusern, die über Kontinente ziehen oder einer Klippe, die sich von einem Kontinent zum nächsten bewegt. Ein wieder anderer denkt zivilisationskritisch an ein Leben ohne Autos und ohne Telefone. Bis hin zu humorvollen Science Fiction-Anspielungen auf Medien wie Telepathie und Lichtgeschwindigkeit reichen die metaphorischen Bilder über ein Leben, in dem scheinbar keine Unterscheidungen mehr zwischen Menschen, Tieren und Dingen getroffen werden. Doch die Sprecher denken genauso ernsthaft über existierende wie ausgedachte Technologien nach. Daraus ergibt sich keine lineare Narration. Aber genau darum geht es, um eine Irritation der Erwartungen und Zuschreibungen eines westlichen Publikums. Das Video scheint subtil in der Lücke zwischen diesen diskrepanten Lebensstilen einen Reflexionsraum zu eröffnen. Bei den Verhandlungen zum Klimawandel geht es gerade um die Anpassungen der Lebensstile, auf die Beloufas Video anspielt.

Neil Beloufa, Kempinski, 2007, Video, 14 min, Still, © Galerie LHKWoher kommen unsere Zukunftsbilder? Geht es in den Szenen um Mystik oder Science Fiction? Sitzt ein Arzt oder eine fiktive Person im Behandlungszimmer? Drei helle Flutlichter beleuchten ein diffus erkennbares Stadion. So eng wie sie nebeneinander leuchten, suggerieren die drei Lichtkreise Signale eines UFOs. Einige Szenen werden von fiependen Sounds durchdrungen, als simulierten sie eine extraterrestrische Übertragung, als würden die Sprecher für ein außerirdisches Publikum aufgenommen. Oder ist der westliche Zuschauer hier der Alien? An das postmoderne Credo des Alles-ist-möglich, daran glaubt in Beloufas Video keiner der Darsteller mehr. Und trotzdem sind die Vorstellungen von Zukunft genau davon beeinflusst.

Was ist nun die Schlusspointe dieser Fabel? Die letzte Einstellung, eine Fahrt über die Niger-Brücke Les Martyrs mit ihrem städtischen Verkehr, inszeniert die Brücke als Verbindung zwischen Imagination und Realität. Dann scheint die Neonschrift der ältesten europäischen Luxushotelkette auf, deren größter Aktionär der thailändische König ist.

Am anderen Ende eines Lebens, in dem Leute, Tiere und Dinge alle gleich sind, steht das Kempinski als Manifestation eines dekadenten, überkommenen Lebensstils – jedenfalls imaginieren die Videodarsteller keine Zukunft voller Luxus. In westlichen Industrienationen aber werden diese Errungenschaften nur unter den negativen Vorzeichen des Verzichtens diskutiert.

Vera Tollmann
arbeitet als freie Autorin und Kuratorin in Berlin

Copyright: Goethe-Institut e. V. 2009

    Biografie

    Neil Beloufa (*1985 in Paris/ Frankreich) studierte von 2004 bis 2009 Bildende Kunst an der Ecole Nationale Supérieure des Beaux-Arts und an der Ecole Nationale Supérieure des Arts Décoratifs in Paris, an der Cooper Union in New York und an der CalArts in Valencia. Seine Arbeit wurde international auf Ausstellungen und Festivals gezeigt, u. a. Six Feet Under (New York 2008). Für Kempinski bekam Beloufa bei den Oberhausener Kurzfilmtagen 2008 den ARTE-Preis für einen europäischen Kurzfilm, beim European Media Art Festival in Osnabrück 2008 den Preis für interkulturellen Dialog des Auswärtigen Amtes und beim IndieLisboa Filmfestival 2009 den Short Film Grand Prize. Neil Beloufa lebt in Paris.