Eva Meyer-Keller

Building after Catastrophes/Handmade

Videostill Handmade © Anja BeutlerZunächst einmal sind ein Hurrikan oder ein Schneesturm ein natürliches Ereignis, eine so genannte „Naturkatastrophe“, wobei das eigentlich Katastrophische sich nicht für die Natur, sondern für die betroffenen Menschen abspielt.

Die sich mehrenden Dürren, Überschwemmungen und Stürme ähneln in ihrer Wirkung natürlichen Ereignissen, sind allerdings Effekte des anthropogenen Klimawandels. 1972 warnte schon der Club of Rome vor den Folgen ökonomischer und sozialer Entscheidungen. In ihrer Häufung und Austauschbarkeit sind die gegenwärtigen Katastrophen einerseits alarmierend, andererseits führt die mediale Berichterstattung zur Abstumpfung bei den Adressaten. Denn diese Inszenierungen kommen nicht ohne Zuspitzung durch die Medien aus und werden daher den schleichenden Prozessen, die die eigentliche ökologische Katastrophe sind, nicht gerecht.

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Video Building after Catastrophes von Eva Meyer-Keller und Sybille Müller, Stamsund Internasjonale teaterfestival in Lofoten, Juni 2009 © Eva Meyer-Keller

Eine lang nachhallende, historisch bedeutsame Katastrophe war das Erdbeben von Lissabon im Jahr 1755, die das Europa der Aufklärung erschütterte. Damals war sie eines der Nachrichtenereignisse der Zeit, regte eine umfangreiche Bildproduktion an und sorgte für Diskussionen über die Bedeutung des gesellschaftlichen Verhältnisses zur Natur.

Building after Catastrophes © Anja BeutlerZusammen mit Kindern hat Eva Meyer-Keller in einem Gemeinschaftsprojekt mit Sybille Müller bei der Performance Building after catastrophes Katastrophen nachgebaut und auf Video dokumentiert. Erst in der Übertragung wurde das Ereignis tatsächlich als Katastrophe sichtbar – eine medienkritische Andeutung, mit der die Künstlerin auf den Einfluss der Medien verweist. Die Natur selbst kennt keine Katastrophe. Erst die Medien machen sie zu einer. Mit ihrer „Hands-on-Methode“ praktiziert Meyer-Keller fast einen therapeutischen Ansatz, denn die an der Performance beteiligten Kinder arbeiten schon frühzeitig aktiv gegen das nach zu viel medialen Katastrophenwarnungen eintretende postkatastrophische Bewusstsein, das Phlegma der katastrophenüberdrüssigen Gesellschaft.

In dem Video Handmade stellt die Performance-Künstlerin Eva Meyer-Keller jeweils verschiedene Szenarien von Naturkatastrophen modellhaft nach – sie nennt das „choreographiertes Basteln“. In auf drei Minuten komprimierten 24 Stunden-Einheiten werden Tag- und Nachtzeiten durch entsprechende Beleuchtung imitiert. Hurrikan, Schneekatastrophe und das Schmelzen der Gletscher wirken zunächst in ihrer beispielhaften Ortslosigkeit harmlos und niedlich, aber nur so lange, bis einem klar wird, dass exakt diese Ereignisse bereits verstärkt die Gegenwart prägen: Ein Hurrikan fegte über New Orleans, Zentralchina erlebte im Winter 2008 eine Schneekatastrophe und die Arktis schmilzt und schmilzt.

Materiallager zu Building after Catastrophes © Eva Meyer-KellerUm die Ausnahmezustände nachvollziehbar und zu einem kompakten Ereignis zu machen, verwendet Meyer-Keller einfachste Materialien wie Styropor, Salz, Folien und anderes Haushaltsmaterial. Bühne für das aufgeführte Schauspiel ist ein leeres Aquarium – die Katastrophe in vitro –, das sich auf einer rotierenden Scheibe dreht. Im Glas des Aquariums spiegeln sich Stativ und Kamera sowie Meyer-Kellers Hände – es ist also gleichzeitig das Making of im Bild zu sehen. Das Making of wird zum Teil der Bildkonstruktion und des „Naturschauspiels“. So erscheint der Mensch hier nicht als Opfer, sondern als Verursacher – ein distanzierter Verursacher, der sich nicht als Teil der Natur versteht und sie von außerhalb zu lenken meint.

Vera Tollmann
arbeitet als freie Autorin und Kuratorin in Berlin

Copyright: Goethe-Institut e. V. 2009

    Biografie

    © Rhonda Repotente
    Eva Meyer-Keller (*1972) ist Performance-
    künstlerin, die im Kontext von Kunstgalerien und Theatern weltweit auftritt. Sie studierte Fotografie und Bildende Kunst an der Hochschule der Künste Berlin und am Kings College in London und anschließend Tanz und Choreographie an der School for New Dance Development in Amsterdam. Meyer-Kellers Aktivitäten als Performerin sind vielseitig: Sie arbeitet mit anderen Künstlern zusammen, tanzt für Choreografen, ist Sängerin der Band Ochosa und realisiert zunehmend auch Videoarbeiten. Zu ihren Werken zählen u. a. De-placed (2009), eine Zusammenarbeit mit Kate McIntosh, Handmade (2007) sowie Building after Catastrophes (2007), ein Gemeinschaftsprojekt mit Sybille Müller. Eva Meyer-Keller lebt in Berlin.