Simon Faithfull

44'

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44' © Simon Faithfull
Wie lässt sich der Klimawandel abbilden, ohne auf das Klischeebild vom Eisbären auf der Scholle zurückzugreifen? Politiker posierten mit verfrorenem Gesicht in der Arktis oder hielten eine Unterwasserkonferenz ab, um die Dringlichkeit politischen Handelns in ein Bild zu bringen. Ohne dass dieses Mainstream-Bildrepertoire Ausgangspunkt für seine künstlerische Ins-Bild-Setzung gewesen wäre, hat der britische Künstler Simon Faithfull eine wesentlich unspektakulärere, subtile und nachdenklich stimmende Choreografie gefunden. Er zeigt Stimmungen und Atmosphären auf See, das am wenigsten Greifbare, und porträtiert so einen weit entfernten Ort, die Antarktis.

Videostill 44‘ © Simon Faithfull44', so der Titel seiner 44 Minuten lang dauernden Videoarbeit, hat er an 44 Tagen aus dem Bullauge seiner Kajüte heraus im Bug des Eisbrechers RSS Ernest Shackleton gefilmt. Selbst wenn im Video die eigentliche Dauer der Reise im Zeitraffer geschieht, verlangsamt die Abfolge der Sequenzen dennoch das Betrachten. Auch der Zuschauer muss sich Zeit nehmen für die Überfahrt.

Diese Überfahrt fand 2006 statt, als der Künstler als Passagier mit einer British Antarctic Survey-Gruppe auf Einladung des englischen Arts Council hin zur Antarktis fuhr. Ihren Anfang nahm die Reise in der größten Luftwaffenbasis Großbritanniens und verlief über die britischen Falklandinseln bis zur tropischen britischen Überseeinsel Ascension Island im tropischen Südatlantik. Erst dort betrat Faithfull den Eisbrecher Shackleton, um mit den Wissenschaftlern die britische Forschungsstation Halley zu erreichen. Seine Route war also eine von territorialen Interessen gesäumte. Denn trotz der im Antarktisvertrag vereinbarten friedlichen und wissenschaftlichen Nutzung dieses Kontinents werden Befürchtungen ob der klimatischen Veränderungen begleitet vom Wittern neuer militärischer und ökonomischer Möglichkeiten.

Videostill 44‘ © Simon FaithfullSoviel zum Kontext der Reise, der in den wechselnden hypnotisch farbintensiven und faden Naturaufnahmen nicht ins Bild tritt. Doch die menschgemachte technizistische Umgebung, die überhaupt das Passieren dieser Gegend erst ermöglicht, verschweigt Faithfull nicht: Jede Einstellung kadriert ein rundes Bullauge, dessen ausschnittsbestimmende Gestaltung entfernt an die Fernrohre der Antarktis-Entdecker im 19. Jahrhundert erinnern mag, zu denen auch Ernest Shackleton gehörte. Es ist das Interface vergangener Abenteurer und zugleich die Signatur menschlicher Anwesenheit. In dieser Erfahrung von Zeit, der Bergsonschen Durée, wird Vergangenheit aufgefaltet und Zukunft antizipiert.

Der Eisbrecher, ein gewaltiges Fortbewegungsmittel, charakterisiert das Verhältnis zwischen Mensch und Natur, die Vorstellung technologischer Machbarkeit. Bewusst hat Faithfull ganz antiheroisch aus dem sicheren, warmen Inneren nach draußen gefilmt und sich nicht an Deck dem harschen Wetter ausgesetzt, um die Künstlichkeit dieser Reiseerfahrung zu vermitteln. Als künstlich beschreibt er die Erlebnisse wegen ihrer Diskrepanz zwischen dem englischen Lebensstil an Bord und der unwirtlichen, rauen Natur draußen. Seine Kabine vergleicht Faithfull mit dem Kaninchenloch in Alice im Wunderland, dem Interface in eine unbekannte, andere Welt.

Videostill 44‘ © Simon FaithfullSo wie die Wetterstation die Veränderungen des Ozonlochs beobachtet und die Dicke des Eises misst, um den Klimawandel aufzuzeichnen, dokumentiert Faithfull die farblichen Veränderungen von Meer und Himmel. Das Schiff passiert Schollen und Eisberge, Eisklippen und unbewohnte Inseln, bis sie an der Science Fiction-haften Halley-Forschungsstation ankommen, von wo aus 1985 das Ozonloch entdeckt wurde. Zu sehen sind also andere Bilder von der Antarktis als die Medienbilder, sie kommen ganz ohne Ereignis aus.

Aus dem Flugzeug betrachtet kann die Erdoberfläche wie eine Strichzeichnung aussehen – Striche für Straßen, Autobahnen, Flüsse, Kanäle. Faithfulls Kamera aber nimmt die Bewegungen des Schiffes auf, macht den Seegang beinahe zu einem physisch nachvollziehbaren Ereignis. Bleibt die See ruhig, wirken Meer und Himmel manchmal ähnlich einförmig, rechtwinklig, gut ausgeleuchtet und phosphoreszierend wie Karl Schlögel die Erde aus der Luftperspektive umschwärmt.
Vera Tollmann
arbeitet als freie Autorin und Kuratorin in Berlin

Copyright: Goethe-Institut e. V. 2009

    Biografie

    © Simon Faithfull
    Simon Faithfull (*1966 in Ipsden/ Großbritannien) lebt als freier Künstler und Kunstdozent in London und Berlin. Von 1989 bis 1996 studierte er an der Reading University und der Central St Martins School of Art in London. Heute lehrt er an der Slade School of Fine Art in London und widmet sich anhand verschiedener Themen der Digital-, Video- und Netzkunst, Computerzeichnungen, Installationen und mechanischen Skulpturen. Faithfulls Werke waren schon in zahlreichen Gruppen- und Einzelausstellungen zu sehen, u. a. in Gefrorene Zeit – Kunst aus der Antarktis (Kiel 2009) oder auf der 2. Biennale am Ende der Welt (Ushuaia/ Argentinien 2009).