Jonathan Horowitz

Apokalypto Now

Jonathan Horowitz, Apocalypto Now, 2009, 19:48 min, Farbe, Ton, Loop, Still, © Jonathan HorowitzObwohl hinter aktuellen ökologischen Katastrophen gesellschaftliche Ursachen stehen, werden sie vielfach so verklärt, als handle es sich um Auswirkungen höherer Gewalt. Auf diese Weise wird der Klimawandel zur Kulisse für Politik oder Wirtschaft, die ihre säkularen Interessen in religiöse Erzählungen integrieren können: Je nach Motivation wird die Krise als unausweichlich oder gerade noch abzuwenden geschildert. Das Muster hat Jonathan Horowitz erkannt. In seinem Öko-Plädoyer, dem 20-minütigen Found Footage-Film Apocalypto Now, lässt er „Helden“ wie den optimistischen Wissenschaftler Stephen Hawkins, den aktivistischen Politiker Al Gore oder den ultrachristlichen Schauspieler und Regisseur Mel Gibson sprechen.

Schon im Titel stoßen zwei Referenzen aufeinander: Apocalypto von Mel Gibson und Apocalyse Now von Francis Ford Coppola. Der eine ein mystifizierender Ethno-Epos, der andere ein aufklärerischer Antikriegsfilm. In Apokalypse steckt sowohl die religiöse Konnotation der Offenbarung, als auch die mythische vom Untergang. Den roten Faden von Apocalypto Now zieht eine Dokumentation über den Katastrophenfilm Made in Hollywood. Aber die Spielfilmausschnitte werden durch Szenen aus aktuellen Dokumentarfilmen zum Klimawandel unterbrochen – Fiction trifft auf Fakten.

Kein Katastrophenfilm kommt ohne Leiden und Rettung aus. Horowitz' These ist, dass der Katastrophenfilm als wichtiges Ritual in der modernen Gesellschaft die Religion abgelöst hat. Also setzt er dessen Mittel ein, um einen gut getarnten Aufruf zum Klimaschutz zu überbringen.

Jonathan Horowitz, Apocalypto Now, 2009, 19:48 min, Farbe, Ton, Loop, Still, © Jonathan HorowitzEine Sprecherstimme führt durch die kurze Geschichte des Katastrophenfilms. Slapstickhafte Stummfilmszenen werden mit aktuellen Klimawandel-Prognosen gegengeschnitten. Mit jeder realen Katastrophe brach die Konjunktur des Katastrophenfilms ein. Der Film Flammendes Inferno von 1974 machte die Katastrophe selbst zum Filmstar und der Film Earthquake lief mit Sensurround-Technik – der Kinosessel vibrierte mit. Der Katastrophenfilm wuchs mit der stetigen Verbesserung der Special Effects.

Jonathan Horowitz, Apocalypto Now, 2009, 19:48 min, Farbe, Ton, Loop, Still, © Jonathan HorowitzNach zwei Dritteln des Films hält Horowitz die Bilderflut mit einem Schwarzbild an. James Woolsey, ehemaliger CIA-Direktor, warnt am Beispiel Roosevelt und der Autoindustrie in Detroit vor dem Tempo der Politik. Dann nimmt Horowitz seine ganze emotionale Kraft zusammen: Nach einem Foto von Stephen Hawkins im Rollstuhl, der mit seiner Computerstimme einen Weckruf macht, folgt eine Kirchenszene, in der eine junge gelähmte Frau mit einem Mal die Kraft hat, sich aus ihrem Rollstuhl zu erheben – ein Wunder. Sollen sich alle trauen, ihre gesicherte Position, den metaphorischen Rollstuhl, zu verlassen?

Mit der Montage sagt Horowitz, dass jede fiktive Produktion wie auch Apocalypto Now mittlerweile Realität sein könnte. Für die Installation hatte der Künstler Solarzellen auf dem Museumsdach installieren lassen. Lustprinzip und Klimaschutz schließen sich nicht aus – das Vergnügen an den Bildern der Katastrophe und klimaneutrales Handeln können zusammengedacht werden. Genauso scheinbar ambivalent kann man heute handeln.

Vera Tollmann
arbeitet als freie Autorin und Kuratorin in Berlin

Copyright: Goethe-Institut e. V. 2009

    Biografie

    © Aubrey Mayer
    Jonathan Horowitz (*1966 in New York) studierte an der New School of Social Research sowie Philosophie und Film an der Wesleyan University Connecticut und der New York University. In seinen Videos und Installationen, die sich der Technik der Montage bedienen, kontrastiert und verfremdet er Themen der Unterhaltungsindustrie mit komplexen politischen und gesellschaftlichen Fragen. Bekannt wurde Horowitz mit The Body Song (1997), einer Arbeit, die Michael Jacksons Musikvideo Earth Song in seiner Logik umkehrt. Zu seinen Einzelausstellungen gehören u. a. Edition Bewegte Bilder (Museum Ludwig, Köln 2009), Jonathan Horowitz: And/Or (P.S.1, New York 2009) und Go Vegan! (Greene Naftali Gallery, New York 2002). Jonathan Horowitz lebt in Greenport/New York.