Mali Wu

Taipei Tomorrow as a Lake Again

Mali Wu, Paradiesgarten, 2009  © www.flickr.com, http://www.flickr.com/photos/family_schindler-hofer/4144412017/sizes/m/in/set-72157622882286994/Noch vor etwa 300 Jahren war an der Stelle, wo heute Taipeh ist, Sumpf- und Grasland – das Taipeh-Becken war einst ein See. Das muss man wissen, um die Arbeiten der taiwanesischen Künstlerin Mali Wu zu verstehen. Denn in ihrer Garten-Installation Taipei Tomorrow as a Lake Again, die sie anlässlich der Taipeh Biennale 2008 realisierte, nimmt sie hypothetisch an, dass sich die Stadt mit dem Ansteigen des Meeresspiegels eines Tages wieder in einen See zurückverwandeln könnte. Und dann?

© Mali Wu, Taipei Tomorrow as a Lake Again, 2008Taipei Tomorrow as a Lake Again  entstand in Zusammenarbeit mit der Urbanistengruppe Organisation of Urban Re-s (OURs). Für die Arbeit legte Wu einen mobilen Nutzgarten auf der Terrasse des Taipei Fine Arts Museum an. Die Beete waren geordnet nach Kartoffeln, Pfefferminz und anderem nützlichem Gemüse und Kraut, gesäumt von umgedrehten gelben Getränkekisten, die als Wege dienten. So nahm die Installation die modernistische Architektur des Museums und dessen geometrische Terrassengestaltung ästhetisch auf. Die strenge Anordnung der Beete und ihre gelben Umrandungen ließ an Farbfeldmalerei denken. Dieser Garten ist bereits gezähmt und nicht so eine stürmische, große Fläche wie das Getreidefeld, das die amerikanische Environmental Art-Pionierin Agnes Denes 1982 auf einer Deponie in Manhattan angelegt hatte. Mit der Land Art war der Natur-Kultur-Diskurs aus den Kunstinstitutionen ausgebrochen. Damit war der reale Garten – nicht das Abbild eines Gartens – als künstlerisches Medium etabliert. Freilich um den Preis, sich vom klandestinen Guerrilla Gardening bis zur Museumstauglichkeit kultivieren zu lassen.

Die Ausstellungsbesucher in Taipeh waren eingeladen zu ernten. Die ausgewählten Pflanzengruppen boten  eine zuverlässige und robuste Saat und waren damit weniger der Gefahr des Scheiterns ausgesetzt als  das sensible Mohnfeld der Künstlerin Sanja Ivecović oder die exotischen Reisterrassen des Künstlers Sakarin Krue-On bei der documenta 12 in Kassel. Denn Landwirtschaft zu Kunst zu machen gelingt nicht zwangsläufig – klimatische Faktoren und landwirtschaftliches Knowhow bestimmen mit über den Ausgang.

Mali Wu, Paradiesgarten, 2009 © Otto Saxinger

Gärten sind ein wiederkehrendes Motiv in Wus künstlerischem Werk. Für die Kulturhauptstadt 2009 in Linz hat sie in Zusammenarbeit mit der österreichischen Bergkräuterkooperative einen Paradiesgarten (2009) angelegt – auf dem Dach eines ehemaligen Ursulinenklosters pflanzte Wu Kräuter und legte Informationen über das „geheime“ Wissen ihrer medizinischen Wirkung aus.

Mit der fast schon poetischen Vorstellung, dass sich Taipeh wieder in den Zustand vor seiner Zeit zurückverwandeln könnte, hat es die Künstlerin aber auf ganz reale Fragen abgesehen. Fordert der Klimawandel eine andere Form der Landwirtschaft ein? Macht die Nahrungsmittelkrise mehr und mehr Menschen zu Selbstversorgern? Wie wird man überhaupt Selbstversorger, was muss man dafür wissen?

Taiwan ist kein Land, in dem sich diese Fragen besonders dringlich stellen. Aber es ist ein Land, das einen Großteil seiner Nahrungsmittel importiert. Daher schlägt Mali Wu der Stadt Taipeh vor, rechtzeitig Ackerland in der Stadt anzulegen, um sich selbst versorgen zu können. Zudem sparen kürzere Transportwege Energie und reduzieren die Kohlendioxidemissionen. Wu holt eine ländliche Praxis in die Stadt und die Vergangenheit in die Gegenwart zurück. Mit ihrer Vorstellung einer grünen Stadt verbindet sie zudem positive Nebeneffekte wie ein angenehmeres Mikro-Klima und weniger Feinstaub in der Luft.

Auch in anderen Arbeiten beschäftigt sich Mali Wu mit der Natur. In einer mehrtägigen Exkursion folgte sie in Booten verschiedener Größe dem Lauf der vier Flüsse, die Taipeh durchkreuzen. Of the River, On the River, By the River (2006) erfasst die Flüsse und ihre Umgebung. Die Teilnehmer sollten verstehen, was mit den Flüssen nicht stimmt – Wasserstand oder Wasserqualität. Aktuell ist sie mit einem anderen urbanen Gewässer beschäftigt. Für das Plum Stream Project arbeitet Mali Wu mit Architekten und der städtischen Community zusammen, um den Kanal zu retten und ihn zu einem positiv besetzten Freizeitort umzugestalten.

Mit der Thematisierung von Biotopen und biologischen Kreisläufen, wie sie in den Garten-Installationen oder in den Wasser-Werken von Mali Wu stattfindet, berührt die Künstlerin eine internationale Renaissance der Naturwahrnehmung. Nachbarschaftsgärten sind in westlichen Industrieländern wieder populär. Die Selbstversorger im Zentrum von Detroit betreiben ihre Gärten aus einer ganz anderen Notwendigkeit heraus, als es der Berliner Prinzessinnengarten tut. In Detroit ist es für die Armen die einzige Möglichkeit zu überleben, in Berlin ist es ein prototypisches Projekt, das sowohl für das Wiedererlernen gärtnerischen Wissens eintritt als auch für die alternative Nutzung von Freiräumen. Auch in der Kunst wird der Garten wieder in seiner realen Existenz verhandelt, nachdem er zuletzt eher eine mediale Referenz war, wie zum Beispiel die postnatürliche Natur als Gegenstand in der Medienkunst der 1990er-Jahre. Jetzt heißt es wieder zurück zur Natur: Der Garten als Almende ist einerseits ein Instrument, um das Recht auf Stadt stark zu machen, gegen Gentrifizierung zu protestieren, aber auch, um ein Umdenken im Zusammenhang mit dem Klimawandel auf konkretes Handeln herunterzubrechen.

Im Gespräch mit Mali Wu

Leitmotive im Werk der taiwanischen Künstlerin Mali Wu sind unter anderem die Rückkehr der Natur in einen scheinbar vollständig urbanisierten Lebensraum, die landwirtschaftliche Selbstversorgung städtischer Ballungszentren, sowie das Aufspüren unbeachteter Biotope. Im Gespräch mit uns äußerte sie sich zu ihrer neuesten Aktion, dem Plum Stream Project, für das sie zusammen mit Architekten und Anwohnern des Plum River im Küstenort Danshui Vorschläge für eine Nutzung des Kanals als Erholungsgebiet erarbeitet.

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Vera Tollmann
arbeitet als freie Autorin und Kuratorin in Berlin

Copyright: Goethe-Institut e. V.

    Biografie

    Mali Wu © The Mattress Factory, Pittsburgh, PA, USA
    Mali Wu (*1957 in Taiwan) ist visuelle Konzeptkünstlerin. Sie studierte an der Kunstakademie Düsseldorf und kehrte 1985 nach Taiwan zurück. Wu erweiterte ihr Kunstverständnis um praktisches soziales Engagement und bindet ihre Kunstwerke eng an eine historische Perspektive. So entwickelte sie ihr Werk Art as Environment – A Cultural Action on Tropic of Cancer (2006): Mit Hilfe von über 30 Künstlern bietet es eine kritische Perspektive auf die Folgen chaotischer Urbanisierung und liefert didaktische Gegenentwürfe der Stadtentwicklung. In ihren Arbeiten thematisierte sie unter anderem die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft. Oft arbeitet sie dabei eng mit lokalen Gemeinden zusammen. Mali Wu lebt in Kaohsiung und Taipei, Taiwan.