Marco Bechis

Birdwatchers

© Pandora Film Marco Bechis, Birdwatchers, 2008, Filmstill © Pandora FilmDer Film Birdwatchers beginnt mit einem Blick aus der Vogelperspektive: Die Kamera überfliegt einen tropischen Regenwald, ein dichtbewachsenes Terrain aus sattem Grün, das von einem breiten Wasserlauf durchzogen wird. Auch am Ende der Geschichte ist wieder ein Stück Dschungel zu sehen. Diesmal geht die Landschaft jedoch jäh in eine immense Kahlschlagszone über. Das einzige, was inmitten der von Ackerfurchen durchkämmten stumpfbraunen Ödnis ins Auge springt, ist ein einsamer Baum. Er wirkt wie der letzte Überlebende einer ausgestorbenen Spezies.

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Trailer Birdwatchers Marco Bechis, Birdwatchers, 2008, Filmstill © Pandora Film

Die Zerstörung der tropischen Regenwälder ist eines der zentralen Themen in der Debatte um die Klimakatastrophe. Dabei geht es insbesondere um Amazonien, den größten tropischen Urwald, die „grüne Lunge“ des Planeten. Dort wird nach wie vor in rasantem Tempo abgeholzt – unter anderem, um gigantische Mengen Soja für die Massentierhaltung in Europa und anderswo anzubauen. Dabei wird nicht nur Raubbau an der pflanzlichen und tierischen Artenvielfalt betrieben. Auch die indianischen Ureinwohner gehören zu den Opfern eines Profitdenkens, welches sich als technologischer „Fortschritt“ tarnt.

Marco Bechis, Birdwatchers, 2008, Filmstill © Pandora FilmBirdwatchers erzählt die Geschichte einer Gruppe von Indios vom Volk der Guaraní-Kaiowá, die in einem Reservat im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso do Sul ein tristes Dasein fristen. In der ersten Szene postieren sie sich in Kriegsbemalung am Ufer eines Urwaldflusses, auf dem gerade ein Boot mit „Birdwatching“-Touristen vorbeifährt. Nachdem sie eine paar Pfeile ins Wasser geschossen haben, begeben sie sich schnurstracks zu einem Pick-Up-Laster, streifen T-Shirts über und kassieren den versprochenen Lohn für ihre folkloristische Darbietung. Als zwei junge Guaraní-Frauen sich an Bäumen im Urwald erhängen, läuft für ihre Familie das Fass der Frustration über. Sie verlassen das Reservat und kehren zum nahegelegenen Land ihrer Vorfahren zurück, wo sie sich in Hütten aus Holz und Plastikplanen einrichten. Das Terrain ist jedoch bereits seit 60 Jahren in den Händen weißer Großgrundbesitzer. So kommt es unmittelbar zu Konflikten.

Marco Bechis, Birdwatchers, 2008, Filmstill © Pandora FilmDer in Chile geborene und in Argentinien aufgewachsene Regisseur Marco Bechis ist für politisch engagierten Filme wie Garaje Olimpo (1999; deutscher Titel: Junta) bekannt. Sein Film Birdwatchers, der auf ausführlichen Recherchen vor Ort basiert und in dem er mit Laiendarstellern arbeitete, stellt sich eindeutig auf die Seite der Ureinwohner, ohne diese als „edle Wilde“ zu verklären oder in Schwarzweißmalerei zu verfallen. Das persönliche Verhältnis zwischen den Guaraní-Kaiowá, der Großgrundbesitzerfamilie und den Landarbeitern ist voller Ambivalenzen. Im Gegensatz zu vielen anderen Filmen sind bei Birdwatchers die Indios keine Nebenfiguren, sonden stehen im Vordergrund. In diesem Perspektivwechsel liegt eine der Besonderheiten dieses bildstarken, sinnlichen und präzise beobachtenden Filmes. Die Geschichte von den Auseinandersetzungen zwischen Indios, Großgrundbesitzern und deren Handlangern ist sehr typisch für das alltägliche Drama, das das internationale Publikum unter dem Schlagwort „Regenwaldzerstörung“ kennt.

Bettina Bremme
arbeitet als freie Journalistin und Autorin und ist Mitarbeiterin des Goethe-Instituts Barcelona

Copyright: Goethe-Institut e. V. 2009

    Biografie

    © Pandora Film
    Marco Bechis (*1955 in Santiago/Chile) ist Filmregisseur und Drehbuchautor. Aufgewachsen in Buenos Aires/Argentinien, wurde er nach der Errichtung der Militärdiktatur 1977 verhaftet und gefoltert, woraufhin er im selben Jahr nach Italien auswanderte. Ab 1981 studierte Bechis an der Mailänder Filmhochschule Albedo. 1982 legte er mit Mi sembra d'averlo gia' visto seinen ersten 40-minütigen Film vor. Der Durchbruch gelang 1991 mit dem Spielfilmdebüt Alambrado. Der Film Junta (1999), in dem eine Studentin zu Zeiten der argentinischen Militärdiktatur von der Geheimpolizei verschleppt wird, gewann 17 internationale Film- und Festivalpreise. 2001 widmete sich Bechis mit Figli/Hijos erneut der Vergangenheitsbewältigung. Birdwatchers war 2008 für den Goldenen Löwen der Filmfestspiele von Venedig nominiert. Marco Bechis lebt in Mailand.