Michael Madsen

Into Eternity

Im Winter 2007 versuchte die deutsche Atomlobby, der Kernenergie ein grünes Image anzuheften. Kurz nach Erscheinen des alarmierenden IPCC-Berichts bezeichnete sie Atomkraftwerke in einer bundesweiten Kampagne als „Deutschlands ungeliebte Klimaschützer“. Zwar wird Atomstrom nicht aus fossilen Energien gewonnen, verursacht aber CO2-Emissionen durch Urananreicherungs-Anlagen oder den Transport von Atommüll. Vor allem aber muss Atommüll aufgrund der lebensgefährlichen radioaktiven Strahlung 100.000 Jahre sicher gelagert werden. Nur wo? Wie kann man sich zu so einem immensen Zeitraum verhalten? Wer kann die Verantwortung für diese Dauer überhaupt übernehmen?

Trailer Into Eternity © Magic Hour Films

450 Tonnen Atommüll entstehen zum Beispiel jährlich in Deutschland. Welche Folgen sich daraus ergeben, konnte die Atomlobby gut überspielen. Diesen blinden Fleck macht nun der Filmemacher Michael Madsen in seiner Dokumentation Into Eternity. A Film for the Future sichtbar. Madsen zeigt den finnischen Schacht Onkalo, in dem 5.500 finnische Urantonnen ab dem Jahr 2100 für immer unter Verschluss kommen sollen. Noch aber befindet sich das weltweit erste Endlager im Bau. Onkalo heißt „kleine Höhle“ – einen harmloseren Namen hätte es für einen solchen Ort nicht geben können.

© Magic Hour Films Immer wieder vor die eigene Kamera tretend versucht Madsen, die Dimensionen und den Aufwand dieses konkreten Bauprojekts zu kontextualisieren. Mal sieht man ihn in verschiedenen dunklen Abschnitten des Schachts, dann wieder im Gespräch mit verantwortlichen finnischen oder schwedischen Forschern, Radiologen oder Mitarbeitern von Onkalo. Mit den Namen der Interviewten werden ihre Unterschriften eingeblendet – werden sie durch ihre Signatur für ihr Handeln zur Verantwortung gezogen?

Madsen geht es um die philosophische Frage, wie die Gefahr, die von dem Atommüll 100.000 Jahre lang ausgeht, an künftige Generationen kommuniziert werden kann. In verschiedenen Radien umkreist er mit seinen nachdenklichen Gesprächspartnern die Unmöglichkeit einer Antwort. Es bleibt nur zu spekulieren. Verantwortlich laut Gesetz ist der finnische Staat.

In einer Videoarbeit des rumänischen Künstlers Andrej Ujica bemerkte Paul Virilio, dass Tschernobyl ein Unfall der Zeit war, da die Radionuklide – Stoffe, die durch radioaktiven Verfall entstehen – Generationen überdauern werden, und ein Unfall des Bewusstseins, da es das Vorstellungsvermögen übersteigt. In Into Enternity erzählt der Direktor der schwedischen Forschungsreinrichtung für Atommüllentsorgung einen Witz, der ihn seit Beginn des Projekts begleitet: Was wäre, wenn sie bei Baubeginn von Onkalo auf einen Kupferkanister, Behältnis radioaktiven Abfalls, gestoßen wären? Ungewissheit und Zweifel sind aus den meisten Gesprächen herauszuhören. Dann wieder Erleichterung, denn Uranium sei endlich, genau wie Erdöl auch.

© Magic Hour Films So eine Ambivalenz zwischen Selbstberuhigung, Vertrauen und Zweifel zieht sich durch die gesamten 75 Minuten des Films. Ob es die Radiologin mit der spitzen Nase und dem strenggekämmten Haar betrifft, die vor einem monströsen Gerät posiert oder den Sprengmeister, der über seinen Arbeitsplatz untertage philosophiert: Selbst die zuständigen Manager und Wissenschaftler hinter ihren Schreibtischen halten keine überzeugenden Reden. Manchmal hilft Madsen der Skepsis technisch nach. Die Angestellten des nur einen Kilometer von Onkalo entfernten Atomreaktors Olkiluoto-3 etwa lässt er in Zeitlupe zwischen den gigantischen Apparaturen schweben. Angezogen vom technoiden Wissenschaftsszenario ästhetisiert Madsen die bereits ästhetischen Formen und Oberflächen und kommentiert die Bilder mit Kraftwerks kalter Zeitgeist-Hymne Radioactivity. An anderer Stelle soll es pathetische Philipp-Glass-Musik sein, die seine Haltung als Bedenkenträger transportiert. Abteilung für Abteilung sucht Madsen auf. Durch diese Hartnäckigkeit braut sich auf der Bildebene eine unheilvolle Kulisse zusammen. Kühle Close-ups und taumelnde Zeitlupen-Aufnahmen nagen an der Autorität der Maschinen. Der Ort ist eine tickende Zeitbombe.

© Magic Hour Films Fast zu ausführlich geht Madsen der Frage nach, wie das Gefahrenlager an Nachfahren zu kommunizieren ist. Seine Gegenüber tappen im Spekulativen, spielen die Verantwortung herunter oder verlassen sich auf die Universalverständlichkeit von Piktogrammen. Gefahren können vom Anstieg des Meeresspiegels und vom Grundwasser ausgehen. Im Felsen gibt es zwar die stabilsten Bedingungen, aber die sind relativ in Anbetracht von 100.000 Jahren. Die Kamera wird nicht müde, immer wieder das Dunkel des Schachts zu ergründen. So entsteht ein nachhaltiges Unbehagen.

Bedenklich ist auch der Zustand des deutschen Versuchsendlagers ASSE oder die mehr als 30 Jahre alte Entscheidung, in Gorleben ein Endlager zu errichten. Die ungeklärten Fragen, die Madsen in seinem Film anspricht, gehören nicht nur nach Finnland.
Vera Tollmann
arbeitet als freie Autorin und Kuratorin in Berlin

Copyright: Goethe-Institut e. V. 2010

    Biografie

    © Magic Hour Films
    Michael Madsen (*1971) ist Filmregisseur und Konzeptkünstler. Er studierte Dramaturgie und Kunstgeschichte an den Universitäten Aarhus und Kopenhagen. Madsen führte bei diversen Dokumentarfilmen Regie, darunter Celestial Night – A Film on Visibility (2003) und der preisgekrönte To Damascus – A Film on Interpretation (2005).
    Er ist Mitbegründer der Galleri Tusk, einer mobilen Galerie, sowie Urheber, Intendant und mitwirkender Künstler der Lyd/Galeri (1996–2001), einer großflächigen unterirdischen Audiogalerie unter dem Rathausplatz in Kopenhagen.
    Madsen ist Mitherausgeber des dänischen Magazins für Audio-
    kunst van Gogh und Mitglied der gleichnamigen Künstlergruppe, mit der er unter anderem vanGogh#7 (2007) für das Kunst- und Musikfestival Spor realisierte. Michael Madsen lebt in Kopenhagen und Berlin.