George Osodi

Wenn „Öl tatsächlich zur Ware wird”, dann spielt sich „ein unglaubliches, visuelles Drama ab”, sagt der nigerianische Associated Press-Fotograf und Künstler George Osodi. Dieses Drama vermittelt jedes seiner Fotos. Trotz der schwierigen Umstände im Nigerdelta konnte Osodi mit seinem digitalen Equipment ästhetisch beeindruckende Bilder aufnehmen, die in keiner Weise die Lebensbedingungen verharmlosen, sondern unaufgeregt die Dringlichkeit der lokalen Situation abbilden. Insgesamt 200 Digitalfotografien umfasst die Serie Oil Rich Niger Delta. 60 Motive hat das Goethe-Institut für seine Website ausgesucht.

Gesicht des Deltas. George Osodi, Oil Rich Niger Delta © George Osodi c/o Z Photographic ltd.Zu Osodis Repertoire gehören klassische Fotomotive: Porträtbilder mit Vorder- und Hintergrunddramaturgie, formal komponierte Close-ups und rhythmisch strukturierte Stillleben – mit dem Unterschied, dass es keine Studiobilder sind, sondern Aufnahmen der Männer, Frauen und Kinder, die vor der Kulisse der Ölindustrie ihren Alltag leben. So richtet Osodi seine Kamera auf einfache Boote, die eng nebeneinander an der Sumpfböschung liegen und zeigt so ganz nebenbei die Schönheit der Natur, auf gut bewaffnete und getarnte Kämpfer der MEND (Bewegung für die Emanzipation des Nigerdeltas), deren Patronengürtel und harte Kleidungsoberflächen Muster und Strukturen bilden, oder auf Frauen, die verschmutztes Wasser in bunte Plastikschüsseln schöpfen. Zwischen den Porträtierten und den Profiteuren gibt es keine Berührungspunkte, es ist ein „duales System”. In Osodis Bildern gibt es keinen Zweifel daran, wer die Verursacher und welches die Ursachen sind. Der anthropogene Klimawandel wird unmissverständlich festgehalten.

Frauen arbeiten vor einer Gasflamme. George Osodi, Oil Rich Niger Delta © George Osodi c/o Z Photographic ltd.Firmen wie Agip, Chevron, Shell oder Total verbrennen das bei der Erdölförderung freigesetzte Erdgas, verursachen dadurch sauren Regen und verändern das Meeresbiotop durch ihre seismischen Aktivitäten weit vor der Küste. Das Trinkwasser ist verseucht durch Öl-Lecks an Bohrlöchern, die nicht fachgemäß geschlossen wurden, Fische können nur noch aus verschmutzten Gewässern gefangen werden. Im Nigerdelta werden seit den 1960er Jahren täglich Tonnen von Öl befördert, der Umsatz geht an die Multi Nationals und die nigerianische Regierung. Die Bevölkerung hingegen, die mit den negativen Auswirkungen der Ölindustrie konfrontiert ist, kennt ausschließlich Nachteile.

Oft sind die brennenden Feuer und die extrem schwarzen Rauchwolken eine dramatisierende Lichtquelle in Osodis Fotos. Sein Bildaufbau lebt von Spiegelungen – Mangrovensumpflandschaft, die „feindliche Topographie der Region” und ihre Bewohner, die in Wasseroberflächen reflektiert werden oder in kleinen Spiegeln in Wohnräumen. So bekommen die teils mit Weitwinkel aufgenommenen Fotos zusätzlich ihre starke räumliche Wirkung.

MEND-Kämpfer. George Osodi, Oil Rich Niger Delta © George Osodi c/o Z Photographic ltd.Seit Anfang der 1990er Jahre bringen lokale Guerilla-Gruppen die Ölproduktion in die Krise, es ist eine lange komplizierte Geschichte. Die Bewegung MEND fordert die finanzielle Beteiligung am Ölgeld und war die erste Gruppe, die den Kampf radikalisiert und westliche Ölangestellte als Geiseln genommen hat. In dem Dokufiction-Film The Age of Stupid berichtet eine junge Ärztin im Nigerdelta, dass sich Shell von Community-Projekten zurückgezogen habe aus Angst vor Kidnapping. Aber anders als dieser Film dokumentiert Osodi nicht das Einzelschicksal und geht so gar nicht erst die Gefahr ein, kitschige Bilder zu produzieren.

Ein weiterführendes Projekt Osodis ist eine Fotoserie über mindestens fünf ölproduzierende Länder. In diesem Rahmen wurde u. a. Oil Rich Norway auf den Lofoten aufgenommen.
Vera Tollmann
arbeitet als freie Autorin und Kuratorin in Berlin

Copyright: Goethe-Institut e. V. 2009

    Biografie

    © George Esiri
    George Osodi (*1974 in Lagos/ Nigeria) lebt als freier Fotograf in London und Lagos. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Fotojournalismus und in der künstlerischen Fotodokumen-tation. Im Laufe seiner Tätigkeit für lokale wie internationale Medien 1999–2008 waren seine Bilder u. a. in der New York Times, dem Time Magazine oder dem Spiegel zu sehen. 2004 wurde er zum Fuji African Photojournalist of the year gekürt. George Osodis Werke, die sich oft in kritischer Weise mit seiner nigerianischen Heimat beschäftigen, waren bereits in zahlreichen Einzel- und Sammelausstellungen zu sehen, u. a. in Intemperies (Sao Paulo 2009) oder auf der documenta 12 (Kassel 2007).