Reynold Reynolds

Six Apartments

Copyright: Copyright: Reynold Reynolds, Six Apartments, 2007, 
16mm auf DVD, 12 Min, Video-Diptychon, StillDer Klimawandel ist da, doch nur wenige handeln: Ignoranz oder Nichtwissen, für das gut bezahlte Lobbyisten Argumente produzieren, überwiegen. Bleiben nach den alarmierenden Warnungen signifikante Beweise wie katastrophale Ereignisse aus, dann entsteht bei den zuvor Alarmierten ein post-katastrophisches Bewusstsein. Wissen über komplexe Probleme wie den Klimawandel will man lieber nicht haben und Lebensstile nicht verhandeln.

Ob die überzeichneten Charaktere in Reynold Reynolds’ Film Six Apartments schon alarmiert waren, spielt keine Rolle. Mit unterschiedlichsten neurotischen Zwängen oder Abhängigkeiten – Sauberkeit, Drogen, Sammelwahn – haben sich diese Außenseiter in ihre vier Wände zurückgezogen, wo sie ein banales und selbstbezügliches Leben verbringen.

Copyright: Reynold Reynolds, Six Apartments, 2007, 
16mm auf DVD, 12 Min, Video-Diptychon, StillEin Motorradfreak spielt im hell erleuchteten Raum mit seinen exotischen Haustieren, eine hippiehafte junge Frau übergibt sich bei Funzellicht in ihre verdreckte Badewanne, auf einem Teller verwest ein Fisch und eine asketische, reinliche Frau knabbert an ausgetrockneten Brötchen in ihrer komplett weiß eingerichteten Wohnung. In einer anderen Szene liegt sie auf einem Bett mit Plastiküberzug oder feilt sich die schon gepflegten Fingernägel, während die Wissenschaftlerstimme aus dem Radio, die von den Überlebenschancen der Menschheit spricht, nicht mehr zu ihr durchdringt. Mit ihrem Leben scheinen die Nachrichten nichts mehr zu tun zu haben.

Copyright: Reynold Reynolds, Six Apartments, 2007, 
16mm auf DVD, 12 Min, Video-Diptychon, StillWas verrät eine Wohnung über ihre Bewohner? In den funktionalen Räumen einer Neubauwohnung regiert der rationale Zuschnitt der Moderne und verpflichtet zur Organisation der Dinge. Der Messy hingegen versinkt zwischen den gesammelten Gegenständen, deren Anhäufung die Räume nicht mehr unterscheidbar machen. Manische Körperpflege oder absolute Nachlässigkeit gegenüber dem eigenen Körper – die dargestellten Lebensstile sind in Extreme gekippt und nicht mehr aufnahmefähig für klimapolitische Anliegen.

Reynold Reynolds, Six Apartments, 2007, 16 mm auf DVD, 12 min, Video-Diptychon, Still, © Reynold ReynoldsSchon in früheren Filmen wählte Reynolds die häusliche Enge zur Verräumlichung der Psyche. Ohne moralisches Anliegen und urteilsfrei reiht Reynolds die Wohnstationen aneinander, wechselt im Split-Screen-Modus von einem zum nächsten Wohnsatelliten, bevor sich ein narrativer Faden entspinnen könnte. Mit nüchternen, distanzierten horizontalen und vertikalen Kamerafahrten und Zeitrafferaufnahmen vermeidet er jeden subjektiven Kommentar. Sein Film ist eine Art Vorführung gesellschaftlicher Apathie, die sonst unsichtbar wäre. „Apathie als Form der Verneinung” interessiert Reynolds, keine „Lehrstunde” für eine überdrüssige Gesellschaft. Deswegen hat er möglichst  unspezifische Medienmitschnitte zum Klimawandel im en passant-Plauderton ausgesucht. Zahlen, Statistiken und andere Erhebungen kommen nicht vor.

Eigentlich gebe es nur zwei Möglichkeiten mit dem Thema umzugehen. Entweder spüre man eine „Dringlichkeit zu handeln” oder entscheide sich für „Apathie”, sagt Reynolds. Er hat die apathischen Charakter überzeichnet – die moderne Gesellschaft hat sie genauso verursacht wie den Klimawandel.

Vera Tollmann
arbeitet als freie Autorin und Kuratorin in Berlin

Copyright: Goethe-Institut e. V. 2009

    Audiospur zu Six Apartments

    Hier finden Sie ein Transkript der Audiospur von Six Apartments. Quellen sind englischsprachige Radio- und TV-Programme.
    “... there have been so many that haven't really come to fruition.”Mehr ...

    Biografie

    © Reynold Reynolds
    Reynold Reynolds (*1966 in Fairbanks/ Alaska) studierte Film und Fotografie und schloss 1995 den Master of Fine Arts in New York ab. Im Laufe seiner künstlerischen Arbeit, die er hauptsächlich mit 16 mm- und Super 8 mm-Material realisiert, hat er eine eigene Filmgrammatik entwickelt, die sich mit Transformation, Konsum und Verfall beschäftigt. Reynolds‘ Darstellungen zeigen oft physische und psychologische Extremsituationen, die den Betrachter unwillkürlich anziehen und erschrecken. Er hat zahlreiche Auszeichnungen bei Filmfestivals erhalten, u. a. für Six Apartments den Distinction Award der Berliner Transmediale 2009. Reynold Reynolds lebt in Berlin.