Adrián Villar Rojas

Meine tote Familie

Das Bild eines an Land gestrandeten Wales hat immer etwas in Mark und Bein Erschütterndes: Der letzte überlebende Gigant, den Millionen Jahre der Evolution hervorgebracht haben, verendet qualvoll in einem Zustand kompletter Hilflosigkeit. Die Parallele zur menschlichen Zivilisation, die die Orientierung verloren hat und mit Scheuklappen und Volldampf auf eine Klimakatastrophe zusteuert, drängt sich auf.

© Carla Barbero

Mi familia muertaMeine tote Familie lautet der Titel einer Walskulptur, die der Künstler Adrián Villar Rojas im Frühjahr 2009 für die Biennale am Ende der Welt im südargentinischen Ushuaia schuf. Inmitten des Bosque Yatana, eines Wäldchens aus araukanischen Buchen und anderen einheimischen Pflanzen, erstreckt sich ein 28 Meter langer Koloss. Ein enigmatischer, beunruhigender Anblick. Seine Oberfläche ist von pockigen, narbenhaften Kratern bedeckt. Die Skulptur aus Holz, Ton und anderen Materialien wurde von Villar Rojas und einem fünfköpfigen Team in wochenlanger Arbeit erstellt. Wie der Künstler einer örtlichen Zeitung mitteilte, war die Arbeit an dem Projekt „fast eine Herausforderung gegen das Klima, die Natur“. Gleichzeitig sei seine Vorgehensweise „sehr einfach“ gewesen, „wie ein extremer Dokumentarfilm“.

Das an der patagonischen Küste gelegene Ushuaia, die südlichste Stadt der Welt, ist geradezu Synonym für die Existenz des Menschen inmitten einer Umgebung, die überwältigend schön und unwirtlich zugleich ist. Dementsprechend programmatisch war auch der Titel der zweiten Ausgabe der Biennale, die von dem Deutschen Alfons Hug, Direktor des Goethe-Instituts in Rio de Janeiro, kuratiert wurde: Intemperie – ein Wort, das man mit „Unbilden der Witterung“ übersetzen könnte. Die Zeichen der globalen Klimaveränderung machen auch vor den entlegendsten Winkeln des Globus nicht halt und sind gerade in der Nähe der Polarregionen schmerzhaft zu spüren.

Kaum ein Tier steht so für die Imposanz und gleichzeitige Fragilität der Fauna der Ozeane wie der Wal, das grösste lebende Säugetier der Welt: In Herman Melvilles Roman Moby Dick kommt er als archetypischer Antagonist des Menschen daher, der sich zum Bezwinger der Natur aufschwingen will. In jüngster Zeit dagegen avanciert der Meeresgigant in Kampagnen von Umweltschützern zum Symbol für die bedrohte Natur. Schon seit Menschengedenken strandeten vereinzelt Wale an den Küsten. Eine vom Aussterben bedrohte Spezies sind sie jedoch erst, seitdem der Mensch ihren natürlichen Lebensraum ohne Rücksicht auf Verluste plündert. Ein wichtiger Faktor, wieso in den letzten Jahrzehnten vermehrt Wale die Orientierung verlieren, liegt laut wissenschaftlichen Erkenntnissen in dem Unterwasserlärm, der durch Schiffe, Eisbrecher oder Bohrinseln verursacht wird.

Auf den ersten Blick entspricht der 1980 im argentinischen Rosario geborene Rojas nicht gerade dem Prototypen des kämpferischen Künstlers: Seine Einflüsse liegen in der Grunge-Musik und im Comic, seine Helden in der Kunst und in der Realität sind eher gebrochene Figuren, wie er auf einer Website freizügig erzählt. Seiner Walskulptur entströmt eine elegische Poesie des Scheiterns, des Verlustes und des Untergangs. Ein durchdringender Eindruck, auf den die Betrachter auf zweierlei Weise reagieren können: mit Weltschmerz oder mit dem dringenden Impuls, den Kurs zu ändern, bevor es zu spät ist.

Bettina Bremme
arbeitet als freie Journalistin und Autorin und ist Mitarbeiterin des Goethe-Instituts Barcelona

Copyright: Goethe-Institut e. V. 2009

    Biografie

    © Adrián Villar Rojas
    Adrián Villar Rojas (*1980 in Rosario/Argentinien) ist bildender Künstler. 1998–2002 studierte er an der Escuela de Bellas Artes in Rosario, 2005 war er Stipendiat der Clínica de Artes Visuales in Buenos Aires, wo er sich mit den Phänomenen des Zufalls und der Gleichzeitigkeit von Ereignissen beschäftigte. Im selben Jahr wurde Villar Rojas auf der Bienal Nacional de Arte de Bahía Blanca/Argentinien ausgezeichnet. Zu seinen Einzelausstellungen gehören Incendio (Buenos Aires 2004) und Un mar (Buenos Aires 2005), 2009 war Mi familia muerta auf der 2. Biennale am Ende der Welt (Ushuaia/Argentinien) zu sehen. Adrián Villar Rojas lebt in Buenos Aires.