Tomás Saraceno

„Cloud Cities“

Ausstellung „Cloud Cities“, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin 2011 © Jens ZieheAusstellung „Cloud Cities“, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin 2011 © Jens ZieheIn Tomás Saracenos sphärischen Raumskulpturen verschmelzen scheinbare Gegensätze zu unerwarteten Synthesen. Formen mischen sich spielerisch und fordern gleichzeitig die Gesetze der Schwerkraft heraus.

Bei seiner Installation für die Ausstellung Rethink: Contemporary Art and Climate Change, die 2009 anlässlich des UN-Klimagipfels in der Nationalgalerie in Kopenhagen (Statens Museum for Kunst) stattfand, wurden transparente, seifenblasenförmige Gebilde durch netzartige Schnurgespinste in der Schwebe gehalten (Biosphere 01). Bei seiner Einzelausstellung Cloud Cities verwandelten 20 mit unterschiedlichen Materialien gefüllte durchsichtige Sphärenkugeln die Halle des Hamburger Bahnhofs in Berlin in ein gigantisches Erlebnis-Laboratorium (2011/12). Über Leitern konnte man in zwei der Gebilde hineinklettern und auf einer auf halber Höhe aufgespannten, sanft federnden Folie fast schwerelos herumtollen. Den Himmel über dem Metropolitan Museum in New York erschloss Saraceno durch begehbare, miteinander kommunizierende Module, die wie eine Mischung aus Molekularstrukturen und Raumschiffstationen anmuten (Cloud Cities, 2012).

Ausstellung „Cloud Cities“, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin 2011 © Jens Ziehe

Biosphere, Cloud Cities, Flying Garden/Air-Port-City, Space Elevator, Matrix – die Titel von Tomás Saracenos Installationen klingen wie eine Mischung aus naturwissenschaftlicher Avantgarde und Science-Fiction. Der im argentinischen Tucumán geborene und seit Jahren in Frankfurt am Main lebende Multimediakünstler überschreitet permanent die Grenzen zwischen der Kunst und seinem ursprünglichen Studienfach Architektur. Gleichzeitig spannt er Brücken zu den Naturwissenschaften, der Umwelt- und der Weltraumforschung. Nicht umsonst steht Saraceno in produktivem Austausch sowohl mit den europäischen und US-amerikanischen Raumfahrtagenturen als auch mit einer Reihe von Naturwissenschaftlern, beispielsweise aus dem Bereich der Arachnologie (Wissenschaft der Spinnentiere).

Die Raumskulpturen, mit denen Saraceno seit einigen Jahren in verschiedenen Metropolen Europas und Nordamerikas für Furore und Faszination sorgt, sind ein poetisches und gleichzeitig stofflich-konkretes Plädoyer für die einander potenzierenden Wechselwirkungen zwischen Natur, Kunst und Technik. Sie sind biomorph und futuristisch zugleich, filigran und materialrestistent, architektonisch solide und abgehoben.

Ausstellung „Cloud Cities“, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin 2011 © Studio Tomás Saraceno

Angesichts der Umweltzerstörung und der klimatischen Veränderungen weltweit hat für es manchen etwas Verführerisches, sich eine neue Existenz in künstlich geschaffenen Biosphären vorzustellen. Auch Saracenos Installationen, insbesondere die begehbaren Plattformen der Cloud Cities, werden manchmal in dieser Richtung interpretiert. Saraceno selbst liegt ein solcher Eskapismus allerdings fern. So meinte er in einem Video-Interview anlässlich seiner Ausstellung im Kemper Art Museum in den USA (2011/12): „Es entspricht einer linearen Form des Denkens, zu meinen, die Umweltprobleme auf der Welt könnten gelöst werden, indem man ein Raumschiff baut, um anderswohin zu reisen.“ Er dagegen wolle „die politischen, sozialen, kulturellen und militärischen Restriktionen infrage stellen, die heutzutage akzeptiert werden“: „Wir Menschen haben nicht wirklich verstanden, wie die Natur und das Ökosystem funktionieren. Wir sind auch Teil des natürlichen Systems.“

Saraceno plädiert dafür, eingefahrene Denkmuster hinter sich zu lassen und sich als lernende Wesen zu begreifen. Besonders wichtig ist dabei die Experimentierfreude ohne Angst vor Irrtümern: „Die Veränderungen ergeben sich häufig aus Fehlern. Wir entwickeln uns auch durch das Begehen von Fehlern. Die Kunst hilft manchmal, weniger linear zu denken. Manchmal stellst du fest, dass etwas ziemlich nützlich ist, während du gerade etwas anderes tust.“
Von der Natur lernen und gleichzeitig mithilfe neuester Technologie zu ihrer Bewahrung beitragen. Künstliche Membranen und kommunizierende Raumcluster, Denken in Kreisläufen, die gleichzeitig über sich selbst hinausweisen – wer sich auf die Philosophie von Tomás Saracenos Kunstwerken einlässt, spürt diese kreative Energie. Ein „Wolkenspaziergang“ in seinen Cloud Cities verführt dazu, vorgezeichnete Pfade hinter sich zu lassen, lädt zu Perspektivwechseln ein und setzt unerwartete – vielleicht sogar wegweisende – Gedankenblitze frei.
Bettina Bremme
Copyright: Goethe-Institut e. V.
Februar 2013

    Biografie

    Tomás Saraceno © Studio Saraceno
    Tomás Saraceno wurde 1973 in Argentinien geboren. Nachdem er seine frühe Kindheit in Italien verbrachte, kehrte er nach Argentinien zurück, wo er Architektur und Kunst studierte. Ab 2001 war er Student der Städelschule in Frankfurt, und 2003 an der IUAV in Venedig. Derzeit lebt und arbeitet er in Berlin. Zu seinen letzten internationale Ausstellungen gehören: “Roof Garden Installation”, Metropolitan Museum of Art, New York (2012); “On space time foam”, HangarBicocca, Milan (2012-2013); „Cloud Cities“, Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart, Berlin (2011-2012). Zu Gruppenausstellungen mit seiner Beteiligung zählen: "20 Jahre Gegenwart", MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt (2011); eine Installation im italienischen Pavillion der 53ten Biennale in Venedig (2009). Seine Einzelausstellung „In Orbit” eröffnet im Juni 2013 im K21 Ständehaus, Düsseldorf.