Michael Tsegaye

Die Badenden

Der Alamaya-See war bis in die 1980er-Jahre der zweitgrößte See in Äthiopien. Seitdem schrumpft das immer schon flache Gewässer kontinuierlich. Als eine Ursache dafür gilt zwar die globale Erderwärmung, genauso gibt es aber auch lokale Gründe für die anthropogenen Klimasignale: In den letzten Jahren wurde mehr und mehr für den Hausgebrauch, vor allem aber für die Bewässerung der wichtigsten Cash Crops – Kaffee und Khat – massiv Wasser aus dem See abgeleitet.

Dieser Eingriff in den Wasserhaushalt des Sees hat wiederum zwei Gründe: das Wachstum der Landwirtschaft und das Ausbleiben von Regen aufgrund des globalen Klimawandels. Ein bekannteres Beispiel für einen ähnlichen Verlandungsvorgang im größeren Stil ist der Aralsee in Zentralasien. Eine große Universität für Agrarwissenschaft am Ostufer des Alamaya-Sees verweist auf die Zeiten, in denen seine Wasserreserven noch unbekümmert als Werkzeug im Zentrum landwirtschaftlicher Planung standen.

Michael Tsegaye ist studierter Maler, lebt in Addis Abeba und versteht sich darauf, politische Themen durch die ästhetische Hintertür anzugehen. Nachdem er wegen einer Lösungsmittelallergie nicht länger in der Lage war zu malen, entschied er sich für die Fotografie. In der Arbeit mit diesem Medium hat er sich einen unverkennbaren Stil zugelegt, der auf seine künstlerischen Wurzeln in der Malerei verweist: Aus den von ihm fotografierten Materialien und deren Strukturen ergeben sich plastisch wirkende Bilder. So erscheint auf seiner Fotoserie von im See badendenr Jungen das gleichmäßig braune Wasser wie die weiche Farbmasse auf der Leinwand eines Malers. Die Jungen tauchen ein in diese Masse und strecken mal einen Fuß, dann einen Arm heraus.

Tsegaye hätte das Thema des verschlickenden Alamaya-Sees, von dem bald wohl kaum mehr als ein Schlammteich übrig sein mag, viel drastischer einfangen können, wenn er sich der klassischen Mitteln der Dokumentarfotografie in Klimakrisengebieten bedient hätte. Um sich aber abseits der Bildklischees zu bewegen, erzeugt er ein Spannungsverhältnis zwischen Aktion und Information – die Jungen haben offensichtlich Spaß am Tauchen und Planschen, sie haben sich an das schlammige Wasser gewöhnt. Der Betrachter aber sieht Kinder, die in dreckigem Wasser spielen und bleibt so mit einem fast physisch empfundenen Unbehagen zurück.

Der Mensch scheint also in der Lage zu sein, sich an die durch sein Einwirken wandelnde Umwelt anzupassen – aber wie hoch ist der Preis der Anpassung? Und wie lässt sich das Limit der menschlichen Anpassungsfähigkeit definieren? Der Künstler Gordon Matta-Clark, der in vielerlei Hinsicht seiner Zeit voraus war, hat schon 1972 eine selbstgebaute Sauerstoff-Bar durch Manhattan geschoben. Diese Konstruktion aus zwei Rollstühlen und einer Sauerstoffflasche nannte er "Fresh Air Cart" – eine Aktion, die Vergnügen und Alarmsignal in einem darstellte. Ganz ähnlich verhält es sich auch mit den Fotografien von Tsegaye, die genau diese beiden Ebenen verhandeln und deswegen umso mehr in die Wahrnehmung ihrer Betrachter vordringen sollten.

In der äthiopischen Kunstszene gibt es bislang sehr wenige Künstler, die wie Michael Tsegaye ökologische Fragen thematisieren. Gleichzeitig ist das Land dem Westen in Sachen Recycling weit voraus. Aus schierer ökonomischer Notwendigkeit gehört das Weiterverwenden und Umnutzen von Materialien zur Alltagspraxis. Auf dem Merkato in Addis, dem größten Basar in Afrika, ist die Recycling-Abteilung mit ihrem bunten Plastikfässern und Kanistern, den Eisenbergen und Haufen von Gummisandalen eine der größten Abteilungen. Eine junge äthiopische Filmemacherin drehte dort im Winter einen Dokumentarfilm, weil sie davon ausgeht, dass es die Recycling-Sektion bedingt durch Wirtschaftswachstum und steigenden Lebensstandard in Äthiopien nicht mehr allzu lange geben könnte.

Von weitem ist der Alamaya-See immer noch ein schöner Anblick, zumindest dann, wenn man seine einstige Gestalt und Größe nicht kennt. Saftig grüne Gräser wachsen in den Auen, und auf der Wasseroberfläche reflektiert sich der knallig blaue Himmel. Zunächst hat man keine Ahnung, dass die kleinen Jungen dort ein Schlammbad nehmen müssen.
Vera Tollmann arbeitet als freie Autorin und Kuratorin in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V. 2011

    Biografie

    Michael Tsegaye (*1975 in Äthiopien) lebt und arbeitet in Addis Abeba, Äthiopien. Er graduierte 2002 in Malerei an der Addis Ababa University School Of Fine Arts and Design, musste aber aufgrund einer Allergie gegen Ölfarben das Malen aufgeben. In Folge dessen entdeckte fand er seine Leidenschaft zur Photographie. In seinen Arbeiten versucht er, sich nicht auf die Armut und das Elend zu fokussieren, die Teil des täglichen Lebens in Äthiopien sind. Vielmehr nimmt er das reiche kulturelle Erbe und die Traditionen Äthiopiens in den Blick, die über Jahrhunderte relativ frei von äußeren Einflüssen waren und immer noch sind. Er war an vielen Ausstellungen in der ganzen Welt beteiligt. Einige seiner letzten Ausstellungen waren die Gruppenausstellung Aksum Rediscovered: the Reinstallation of the Obelisk im UNESCO House, Paris im Jahr 2009 sowie die Einzelausstellung Made in Ethiopia in der GTZ Zentrale in Frankfurt im Jahr 2008.