Kultur und Klimawandel – Architektur und Stadtentwicklung

Gemeinsam die Energie von morgen wählen

Schulkinder auf dem Schulhof der normannischen Schule, die dank EP nun Solarstrom auf ihrem Dach produziert. Foto (CC BY-SA): Energie Partagée

Gemeinsam die Energie von morgen wählen

Über den Verein und Bürgerinvestitionsfonds Énergie Partagée kann sich jeder für die Energiewende engagieren – etwa für Solarstrom aus der Normandie.

In Bourguébus, einer Ortschaft im Calvados, haben zum Schulanfang beim Betreten des Pausenhofs nur die kleinen Neuankömmlinge die Augen aufgerissen. Die anderen - Lehrerinnen, Eltern und Schüler - haben sich schon an das wenig gewöhnliche Dach der Schule gewöhnt. Seit August 2012 ist das Gebäude von Solarzellen bedeckt. Offiziell eingeweiht im Mai 2013 ist dieses Projekt der erste Erfolg von Énergie Partagée, einem solidarischen Investitionsfonds für erneuerbare Energien – zu Deutsch etwa „Geteilte Energie“.

Den Ausgangspunkt bildete 2010 eine kleine Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern, die sich die Frage stellten, welches Energiemodell sie sich in ihrem Land wünschen. Ihre Region, die Basse-Normandie, ist von der Geschichte der Atomenergie geprägt – das heftig umstrittene Atomkraftwerk von Flamanville wird hier den ersten Europäischen Druckwasserreaktor Frankreichs aufnehmen. Zu jenen, die sich deshalb engagieren, gehört Valérie Haelewyn: „Wir hatten Lust, in unserer Region etwas anderes zu entwickeln. Die Auseinandersetzung mit Energie war für uns ein Mittel, uns den Raum wieder anzueignen, in dem wir leben, und damit die Zukunft unserer Kinder vorzubereiten.“ Die Idee, im Rahmen eines großen gemeinschaftlichen Projekts auf interkommunaler Ebene zu handeln, nimmt in Énergie Partagée Form an: Private Akteure wie Vereine, Bürger und Unternehmen sollen mit öffentlichen zusammengebracht werden.

Lokal, aber nicht allein

Sehr schnell identifiziert die Initiative drei Schulen auf dem Gebiet der Südebene von Caen, einer Gemeinschaft mehrerer Kommunen von zusammen 8500 Einwohnern. Dort besteht dank der kostbaren Unterstützung durch den Regionalen Verein zur Förderung solidarischen Wirtschaftens in der Region, ARDES, seit Juni 2011 eine Genossenschaft gemeinschaftlichen Interesses (SCIC): Plaine Sud Énergie. Die macht zur Installation von Solarzellen auf den Schuldächern eine Verbindung von öffentlicher und privater Finanzierung möglich. Die beteiligten Kommunen wie ihre Bewohner zeichnen Geschäftsanteile der Genossenschaft und stellen so Kapital zur Verfügung.

Aber das reicht nicht. Patricia Oury, Co-Verwalterin und Mitbegründerin von Plaine Sud Énergie, erzählt: „Ganz allein anzufangen ist schwierig. Wir konnten die drei Installationen nicht ohne Begleitung finanzieren, unser Ausgangskapital reichte nicht aus, um Bankkredite zu erhalten.“ Das ist der Moment, in dem sich Énergie Partagée eingeschaltet hat: Im Juni 2012 erwirbt der Verein Kapitalanteile von Plaine Sud Énergie, um das Investitionsvolumen zu erhöhen.

Die Geschichte dieses Projektes illustriert, was Énergie Partagée sein möchte: ein langer Hebel im Dienst lokaler Akteure, die sich für erneuerbare Energien engagieren. Mit dem Bürgerkapital, das Énergie Partagée einsammelt, finanziert die Bewegung Projekte zur Erzeugung erneuerbarer Energien sowie zu Energiesparen und -effizienz. Énergie Partagée besteht einerseits aus einem Verein, der die Projektträger begleitet und engagierte Akteure in einem Netzwerk zusammenbringt und aus einer Finanzgesellschaft andererseits, die seit September 2011 befugt ist, Einlagen von Bürgern zu sammeln und zu verwalten, um sie dann zu investieren.

Ideen- und Geldgeber für das eigene Energiemodell

Énergie Partagée steht unter anderem für den Aufbau von Bürgerkapital, also für einen Versuch, Geld einen Sinn zu geben, indem wieder Nähe zwischen Investoren und Projektträgern hergestellt wird. Die französische Genossenschaftsbank Nef ist eine der Gründungsmitglieder der Struktur. Auch Valérie Haelewyn und ihr Ehemann haben bei Énergie Partagée investiert: „Es ist diese intelligente Beziehung zum Geld, die uns beeindruckt hat. Das hat uns anders über das Wort investieren nachdenken lassen. Wir haben verstanden, dass dieses Prinzip in unserer direkten Nachbarschaft wirksam werden kann.“

Das System ermöglicht es den investierenden Bürgern, selbst zu Akteuren der Energiepolitik zu werden. „Mit Énergie Partagée wählen die Leute aus, wo ihr Geld hingeht. Sie entscheiden sich, ein bestimmtes Energiemodell voranzutreiben“, erklärt Marc Mossalgue, der die Bewegung koordiniert. Patricia Oury bekräftigt: „Der Bürger kann so zu einem einflussreichen Ideengeber werden. Im Fall von Plaine Sud Énergie hätten sich die Kommunen niemals allein in einem solchen Projekt engagiert.“ Aus Sicht von Valérie Haelewyn ist vor allem die Sensibilisierung entscheidend: „In den großen Medien werden solche Initiativen niemals vorgestellt, daher glauben die Menschen nicht daran. Dieses Projekt zeigt aber, dass man die Situation beeinflussen kann. Man kann bei sich vor Ort etwas tun.“

Und effiziente Dinge zudem. Heute erzeugen die Schulen von Bourguébus, Garcelles und Saint-Aignan in der Tat Solarenergie, im ersten Einsatzjahr insgesamt etwa 70 000 Kilowattstunden Strom. Die Region ist nicht bekannt für ihren Sonnenschein, aber Patricia Oury ist optimistisch. Die Produktion wird in das allgemeine Stromnetz eingespeist und an den Electricité de France, EDF, verkauft. Mit dem Stromkonzern konnte ein Kauftarif von 40 Cent pro Kilowattstunde über einen Zeitraum von 20 Jahren vereinbart werden. Damit lassen sich die Investitionskosten innerhalb von 15 Jahren decken. Aber die Lage im Bereich der Solarenergie ist schwierig. Heute liegen die Tarife eher bei 17 Cent pro Kilowattstunde. Viele bedauern den schwachen Tarif- und Gesetzesrahmen, darunter auch Patricia Oury: „Es wäre unmöglich, mit den aktuellen Tarifen zu einer ausgeglichenen Bilanz zu kommen. Mit dem Erfolg dieses Projekts muss an die Öffentlichkeit und ihr Einflusspotential appelliert werden.“ Sie ist sicher, dass die Menschen in der Region die Debatte um die Energiewende aufmerksam verfolgen.

Kollektiv die Herausforderungen angehen

Neben der Tätigkeit als Finanzierungslobby für erneuerbare Energien macht sich Énergie Partagée an eine deutlich diffizilere Sensibilisierungsarbeit. Symbolkräftig verbindet das Projekt Plaine Sud Énergie einen pädagogischen Ansatz mit dem Finanziellen. Schülerinnen und Schüler der vierten und fünften Klasse erkunden das Thema Energie in Fragebögen, Experimenten und Ausstellungsbesuchen. Doch sind es in der Schule nicht die Kinder, die sich am widerspenstigsten zeigen: „Die psychologische Bremse kommt vor allem von den Eltern. Als ich angefangen habe, das Projekt vorzustellen, wurde mir klar, dass ich für viele aus einer komplett anderen Welt kam“, erzählt Particia Oury. Sie engagiert sich heute unter anderem im intergenerationellen Dialog, in der Hoffnung, langfristig Mentalitäten zu verändern. Der Weg ist noch lang, aber sie kann immerhin auf das Lehrpersonal zählen, das die Arbeit von Plaine Sud Énergie entschlossen unterstützt.

Dank Énergie Partagée wird im Süden von Caen somit nicht nur Solarenergie produziert. Es entsteht auch eine Dynamik, die auf ein anderes System zielt, und eine andere Methode, sich der eigenen Verantwortung bewusst zu werden - kostbare Werkzeuge, um die kollektiven Herausforderungen unserer Zeit anzugehen. Valérie Haelewyn fasst es so zusammen: „Im Grunde genommen wirft das Energiethema eine Frage auf: Was wollen wir, gemeinsam und morgen, aus unserer Gesellschaft machen? Énergie Partagée gibt darauf eine schöne Antwort.“

    Zur Geschichte

    Oktober 2013
    Energie
    Frankreich, Bourguébus

    Énergie Partagée

    Autor

    Barnabé Binctin
    hat Journalismus in Paris studiert. Nach seinem Studium engagierte er sich für den Bürgerjournalismus. Heute arbeitet er für das Umweltmagazin Reporterre.

    Übersetzerin

    Ines Grau

    Partner

    Kaizen

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