Kultur und Klimawandel – Architektur und Stadtentwicklung

Angelina Davydova: „Mit dem Umweltbewusstsein ist bei uns alles in Ordnung!“

Angelina Davydova, Journalistin und Vorsitzende des Russisch-Deutschen Büros für Umweltinformationen, hat von ihren Projekten „Schule für die Umwelt“, neuen Trends beim Umweltschutz und ihren eigenen Ökogewohnheiten erzählt.

Angelina Dawydowa; © Foto: privat

Angelina, erzählen Sie uns doch bitte, was an dem Projekt „Schule für die Umwelt“ so interessant ist.

Das ist eine bemerkenswerte Initiative. Besonders wichtig und sinnvoll finde ich, dass an dem Projekt nicht nur Kinder aus ganz Russland, sondern auch aus anderen Ländern teilgenommen haben, beispielsweise aus Kasachstan, der Ukraine, Belarus, Georgien. Ich arbeite selten mit Kindern, da ich hauptsächlich in Programmen für Erwachsene tätig bin. Umso überraschter war ich, wie professionell und eindrucksvoll die von den Schülern vorgestellten sehr sinnvollen und bereits umgesetzten Projekte waren und wie viele junge Leute versuchen, etwas zu machen und die sie umgebende Realität zu verändern. Mir scheint, dass solche Initiativen sehr wichtig sind und man sie unbedingt unterstützen muss.

Welche Schulprojekte würden Sie hervorheben?

Ich war Jurymitglied in der Arbeitsgruppe „Luft“, und kann mich deshalb besonders zu Projekten aus dieser thematischen Gruppe äußern. Ganz erstaunlich fand ich hier vor allem zwei Projekte, die es dann auch ins Finale geschafft haben. Das eine Projekt hieß „Vor der Schule – Motor aus!“ und kam aus Perm; beim anderen handelte es sich um ein Projekt Moskauer Schülerinnen zur Erforschung der Luft. Die erste Gruppe hat ganz konkrete Veränderungen der für das Parken an der Schule geltenden Regeln erreicht, die zweite Gruppe hat ebenfalls das Umfeld der Schule verändern können und sich dabei nicht gescheut, an eine ganze Reihe von Instanzen und Forschungszentren heranzutreten. Mich hat auch beeindruckt, wie kreativ die Schüler ihre Projekte präsentiert haben – sie haben Gedichte geschrieben, gesungen. Das war sehr berührend.

Welche positiven Tendenzen können Sie in der Entwicklung der Ökologie in Russland in der letzten Zeit verzeichnen?

Ich beschäftige mich seit 2008 mit dem Thema Umwelt. Wenn ich die heutigen Aktivitäten und den Grad des Interesses an diesem Thema mit damals vergleiche, dann besteht da ein himmelweiter Unterschied. Inzwischen begeistern sich sehr viele Junge Leute für Ökologie, bringen ihr Interesse zum Ausdruck, tun etwas – gründen Initiativen. Zum Beispiel mit dem Ziel der Begrünung oder Mülltrennung. Ich nehme diese Entwicklung wahr und finde es sehr wichtig, sie zu fördern. Dabei nimmt – besonders in den Regionen – die Zahl der Protestaktionen im Umweltbereich zu. Auch Umweltinitiativen, die sich nach dem Do-it-yourself-Prinzip formieren, gibt es inzwischen deutlich mehr als früher, das heißt, der Staat oder die jeweiligen Behörden schlagen nicht irgendwelche Lösungen oder eine bestimmte Infrastruktur vor, sondern die Aktivisten versuchen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

Welche Umweltthemen sind momentan gerade aktuell?

Wenn wir von der öffentlichen Wahrnehmung sprechen und darüber, an welchen Projekten sich die Leute beteiligen, dann betrifft das vor allem den Müll und seine Weiterverarbeitung. Populär in Russland ist auch das Thema Begrünung: Bereits vorhandene Parks sollen geschützt und neue Bäume gepflanzt werden. Generell kann man wohl sagen, dass es vor allem Themen sind, die sich mit der städtischen Umwelt beschäftigen, mit dem Funktionieren einer Stadt als großer Megapolis und den damit einhergehenden ökologischen Problemen. Die Menschen sind darum bemüht, die Probleme im eigenen Umfeld anzugehen und zu lösen.

Äußerst wichtig sind Themen, wie die Luft- und Wasserverschmutzung, das Beseitigen von Grünanlagen und Abholzen von Wäldern, der Versuch Uferbebauungen an Seen und Flüssen durchzusetzen. Das ist auch der Grund, warum wir eine Zunahme von Protestbewegungen im Umweltbereich (besonders auf regionaler Ebene) sowie auch von Bewegungen verzeichnen, die etwas „mit eigenen Händen“ zu machen versuchen.

In Europa, beispielsweise in Deutschland, machen sich die jungen Leute um andere Dinge Gedanken. Viele russlandspezifische Probleme sind in Europa teilweise bereits gelöst. Deshalb kümmert sich die Jugend in den europäischen Ländern eher um die Lösung globaler Probleme. Ich meine damit unter anderem den Klimawandel und die Entwicklung einer auf erneuerbaren Energien basierenden Energiewirtschaft, umweltbewusstes und ethisches Konsumverhalten, eine Überprüfung, ob und inwieweit deutsche Firmen auch im Rahmen ihrer Tätigkeit im Ausland umweltrelevante und soziale Normen einhalten.

Was fehlt Ihrer Meinung nach in Russland, damit die Menschen ein entsprechendes Umweltbewusstsein entwickeln?

Eine ideale Situation gibt es nirgendwo und zu keiner Zeit. Ich freue mich darüber, dass sich in Russland mittlerweile ein Umweltbewusstsein entwickelt, dass dieses Thema für immer mehr Menschen eine wichtige Rolle spielt und sie auch bereit sind, sich selbst in den entsprechenden Umweltinitiativen zu engagieren.

Bei der Antwort auf diese Frage würde ich nicht so sehr die Maßnahmen hervorheben, die den Umweltschutz fördern, sondern auf noch bestehende Hindernisse und Beschränkungen verweisen. Leider ist die Situation in den letzten Jahren doch etwas schlechter geworden. Einige Dutzende Umweltorganisationen, vor allem regionale, die an der Lösung ganz konkreter Probleme arbeiten, wurden zu „ausländischen Agenten“ erklärt. Etliche Organisationen erhalten in regelmäßigen Abständen Drohungen, Aktivisten werden attackiert. Einige von ihnen sahen sich gezwungen, das Land zu verlassen; es kam sogar zu strafrechtlichen Verfolgungen, was schließlich dazu geführt hat, dass etliche Ökologen (wie zum Beispiel Jewgeni Witischko) ins Gefängnis gekommen sind. In einer solchen Atmosphäre der Unterdrückung von (nicht allen, aber bestimmten) Protesten ist es wirklich nicht so leicht, ein Umweltbewusstsein zu entwickeln.

Es ist sicher nicht richtig, nur über die positive Seite zu reden und dabei zu denken, dass sich die Sorge um die Umwelt nur auf das Pflanzen neuer Bäume und den Tierschutz erstreckt, nicht aber auch den Kampf um bestimmte Umweltrechte mir einschließt. Es ist wirklich sehr traurig, dass viele Umweltinitiativen momentan mit ernsten Schwierigkeiten zu kämpfen haben, ungeachtet der Tatsache, dass das Thema als solches für die Bevölkerung immer wichtiger und populärer wird.

Und können Sie dann vielleicht auf interessante Methoden verweisen, mittels derer man die Menschen noch mehr an Umweltfragen interessieren könnte?

Aus meiner Sicht wäre es wichtig, dass die Medien viel zum Thema Ökologie berichten. Besonders angesprochen fühle ich persönlich mich auch von solchen Veranstaltungen wie dem ökologischen Filmfestival „Ökotschaschka“ (Ökotasse); mit solchen Festivals kann man das Interesse der Menschen wecken, aber auch mit Ausstellungen, wie zum Beispiel der Ausstellung für ökologische Fotografie.

Angelina, erzählen Sie uns doch bitte, wie Sie sich umweltbewusst verhalten.

Ich versuche, den Konsum einzuschränken, also wenig einzukaufen. Alte Kleidung werfe ich nicht weg, sondern gebe sie an jemand anderen weiter oder spende sie an wohltätige Geschäfte. Ich bin ein Verfechter der Ernährung mit einfachen Lebensmitteln und kaufe immer kleine Mengen, damit ich meine Abfälle in diesem Bereich gering halte. Ich bemühe mich darum, weniger Plastikflaschen und -tüten zu benutzen.

Ich nehme Papier und Glas mit zur Arbeit – wir haben mehrere Büros und trennen dort den Müll nach Papier, Metall, Batterien und Glas. Das wird dann einmal im Monat abgeholt. Ich würde zu Hause gern einen Bio-Komposter aufstellen. Und ich verwende vorzugsweise ökologische Produkte im Haushalt – zum Beispiel Ökoseife, Ökogeschirrspülmittel und Ökoputzmittel. Ich informiere mich ständig über die Inhaltsstoffe aller Waren und bringe das auch meinen Freunden bei. Zu den negativen Verhaltensweisen gehört, dass ich beruflich viel fliege und dagegen nichts machen kann. Dafür habe ich aber kein Auto.

Haben die Schulprojekte eine Zukunft?

Als ich im Rahmen des Projekts „Schule für die Umwelt“ Jurymitglied war, hat es mich erstaunt, dass die Schüler in einer Reihe von Projekten, so z.B. in der Arbeitsgruppe „Luft“ konkrete Ergebnisse erzielt haben. Sie haben beispielsweise erreicht, dass das Parkschild an der Schule versetzt wurde. Wichtig ist dies nicht nur im Sinne der Umwelt, sondern auch der aktiven Mitwirkung als Bürger der Zivilgesellschaft. Schon Kinder müssen verstehen, dass die Dinge nicht einfach so sind, sondern dass sie Veränderungen bewirken können. Sie arbeiten selbst mit der Bevölkerung und den Behörden zusammen, machen Aushänge in den Hauseingängen. Einerseits wird dadurch das eigene Umweltbewusstsein und das des Umfelds geschult, und andererseits bedeutet das aber auch eine aktive Mitgestaltung der Zivilgesellschaft. Das ist sehr gut.

Text: Anna Andriewskaja
Übersetzung: Christine Rädisch

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Mai 2015

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