Kultur und Klimawandel – Architektur und Stadtentwicklung

Kooperation im Zeichen des Kolibri

Vercors-Panorama. Foto (CC BY-SA): Daniel Schürer

Kooperation im Zeichen des Kolibri

Das agroökologische Zentrum Les Amanins lädt seit einem Jahrzehnt dazu ein, sich in Kooperation, Bildung, Autonomie und ressourcenschonendem Wirtschaften auszuprobieren.

Es ist Februar. Im dünn besiedelten Drômetal zwischen Provence und Vercors ist es noch winterlich karg. Schneebedeckte Gipfel erstrahlen unter einem tiefblauen Himmel. Vor dem Hauptgebäude der Amanins zeigt der majestätische Maulbeerbaum sein nacktes Geäst: ein Paradies für kleine Kletterer und im Sommer ein großzügiger Schattenspender, der zum Verweilen und Austausch einlädt, wie ein afrikanischer Baobab. Kinder spielen Ball und zerstreuen sich dann als Räuber und Gendarme in alle Richtungen. Erwachsene plaudern entspannt in der Wintersonne. Hier sind sie – mehrheitlich landhungrige Städterinnen – nicht nur metromüde Urlauber auf dem Bauernhof, sondern Mitgestaltende eines gesellschaftlichen Wandels.

Offenes Laboratorium

In einem großen Saal, umschlossen von wärmenden Mauern aus Stroh, Lehm und Holz sitzen wir, Große und Kleine, im Kreis. Houari erzählt, wie er zu den Amanins gekommen ist. Als 30-Jähriger stellte er fest, dass er zwar viel Wissen im Kopf, aber wenig in den Händen hatte. Heute kneten diese Hände mindestens zweimal pro Woche kiloweise Brotteig in der Amaninschen Backstube. Houari kann darüber hinaus fachmännisch Auskunft geben zum Bauen mit Naturmaterialien, zur lokalen Erzeugung erneuerbarer Energien und auch zu Trockentoiletten.

Vor über zehn Jahren haben drei Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebenserfahrungen die Amanins gegründet: der Unternehmer Michel Valentin, der Schriftsteller und Agroökologe Pierre Rabhi (Glückliche Genügsamkeit, deutsch 2015) sowie die Pädagogin Isabelle Peloux. Michel Valentin, damals in einer tiefen Sinnkrise, stellte dem Projekt sein Kapital zur Verfügung, um das 55-Hektar-Gelände eines einstigen Viehhofs in der südostfranzösischen Drôme zu erwerben. Es entsteht ein offenes Laboratorium sozialer und ökologischer Praxen, inspiriert von den Ideen des Trios und von der nordamerikanischen indigenen Legende des Kolibri: Als im Urwald ein großes Feuer ausbricht, schauen alle Tiere bestürzt zu, wie sich die Katastrophe vollzieht. Nur der kleine Kolibri hört nicht auf, mit seinem winzigen Schnabel Wasser zu holen und auf die Flammen zu schütten. Das Gürteltier fragt, ob er denn verrückt sei. Mit den paar Tropfen könne er das Feuer ja doch nicht aufhalten. Der Kolibri erwidert, dass er das wohl wisse, aber seinen Teil beitrage.

Kinder und Kürbisse

Für die kooperative Produktionsgemeinschaft (SCOP) und den Verein der Amanins stellen sich momentan 17 Angestellte im Zeichen des Kolibri gegen Klimawandel und Konsumwahn, unterstützt von mehreren Ehrenamtlichen und Praktikantinnen. Sie sind Gemüsebauern, Bäcker, Viehzüchterinnen, Pädagogen, Köche, Handwerker, Philosophinnen, Musiker… und stellen Lebensmittel her, kümmern sich um Schweine, Kühe, Esel, Schafe und Hühner. Sie empfangen und begleiten Schul- und Erwachsenengruppen, die hier ihre Ferien verbringen, und geben ihr Erfahrungswissen gern an ihre Gäste weiter. Zwei Fragen stellen sie sich dabei permanent: Welchen Planeten hinterlassen wir unseren Kindern? Und welche Kinder hinterlassen wir dem Planeten? So vermitteln Isabelle Peloux und ihr Team in der privaten Grundschule École du Colibri im Herzen der Amanins den 35 Schülern aus der Umgebung bei Weitem nicht nur Lesen und Schreiben. Die 6- bis 11-Jährigen üben sich darüber hinaus in Kooperation, gewaltfreier Kommunikation und Konfliktlösung.

  • Terasse vor dem Amaninschen Hauptgebäude. Foto (CC): Daniel Schürer

  • Vercors-Panorama. Foto (CC): Daniel Schürer

  • Amaninsche Kühe. Foto (CC): Daniel Schürer

  • Junge Feriengäste schreiben das Abendmenü an. Foto (CC): Daniel Schürer

  • Amaninsche Hühner. Foto (CC): Daniel Schürer

  • Das Hauptgebäude und der Maulbeerbaum. Foto (CC): Daniel Schürer

  • Sonnenenergie wird zur Warmwasserherstellung in den Gemeinschaftsunterkünften genutzt. Foto (CC): Daniel Schürer

  • Vergängliches Land Art-Gemeinschaftswerk auf dem Boden im Amaninschen Speisesaal. Foto (CC): Daniel Schürer

  • Viehzüchter Théophane erklärt Grundzüge der Amaninschen Land- und Viehwirtschaft. Foto (CC): Ines Grau


Gleich nebenan, im restaurierten Hauptgebäude, befinden sich Küche, Backstube, Gruppenräume, Schlafgelegenheiten und ein großer Speisesaal. Die Jüngsten erobern schnell dessen großzügige Spiel- und Kissenecke. Mobiltelefone werden regelmäßig an den hiesigen Steckdosen aufgeladen, denn in den Unterkünften ist das Stromangebot gezielt begrenzt. Die Gäste sind aufgefordert, eigene Bedürfnisse zu hinterfragen. Gespeist wird „vom Garten auf den Teller“, d.h. weitgehend fleischlos und so lokal wie möglich. Im Herbst und Winter haben Benoît und Alejandro große Mengen Kürbis geerntet. Die stapeln sich jetzt auf Regalen an den Wänden. Ihre blassorangene Schale verstärkt den warmen Schimmer des Saals. Das Küchenteam um Marianne und Sylvain gewinnt leicht Herzen und Gaumen mit einer kreativen Auswahl an Kürbisgerichten: Chutney, Gratin, Kekse, Kompott, Konfitüre, Suppe. Sollte doch mal etwas übrigbleiben, dann freut das Schweine und Hühner. Die Abfälle der einen sind die Delikatessen der anderen. Kompostwürmer wandeln die Fäkalien aus den amaninschen Trockentoiletten in nährstoffreiche Komposterde um, die dann wieder als Blumenerde zum Einsatz kommt.

Alle miteinander, immer wieder aufs Neue

An einem Nachmittag leitet Daniel einen Landart-Workshop. Große und Kleine sollen gemeinsam aus Zweigen, Wurzeln, Moosen und Blättern, die am Vormittag gesammelt worden, ein vergängliches Kunstwerk erstellen. Gemeinsam bedeutet, dass nicht jede und jeder einfach drauflos arbeitet. Zunächst wird abgesprochen, was die Gruppe schaffen möchte. Einigen dauern die Verhandlungen zu lange. Die Kinder möchten die tägliche Tierfütterung nicht verpassen, so dass schließlich ein stark geschrumpftes Team das Kollektivwerk vollendet. An diesem Nachmittag erlebt die Gruppe aus Feriengästen hautnah eine Funktionsweise der Amanins: Prozesse kollektiver Intelligenz sollen in Gang gesetzt werden – alle miteinander, nicht jeder für sich. Kinderleicht ist das nicht. Und Daniel fügt schmunzelnd hinzu, dass es schon in einer Paarbeziehung nicht immer einfach ist, den Lebensalltag gemeinsam zu gestalten. Die Amanins praktizieren eine Form der Kooperation und Entscheidungsfindung, die von Soziokratie und Holacracy inspiriert ist und jedes Teammitglied mit seinen Bedürfnissen, Kompetenzen und Visionen einzubeziehen sucht.

Probieren. Scheitern. Gelingen. Das ist Alltag bei den Amanins. So hat das für die autonome Energieversorgung erworbene Windrad den Stürmen nicht standgehalten und ist momentan außer Betrieb. Bei der Installation wäre es schlauer gewesen, doch einen Experten hinzuziehen, kommentiert Houari lakonisch. Es wurde auch schon der Versuch unternommen, Kaffee und Zucker selbst anzubauen, berichtet Nathalie, die zusammen mit Houari und Sylvain die Genossenschaft verwaltet. Daraus wurde aber nichts. Kompromisse im Zeichen des Kolibri – davon kann das Team der Amanins ein Lied zu singen. Das hält sie jedoch nicht davon ab, weiterhin ihren Teil beizutragen – und auch andere dafür zu begeistern, den Katastrophen unserer Zeit ebenso furchtlos wie lindernd entgegenzusteuern.

    Zur Geschichte

    Mai 2015
    Land & Stadtnatur
    Frankreich, La-Roche-Sur-Grâne

    Les Amanins

    Autorin

    Ines Grau
    ist Sozialwissenschaftlerin und war langjährig für die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Paris tätig. Heute arbeitet sie am Karlsruher Institut für Technologie sowie in der außerschulischen internationalen Bildungsarbeit.

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