Kultur und Klimawandel – Architektur und Stadtentwicklung

POC21 – Verrückte Träumer oder clevere Vordenker?

Foto: Stefano Borghi Nachhaltigkeit ist ein großes Wort, unter dem man sich oft schwer etwas vorstellen kann. Anders in Paris, wo junge Tüftler aus aller Welt Dinge erfinden, die unseren Alltag ganz praktisch nachhaltiger machen sollen.

POC21 - Name und Zeitpunkt des riesigen Innovationscamps, das in einem 40 Kilometer von Paris gelegenen Schloss untergebracht ist, sind geschickt gewählt: Im Vorfeld der UN-Klimakonferenz COP21, die ab dem 30. November 2015 in der französischen Hauptstadt tagen wird, führen junge Ingenieure, Designer und Wissenschaftler aus aller Welt vor, wie Bürger selbst die Entwicklung für ein bewussteres, solidarischeres Zusammenleben und nachhaltigere Produktionsweisen gestalten können. „Nicht reden, sondern Selbermachen“ lautet ihr Motto. Gearbeitet wird an zwölf, von einer Jury ausgewählten Projekten. Nichts Abgehobenes, sondern einfache Konstruktionen, aus denen am Ende Prototypen entstehen sollen, die jeder nachbauen kann. Das zumindest wünscht sich der mittedreiβig-jährige Co-Organisator Daniel Kruse aus Berlin: „Das Open-Source-Prinzip ist uns wichtig. Wir bauen Dinge ohne Patent, die von anderen kopiert und weiterentwickelt werden können. Es geht um Wissensaustausch. Hier entwickelt sich eine Kultur von gemeinsamer Verantwortung.“

Von Küchen bis hin zu Showerloops: Ideen gibt es viele

Die Ideen für ein nachhaltiges, umweltbewussteres Leben gehen in die verschiedensten Richtungen. In den imposanten Sälen von Schloss Millemont, wo unter anderem der Historienfilm Marie-Antoinette gedreht wurde, herrscht eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre. Während ein französisches Designerteam am Entwurf einer vollökologischen Küche arbeitet, in der Obst und Gemüse angebaut, der daraus entstehende Müll recycled und für die Stromversorgung genutzt werden soll, bastelt ein britischer Ingenieur an einem Miniwindrad, das jeder für 30 Euro mit ganz einfachen Materialien aus dem Baumarkt nachbauen kann. Im Schlossgarten gibt es zwei fabrication laboratories, kurz fab labs – modernste Werkstätten mit 3-D-Druckern und Lasercuttern, in denen die Prototypen hergestellt werden.

Eine der am weitesten entwickelten Erfindungen ist der Showerloop des 29-jährigen Umweltingenieurs Jason Selvarajan aus Finnland. Dabei handelt es sich um eine Dusche, die das Wasser während des Duschens filtert und zurück in den Brausekopf pumpt. „Auf diese Weise verbraucht man nur zehn Liter Wasser und kann so lange duschen wie man will. Normale Duschen verbrauchen zehn Liter pro Minute, und ich kenne niemanden, der nur so kurz duscht“, erklärt Selvarajan selbstbewusst, auch wenn seine Konstruktion noch ein paar technische Mängel aufweist.

Ein deutsch-französisches Innovationscamp mit Open-Source-Charakter

Organisiert wird das Innovationscamp von OuiShare aus Frankreich und Open State aus Deutschland, zwei Netzwerken, die sich für solidarische Ökonomie, Umweltschutz und Open Source engagieren. Mehr als 20 Partner unterstützen das Treffen finanziell: Das Budget von fast einer Million Euro tragen zu jeweils 40 Prozent Unternehmen und Stiftungen, 20 Prozent stammen aus öffentlichen Zuschüssen. Damit lassen sich sicherlich wertvolle Projekte initiieren, allerdings muss am Ende auch etwas Präsentables dabei herauskommen.


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Dafür stehen den Teilnehmern Mentoren zur Seite, überwiegend Designer und Marketingexperten, die prüfen, ob es eine Nachfrage für die Produkte gibt, ob sie tatsächlich ein Umweltproblem lösen, und ob sie technisch überhaupt umsetzbar sind. Auch auf die richtige Vermarktung achten sie, denn oft stimmt die Idee, aber das Design ist noch unausgereift. Wie etwa beim Sunzilla, einem transportablen, ausklappbaren Solargenerator, mit dem auf Festivals zum Beispiel eine Musikanlage gespeist werden kann. „Sunzilla war ein riesiges Objekt, wir brauchten eine Leiter, um die Solarmodule hochzuklappen“, erinnert sich die Berliner Wirtschaftsdesignerin Rieke. Designer machten daraus ein ausziehbares Schienensystem, das nicht nur praktisch sondern auch schick ist und das Camp bereits jetzt mit Strom versorgt.

Anfang Dezember, während der Klimakonferenz, werden alle Projekte in Paris zu sehen sein. Später, der Zeitpunkt steht noch nicht fest, sollen sie auch in Berlin präsentiert werden.

Katja Petrovic
lebt in Paris und arbeitet als freie Journalistin für Presse, Radio und Fernsehen, insbesondere für ARTE, Deutschlandradio und Courrier International.

Copyright: Goethe-Institut Frankreich
Oktober 2015

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