Kultur und Klimawandel – Architektur und Stadtentwicklung

Architekturausbildung im Klimawandel: ClimaDesign

Signet des Lehrstuhls CimaDesign; © Lehrstuhl für Bauklimatik und Haustechnik, TU MünchenSignet des Lehrstuhls CimaDesign; © Lehrstuhl für Bauklimatik und Haustechnik, TU MünchenBeim Masterstudiengang ClimaDesign an der TU München lernen Architekten und Ingenieure der Fachrichtungen Bauingenieurwesen, Elektrotechnik und Physik, wie man Häuser baut, die gleichzeitig schön, behaglich und gut für die Umwelt sind.

Grün soweit das Auge reicht. Inmitten einer sanft geschwungenen Landschaft liegt ein stiller See. Durch die große Empfangshalle, eingebettet in einen Ring aus Lorbeerwäldern, betritt man den Botanischen Garten Chenshan. Wer durch diesen Garten geht, erlebt viele Überraschungen. Er findet Regenwälder aus verschiedenen Teilen der Erde, Lotusfelder, riesige Farne. Später wird er Gebäude betreten, die sich perfekt in die Landschaft einpassen: Hügel aus Glas, Beton, Holz und Stahl.

Der Chenshan-Garten in Shanghai wird von deutschen Architekten und Ingenieuren gebaut. Geplant wurde er mit Hilfe von ClimaDesignern. Der Garten gilt als Pilotprojekt im sorgfältigen Umgang mit natürlichen Ressourcen und erneuerbaren Energien, deren Verbrauch sich zudem durch die Berücksichtigung der klimatischen und geologischen Bedingungen vor Ort minimiert. Auf energieintensive mechanische Lüftungssysteme und Klimaanlagen wird weitgehend verzichtet. Stattdessen nutzen Wärmepumpen das vorhandene Grundwasser und sorgen im Verbund mit Sonnenenergie für eine Grundtemperierung der Gebäude.

Der Mensch im Mittelpunkt

Ganzheitlicher Hausentwurf; © Lehrstuhl für Bauklimatik und Haustechnik, Masterstudiengang ClimaDesign, TU MünchenWie solche Häuser geplant und gebaut werden, können Architekten und Ingenieure im Masterstudiengang ClimaDesign lernen. Gegründet wurde er 2007 von Professor Gerhard Hausladen, der den Lehrstuhl für Bauklimatik und Haustechnik an der Technischen Universität München innehat. Seit langem setzt er sich für ganzheitliche Planung und nachhaltiges Bauen ein – und damit für ein Umdenken in der Architektur.

Im Grundlagensemester wird den Studenten Basiswissen zum nachhaltigen, ganzheitlichen Bauen vermittelt. „Bei uns steht immer der Mensch im Mittelpunkt“, erklärt Katrin Rohr, die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl ist. In Zusammenarbeit mit ihrer Kollegin Christiane Kirschbaum hat sie den Studiengang ClimaDesign konzipiert. Wann fühlt ein Mensch sich wohl? Wie funktionieren seine Sinne? So lauten zwei der Fragen. Nur wer sich hier auskennt, kann mit Hilfe der Bauklimatik, ganzheitlicher Energieversorgungskonzepte und mit neuen Technologien Häuser bauen, die optimal an die Bedürfnisse von Mensch und Umwelt angepasst sind.

Kommunikation als Voraussetzung

’Lichthimmel’; © Lehrstuhl für Bauklimatik und Haustechnik, TU MünchenVoraussetzung für den Bau optimal angepasster Häuser ist die interdisziplinäre Planung, bei der Architekten und Ingenieure eng zusammenarbeiten. Deshalb kommt auch der Vermittlung kommunikativer Fähigkeiten im Studium ein besonderer Stellenwert zu. Traditionell ist es beim Hausbau eher üblich, dass zunächst ein Architekt ein Haus nach rein ästhetischen Kriterien entwirft, bevor ein Ingenieur die Pläne nachbessert. Stimmt zum Beispiel die Temperatur innerhalb des Hauses nicht, wird dies durch den Einbau aufwendiger Klimaanlagen ausgeglichen.

Der ganzheitliche Planungsansatz des ClimaDesigns setzt dagegen auf Zusammenarbeit von Anfang an. Schon bevor der erste Strich gezeichnet ist, sieht der ClimaDesigner sich das Grundstück genau an, analysiert das Klima am Standort und entwickelt dann zusammen mit dem Architekten und dem Tragwerkplaner ein Konzept. „Dabei ist es besonders wichtig, dass die Planer untereinander kommunizieren“, erläutert Katrin Rohr. „Dass auch die Ingenieure kreativ werden. Dass sie aktiv mitplanen, selbst Ideen zum Energiekonzept entwickeln und nicht nur das berechnen, was der Architekt geplant hat. Erst dann wird daraus am Ende ein abgestimmtes Konzept aus Ästhetik, Energie und Statik.“

Wie im Himmel

Favela in Brasilien; © Lehrstuhl für Bauklimatik und Haustechnik, TU MünchenIm zweiten Semester befassen sich die Studierenden mit Methoden und Planungswerkzeugen des ClimaDesigns. Mithilfe verschiedener Simulatoren werden sie mit dem zielgerichteten Einsatz von Licht, Temperatur und Luft vertraut gemacht. Katrin Rohr betreut das Lichtmodul. Besonders gerne erinnert sie sich an eine Übung im künstlichen „Lichthimmel“, der das natürliche Tageslicht simuliert. Hierbei sollten die angehenden ClimaDesigner das vorgegebene Modell einer Kapelle mit Licht und unterschiedlichen Materialien umgestalten. Aus dem Raum wurden so unter anderem ein Büro, eine Disco und ein Konzertsaal.

„Mich hat gefreut, wie enthusiastisch die Studenten an diese sehr künstlerische Aufgabe herangegangen sind“, berichtet Katrin Rohr aus dem Studienalltag. „Für mich war es ein besonderes Erlebnis zu beobachten, wie die Studierenden Technik im Gesamtkonzept eines Gebäudes umsetzten. Sie haben durch diese Übung verstanden, dass es bei allem Messen und bei aller Technik am Ende nur darum geht, ein ästhetisch und energetisch gutes Gebäude zu bauen.“

Globalisierung des Wissens

Energieeffizientes Bauen ist nicht nur in Deutschland und Europa ein Thema, es stößt weltweit auf besonderes Interesse. Der Bedarf an ClimaDesignern ist groß, und so zieht der Studiengang Fachleute aus den unterschiedlichsten Ländern an. Die Zahl der Bewerber übersteigt die Anzahl an Studienplätzen, maximal 27 pro Jahrgang, bei weitem. Momentan absolvieren Architekten und Ingenieure aus Deutschland zusammen mit Kollegen aus China, Korea, Chile, Norwegen, Italien, Österreich, der Türkei und Griechenland den Masterstudiengang.

Aufgrund der globalen Dimension des ClimaDesigns befassen sich die Studierenden auch mit internationalen Projekten. Die Teilnehmer des ersten Jahrgangs etwa arbeiten mit der brasilianischen Partneruniversität, Universidade Federal do Paraná in Curitiba, daran, auch armen Bevölkerungsgruppen Brasiliens, die keinen Anschluss an die öffentliche Energieversorgung haben, ein gewisses Maß an Bequemlichkeit zu ermöglichen. Thema ist die Planung und der Bau kleiner „energieautarker“ Häuser für Favelas: Häuser, die billig und schnell zu bauen sind und die Energie, die sie brauchen, selbst erzeugen.

Anja Bardey
arbeitet als Redakteurin und freie Journalistin in Düsseldorf und Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2009

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