Kultur und Klimawandel – Architektur und Stadtentwicklung

Grüne Werte – immer mehr Künstler und Architekten setzen auf eine ethische Ästhetik

„Perfumed Jungle“ – aus dem Band „Grüne Architektur heue!“, © VINCENT CALLEBAUT ARCHITECTURES / Philippe „Perfumed Jungle“ – aus dem Band „Grüne Architektur heue!“, © VINCENT CALLEBAUT ARCHITECTURES / Philippe Nicht Gold, Grün ist der neue Schlüsselwert auf der Suche nach einer ethischen Ästhetik.

Einst werden kunstsinnige Eltern ihren Kindern folgende Anekdote erzählen: Es war einmal ein Tigerhai. Der lag tot in einem riesigen Glasaquarium und war mit der Chemikalie Formaldeyd konserviert. Und warum lag er da? Weil ein Künstler das so wollte.

Künstler galten damals als Superstars, und dieser Künstler, der Brite Damien Hirst, war der teuerste von allen. Kinder, stellt euch vor, allein für dieses eine Werk hat ein amerikanischer Finanzinvestor neun Millionen Euro bezahlt! Doch dann, wenig später nach dem tollen Coup, fing das Tier an, in seinem Käfig zu verwesen. Und noch ein wenig später kam die ganz schrecklich große Wirtschaftskrise. Da war der eingesargte Tigerhai-Kadaver plötzlich nur noch die Hälfte wert. Eine Ikone aus dem Reich der „Ready mades“ sah so uralt aus wie ein uraltes „Retro-Made“. Und das, liebe Kinder, war der Beginn des Triumphes der Natur über die Kunst.

Ethik und Ästhetik

Vertical Garden von Patrick Blanc – aus dem Band „Grüne Architektur heute!; © Roland Halbe Tatsächlich endete erst vor kurzem, im Herbst 2008, eine Ära des Turbokapitalismus, die in ihrer frivol materialistischen Luxusseligkeit einem Märchen vom Schlaraffenland geglichen hatte. Doch seitdem verschieben sich die Werte und Bedürfnisse auf allen gesellschaftlichen Ebenen, auch in der Kulturindustrie: weg vom Markt, hin zu überlieferten Tugenden und ethischer Verantwortung. Man will sich wieder auf Ethik besinnen, auch in der Ästhetik. Derzeit allgegenwärtige Attribute wie „nachhaltig“, „umweltbewusst“, „ökologisch“ zielen alle auf die ethische Kompetenz von Ästhetik. Doch wie sieht ethische Ästhetik aus?

Nicht belehrend, verbissen oder dröge. Sondern aufregend neu, spannend surreal, attraktiv und schön. Wie der vertikale Garten von Patrick Blanc, vorgestellt mit vielen anderen Modellen in einem soeben im Kölner Taschen Verlag erschienenen Bildband Grüne Architektur heute. Der französische Botaniker übersäte die Wand des neuen Madrider Ausstellungszentrums „Caixa Forum“ der Schweizer Stararchitekten Herzog & de Meuron mit einem Teppich grünbunter Blätter, Gräser, Moose, Farne und Blumen. Die Pflanzen brauchen keine Erde, um zu gedeihen, innovative Forschung und Rousseau’sche Paradies-Utopie verbinden sich zu einer neuen, urban-sensualistischen Ästhetik.

„Ökomimesis“

Entscheidend ist, wie sich Elemente aus einst strikt getrennten Bereichen heute auf vielfältigste Weise mischen. Tatsächlich haben die Praktiken des Crossover, mit denen Kunst im Austausch mit Mode, Design, Musik, Wissenschaft und Architektur seit den neunziger Jahren experimentiert, die neue ethische Ästhetik mit vorbereitet. Denn sie bauten Hierarchien ab und gaben lineare Strukturen zugunsten zyklischer und vernetzter Prozesse auf. Sie forderten interaktive Energien heraus und fusionierten die Formen, bis sie sich verwandelten.

Nun lernen Architekten wie der malayische Architekt Ken Yeang von Ökosystemen. Er hält das Prinzip „Recyling“ für entscheidend: „Ökosysteme kennen keinen Abfall, alles wird unaufhörlich wiederaufbereitet“.

Weil immer mehr Architekten, Designer und Künstler diese Ökosysteme imitieren, entsteht eine Art von komplex hybridem Stil, den Yeang als „Ökomimesis“ bezeichnet. Es ist ein osmotischer Stil der fließenden Linien und Konturen, wie ihn auch der französische Architekt Vincent Callebaut in seinen Bauten und Modellen auf dem Weg zur „Ökopolis“ entwirft. Für sie setzt er „parasitäre, aus Biologie, Informations- und Kommunikationstechnologie“ entlehnte Verfahren ein. Jüngstes Projekt ist „Perfumed Jungle“, ein Masterplan für das am Ufer gelegene Geschäftsviertel in Hong Kong aus kugeligen Hochhaus-Rhomben, von deren licht und luftdurchlässigen Außenhäuten Pflanzenkaskaden hängen.

Das Ornament des 21. Jahrhunderts

Auch einige Künstler thematisieren grünes Bewusstsein jenseits von programmatischem Öko-Aktivismus. Star ist der in Berlin lebende Däne Olafur Eliasson, der schon vor fünfzehn Jahren zeigte, wie sehr Natur von Kultur abhängig ist. In jüngerer Zeit übersetzt vor allem ein anderer Däne, der 1973 geborene Tue Greenfort die komplexe Problematik in starke Bilder und Skulpturen. So, wenn er, wegen der Verunreinigung der Meere zur Plage gewordene Quallen herstellt. Er lässt dazu von Glasbläsern aus Murano filigran begehrenswerte Objekten formen, die anschließend wie einen Wasserschwarm als Mobile im Raum schweben.

Cover von „Grüne Archtiektur heute!“; © TASCHENDie Feststellung von Rem Koolhaas, Ökologie sei das Ornament des 21. Jahrhunderts, gilt auch für Design und Mode. Ethische Ästhetik verschmilzt Vision mit einem Pragmatismus, der auf die Substanz zielt, auf das Material. Dieses gibt die Formen vor, die entstehen, wie die brasilianischen Superdesigner Fernando und Humberto Campana erklären. „Die Materialien erzählen uns, wie sie geformt werden wollen“.

Wie in den sechziger Jahren die Künstler der italienischen „Arte Povera“ lassen sich die Campagnas vom Müll auf den Straßen der Metropolen für ihr vitales „Design des Elends“ inspirieren. Angewandte Kreativität mit Nutzeffekt wird derzeit stärker beachtet als autonome Kunst. Das liegt am existentialistischen Grundgefühl der Gegenwart.

Style Codes des Humanen

Es geht ums Überleben, und Gebrauchskunst muss direkt auf akute Umwelt-Szenarien reagieren. So auch die Mode. Sie sucht den neuen Luxus in einer Rückkehr zu den archaischen Wurzeln des Handwerks. Rund um den Globus spürt sie Handarbeitstechniken auf, die sie zusammen mit den Einheimischen wiederbelebt und in das eigene High-Tech-Können integriert. Das Ergebnis ist eine Art ethnisch-ethische Haute Couture, die nicht folkloristisch wirkt, sondern kosmopolitisch.

Luxus heute will das Originäre in feinster Dosierung. Verborgen im Stoff und seiner Verarbeitung, gerne von mikroskopischem Format oder gleich ganz unsichtbar. Je immaterieller, desto besser. Man will nicht mehr konsumieren, sondern kommunizieren. Man arbeitet gewissermaßen an Style Codes des Humanen, verachtet Trends und liebt Engagement. Und welches ist das ultimative Statussymbol? Charisma.

Eva Karcher
lebt als Freie Journalistin und Buchautorin in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2009

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