Kultur und Klimawandel – Architektur und Stadtentwicklung

Wie sich Städte mit der Landschaft aussöhnen können

Serie Las Vegas; © Alex S. MacLean für Akademie der Künste, 2009

Serie Las Vegas; © Alex S. MacLean für Akademie der Künste, 2009Was haben Venedig und Las Vegas gemeinsam? Beide Städte entstanden in einer extrem siedlungsfeindlichen Umgebung – die eine im Meer, die andere in der Wüste. Beide Städte kämpfen mit ähnlichen ökologischen Problemen: Zersiedelung, Luftverschmutzung, Wasserknappheit. Beide Städte – die Spielerstadt wie die ehrwürdige Serenissima am Lido – haben mehr Besucher als Einwohner.

Venedig wurde in Las Vegas nachgebaut, doch das Casino haben Venezianer erfunden. Die Ausstellung „Wiederkehr der Landschaft“ der Berliner Akademie der Künste stellt in ihrem zentralen Raum die beiden berühmten Städte in den Mittelpunkt. Sie stehen für verschiedene historische Epochen, aber sie haben sich beide auf ihre Art mit ihrer Landschaft auseinandergesetzt.

Venedig ist einer sumpfigen Lagune abgerungen, doch Ingenieurskunst, kaufmännischer Realitätssinn und kluges politisches Handeln haben der Stadt über Jahrhunderte das Überleben gesichert. Die Republik Venedig passte sich an die Landschaft an, bereits 1602 legen die Brüder Iseppo und Girolamo Paulini dem Senat eine Denkschrift vor, die genau analysierte, wie sich Umweltschäden, Wasserverschmutzung und der Raubbau an den Wäldern auswirken. Die Herrscher Venedigs wussten sich der natürlichen Ressourcen zu bedienen. Sie nutzten sie, aber sie erschöpften sie nicht. So hatte jedes Haus seine eigene Zisterne für die Versorgung mit Trinkwasser. Aber mehr Bewohner als die Zisterne ernähren konnte, waren nicht erlaubt. Die Fischer legten Zuchtbecken an, die im Winter geflutet wurden, damit sie sich erneuern konnten. Die Flussarme, die bei Venedig ins Meer mündeten, wurden so umgeleitet, dass die Lagune nicht verlanden konnte.

Erschreckende Parallelen

Venedig; © Alex S. MacLean für Akademie der Künste, 2009Heute ist dieses natürliche Gleichgewicht gefährdet: Venedig droht nicht mehr zu verlanden, sondern im Meer zu versinken. Der Boden hat sich seit 1900 um 23 Zentimeter abgesenkt. Immer mehr Venezianer ziehen in Vororte wie Mestre. Die teuren Wohnungen gehen an reiche Ausländer, die nur wenige Monate in der Stadt verbringen. Die Poebene, die an die Stadt grenzt, gehört zu den Gebieten mit der größten Luftverschmutzung in Europa. Und sie ist so zersiedelt wie die Umgebung von Las Vegas.

Die Spielerstadt in der Wüste wurde auf einer Grundwasserblase gegründet, die heute für die Versorgung längst nicht mehr ausreicht. Las Vegas ist ein Symbol für den amerikanischen Traum: das extreme Klima, der Mangel an Wasser, die fehlenden landwirtschaftlichen Nutzflächen – alles lösbar, nur eine Frage der Transportmittel und des Geldes. Vegas hat heute zwei Millionen Einwohner, in 12 Jahren – so die ehrgeizigen Stadtplaner – sollen es vier Millionen sein. Noch liefert der Hoover-Staudamm Wasser und Strom, doch wenn der Verbrauch so weiter geht, ist er in 20 Jahren leer. Kein Problem – nach den tollkühnen Plänen der Stadtplaner soll dann das Mississippi-Delta in 2.500 Kilometer Entfernung angezapft werden.

Serie Las Vegas; © Alex S. MacLean für Akademie der Künste, 2009Die Konzepte scheinen erschöpft. Selbst die ausgefeilteste Ingenieurskunst kann eine Stadt wie Las Vegas nur halten, wenn sie woanders die Natur zerstört. Venedig ließ im Meer vor der Lagune große Tore bauen, die die Stadt vor Überflutungen schützen sollen. Doch die nützen relativ wenig, wenn der Meeresspiegel infolge des Klimawandels weiter ansteigt.

Was lehrt uns die Entwicklung der beiden Städte? Städte, große Siedlungen können nur überleben, wenn sie sich mit der Landschaft aussöhnen. Die Stadt des 19. und 20. Jahrhunderts wurde gegen die Natur gegründet, im Zeitalter der technischen Machbarkeit schien alles möglich. In all den Jahrhunderten davor konnten Städte nur überleben, wenn sie sich der Landschaft anpassten: Die Umgebung musste Schutz bieten vor feindlichen Angriffen. Die Versorgung mit Wasser und Lebensmitteln aus dem Umland musste gesichert sein. Und nur wenn sie günstig zu den Verkehrswegen lag, konnte auch der Handel gedeihen.

Aus der Landschaft entwickeln

Serie Las Vegas; © Alex S. MacLean für Akademie der Künste, 2009Die Stadt des 21. Jahrhunderts ist aus der Landschaft zu entwickeln. Nötig sind kreative und nachhaltige Lösungen und eine neue emotionale Annäherung. Diese These liegt der Ausstellung Wiederkehr der Landschaft zugrunde. „Die Frage wird nicht lauten, ob wir in Städten leben wollen, sondern wie wir dort leben wollen“, sagt Donata Valentien, Landschaftsarchitektin und Kuratorin der Ausstellung. Sie hat zusammen mit Anna Viader Soler, einer Architektin aus Barcelona, die Schau konzipiert und in zweijähriger Arbeit aufgebaut. Landschaftsgestaltung, Städtebau, der ökologische Umbau einer Region – das ist für sie nicht nur eine Frage der Technik, sondern auch der Kultur. „Die Gestaltung des urbanen Lebensraums wird alle gesellschaftlichen und kreativen Kräfte zusammenführen müssen.“

Wie das gehen könnte, zeigen die Ausstellungsmacherinnen im dritten Raum der Schau: Elf Modellprojekte aus den unterschiedlichsten Regionen der Welt geben ein wenig Hoffnung auf eine Zukunft der städtischen Siedlungsregionen.

Modellprojekte rund um den Globus

Battle i Roig Arquitectes (Barcelona), Renaturierung der Mülldeponie Vall d'en Joan bei Barcelona; © Jordi SurrocaZum Beispiel die Renaturierung der Deponie Vall d’en Joan. Über Jahrzehnte kippte die Metropole Barcelona ihre Abfälle in dieses Tal. Die unteren Schichten sind so giftig, dass sie mit Planen abgedichtet werden mussten. Drainagen leiten verseuchtes Wasser hinaus. Die Schichten darüber wurden aufgefüllt und am Ende begrünt. Das Tal wurde der Umgebung entsprechend als künstliche Terrassenlandschaft gestaltet.

Bekannt geworden – auch durch die Kulturhauptstadt Ruhr 2010 – ist das Emscher-Projekt: Eine Kloake, ein zum Abwasserkanal degradierter Fluss durch das Ruhrgebiet wird Schritt für Schritt wieder in seinen Urzustand zurückversetzt. Das hat Auswirkungen auf die gesamte Siedlungsstruktur des Ruhrgebietes. Plötzlich werden hässliche Industriebrachen wieder zu Ausflugsorten.

Ob die Dächer der Lagerhallen im Hafen von Koper (Slowenien) zu Grünflächen werden, der frühere Flughafen in Orange County (Kalifornien) zu einem großen Naturpark umgestaltet wird – die Landschaftsplaner und Städtebauer haben gelernt, sich mit der natürlichen Umwelt zu versöhnen. Einfache Lösungen gibt es nicht. Nicht erwähnt werden in der Ausstellung solche Mega-Städte wie Mexico City, Kairo oder Istanbul, deren Einwohnerzahl auf zehn, zwölf, 20 Millionen angewachsen ist und weiter wächst. Allein in China hat die Bevölkerung so viel Ackerland verlassen, dass es der landwirtschaftlichen Anbaufläche Deutschlands entspricht. Kuratorin Donata Valentien hat beobachtet, dass nur wenige Kilometer von einer Megastadt wie Rio de Janeiro entfernt, fruchtbarstes Land beginnt. „Es liegt brach, ist verlassen, weil die Anwohner glauben, in der Stadt gäbe es bessere Möglichkeiten, Geld zu verdienen. So lange das so ist, ändern wir nichts an diesen Strukturen.“

Buchtipp: Donata Valentien (Hg.) für die Akademie der Künste, Berlin, Wiederkehr der Landschaft / Return of Landscape (Dt./Engl.), mit einem Fotoessay von Alex S. MacLean, Jovis Verlag, Berlin 2010, Hardcover, 272 Seiten, 38 EUR, ISBN 978-3-86859-056-2. 

Volker Thomas
ist freier Journalist und leitet in Berlin eine Agentur für Text und Gestaltung (www.thomas-ppr.de).

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Mai 2010

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