Kultur und Klimawandel – Architektur und Stadtentwicklung

Die Zukunft ist eine Blase – die Hamburger Ausstellung „Klimakapseln“

Klimakapseln, Haus Rucker, Environment Transformer; © MKGKlimakapseln, Haus Rucker, Environment Transformer; © MKGVon Plastik-Oasen, Zelt-Mode, schwimmenden Inseln und Wolkenstädten – die Hamburger Ausstellung „Klimakapseln“ versammelt 30 Wohn- und Überlebensideen für den Fall einer Klimakatastrophe.

Die Palmen, zwischen denen eine Hängematte aufgespannt ist, sind aus Gummi. In der Luft hängt ein Geruch nach PVC. Der Blick auf die Außenwelt fällt durch eine transparente Hülle – Vorgeschmack auf ein Leben in der Klimakapsel.

Nachdem die Klimakonferenz in Kopenhagen nahezu ergebnislos zu Ende gegangen ist, diskutieren Klimaforscher außer globalen Strategien zur Verhinderung einer Klimakatastrophe derzeit vor allem die Möglichkeit, sich an eine durch den Klimawandel veränderte oder zerstörte Umwelt anzupassen.

Wie das Leben in der Katastrophe aussehen könnte, zeigt sehr anschaulich die Ausstellung „Klimakapseln. Überlebensbedingungen in der Katastrophe“. Sie versammelt im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe 30 Positionen aus Architektur, Kunst und Design von den 1960er-Jahren bis heute. Gemeinsam ist den Fotomontagen, Modellen, Videos und Zeichnungen der internationalen Künstler, Architekten und Designer, dass sie das Leben aus einer unbewohnbar gewordenen Welt in Kapseln verlegen. In Kapseln, in die der einzelne schlüpft und solche, die ganze Städte umspannen, die auf den Weltmeeren treiben oder über den Wolken, Kapseln, die allein im Kopf existieren, und Kapseln, die zum Schutz der Pflanzenwelt bestimmt sind.

Besuch in der Oase Nr. 7

Auf Höhe des zweiten Stockwerks an der Museumsfront beult sich eine große durchsichtige Blase: In der Oase Nr. 7 von Haus-Rucker-Co wird der Museumsbesucher für wenige Minuten selbst zum Kapselbewohner. Die österreichische Architekten- und Künstlergemeinschaft baute die PVC-Blase erstmals 1972 für die documenta 5 in Kassel. Für die Hamburger Ausstellung hat sie die Plastik-Oase noch einmal nachgebaut. Unter Anleitung des Museumspersonals betreten maximal drei Personen auf einmal eine Plastikschleuse, die eine Maschine ständig mit Luft befüllt. Von hier aus geht es weiter in die eigentliche Blase, die bis auf zwei Plastikpalmen und eine Hängematte leer ist. Der Blick geht auf das Hamburger Bahnhofsviertel. Die eigene Stimme hallt und hört sich quäkend an, wie die einer Comicfigur.

Klimakapseln, HausRucker, Oase7 ; © MKGDer Oase aus den 1970er-Jahren wird die Vision der MAD Architects aus Peking von 2008 gegenübergestellt. Superstar: A Mobile China Town heißt der gigantische Stern, der 15.000 Menschen Raum und Schutz vor Klimakatastrophen bieten soll. Um Platz zu sparen, verzichten die Architekten auf einen Friedhof aus Gräbern und Grabsteinen – der Superstar-Friedhof soll ausschließlich digital funktionieren.

Einfamilien-Kapseln

R129; © SobekFür weit weniger Bewohner hat Werner Sobek das Haus R129 vorgesehen. Seit 2001 entwickelt der deutsche Architekt die „Einfamilien-Kapsel“. In einer Außenhaut aus transparentem Kunststoff, der sich abdunkeln lässt, sitzt der Bewohner in den Worten Werner Sobeks „wie ein Yogi und schaut aus der Seifenblase hinaus“.

Während das R129 an Ort und Stelle bleibt, bewegt sich das Walking House der Künstlergruppe N55 aus Kopenhagen dank hydraulischer Beine langsam aber sicher durch die Landschaft. Derzeit begegnet man ihm im Zuge von Ruhr 2010 auch auf der Emscher-Insel. Solarzellen, eine Aufbereitungsanlage für Regenwasser und ein kleines Gewächshaus versprechen dem Bewohner Selbstversorgung und somit Unabhängigkeit.

Kuppel über Manhattan

Klimakapseln, Fuller, DomeOverManhattan, © MKGEin Pionier der Kapselarchitektur ist Richard Buckminster Fuller, der um 1960 herum mit seinem Dome over Manhattan ein ganzes Stadtviertel einkapseln wollte. Vom Hudson bis zum East River und von der 22. bis zur 62. Straße sollte sich die gläserne Kuppel spannen. Mitten im Geschehen und doch ohne Tuchfühlung zu Lärm, Staub und Hitze der Großstadt, könnten sich unter der Kuppel reiche New Yorker wohlfühlen. In der Klimakatastrophe könnte der Entwurf für alle Notwendigkeit werden.

Schutz durch Abluft

Während viele der in der Ausstellung vorgestellten Arbeiten nicht erdacht wurden, um auch realisiert zu werden, werden die aufblasbaren Schutzräume des New Yorker Künstlers Michael Rakowitz tatsächlich gebaut und genutzt. Als 1997 die Abluftschächte in Cambridge/Massachusetts quergestellt wurden, um Obdachlose daran zu hindern, im warmen Luftzug zu übernachten, antwortete Rakowitz mit dem paraSITE shelter auf die Maßnahme der Stadtverwaltung. Die von ihm entworfenen Zelte werden etwa an einen Schacht angedockt, der warme Luft aus den U-Bahnschächten ins Freie bläst. Die Abluft bläht das Zelt auf und beheizt es. Der New Yorker Künstler arbeitet gemeinsam mit Obdachlosen an den Schutzzelten und gestaltet die einzelnen Zelte nach ihren Wünschen.

Zelt-Mode

Klimakapseln, Orta, Habitent; © MKGDen Schutzraum direkt am Körper trägt, wer sich durch die Stücke der Kollektion Refuge Wear der englischen Künstlerin und Modedesignerin Lucy Orta vor extremem Klima schützen will. Ausgestattet mit Pfeife, Kompass und Laterne spannt sich das Ein-Mann-Klima-Zelt an Teleskopstangen um seinen Träger. Derart vor der klimatischen Umwelt abgeriegelt, lässt es allerdings auch keinen Kontakt zur menschlichen Umwelt zu. Wie könnten sich zwei Zeltträger umarmen geschweige denn küssen? Fühlt man sich beschützt in der Kapsel? Oder ist man einsam? Dem Kurator Friedrich von Borries, der 2008 den deutschen Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig kuratiert hat, geht es bei der Ausstellung darum, diese Diskrepanz aufzuzeigen. Ist die Klimakapsel Albtraum oder Traum?

Traumschiff oder Wolkenstadt

Klimakapseln, Callebaut, Lilypad ; © MKGGrausam ist sicherlich die Vorstellung, auf des Architekten Vincent Callebauts Lilypad, einer schwimmenden Mischung aus Traumschiff und Raumschiff Enterprise, eine Reise anzutreten ohne jegliche Hoffnung, jemals wieder von Bord zu gehen. Verlockender ist da schon der Gedanke, in einem der fliegenden Ballons des argentinischen Künstlers Tomás Saraceno abzuheben. Leben in der Wolkenstadt, ein Hirngespinst? Vor dem Hintergrund bebender Erde, spukender Vulkane und auslaufenden Öls vielleicht die rettende Wohnidee der Zukunft. Tomás Saraceno jedenfalls erforscht bereits das Material der künstlichen Spinnennetze, die seine Wolkenballons miteinander verbinden sollen.

Ausstellung: Klimakapseln. Überlebensbedingungen in der Katastrophe, 28. Mai bis 12. September 2010, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg; Publikation: Friedrich von Borries: Klimakapseln. Überlebensbedingungen in der Katastrophe, Edition Suhrkamp 2010, ISBN 978-3-518-12615-8, 14 Euro.

Verena Hütter
arbeitet als freie Autorin und Redakteurin in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2010

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