Kultur und Klimawandel – Architektur und Stadtentwicklung

An die Spaten, fertig, los! – Pecha Kucha beim Münchner Klimaherbst

Urbane Landwirtschaft: Die Guerilla Gartenzwerge begrünen die Stadt; © Green City e. V.Urbane Landwirtschaft: Die Guerilla Gartenzwerge begrünen die Stadt; © Green City e. V.Von Guerilla Gardening bis zu erneuerbaren Energien: Im Aktionsprogramm des 4. Münchner Klimaherbstes ging es um globale Strategien und lokale Ansätze für Klimaschutz und Nachhaltigkeit. In der „Pecha Kucha Nacht“ hatten zwölf Ideen einen Kurzauftritt – in je 20 Bildern à 20 Sekunden.

Ihre Waffen sind Spaten und Harke, an tristen Ecken pflanzen sie heimlich Narzissen, Ziergräser und Yucca-Palmen oder werfen Samenbomben vom Fahrrad aus auf den Mittelstreifen oder an den Straßenrand: Die Guerilla Gartenzwerge aus München wollen Betonwüsten und vernachlässigtes Grün in blühende Beete verwandeln, sie erobern den öffentlichen Raum zurück. Guerilla-Gärtnerin Silvia Gonzalez wirft während ihrer Präsentation bunte Fotos an die Wand: Die Gründerinnen der Gärtner-Truppe mit künstlichen Rauschebärten und Gießkanne in der Hand, erdverschmierte Aktivisten bei Pflanzaktionen oder Nachbarn, die sich über die neuen Blumen vor ihrer Haustür freuen.

20 Bilder à 20 Sekunden – durch das Pecha-Kucha-Vortragsprinzip, das junge Designer 2003 in Tokyo erfunden haben, hat Gonzalez so in exakt sechs Minuten und 40 Sekunden die Mission der Guerilla-Gartenzwerge erklärt. „Auf die Spaten, fertig, los“, fordert sie die Zuhörer am Ende ihres Vortrags zu eigenen Aktionen auf. „Beteiligung in der Stadt ist viel einfacher als man denkt.“

Guerilla Gardening, Energiesparen oder strategischer Konsum: Zwölf verschiedene Ideen, wie der Einzelne zu mehr Nachhaltigkeit und Klimaschutz beitragen kann, wurden bei der „Pecha Kucha Nacht“ des vierten Münchner Klimaherbstes präsentiert. Bei dem Aktionsmonat hatten Experten, Aktivisten und Bürger im Oktober unter dem Motto „Weniger ist Mehrwert“ globale Strategien und lokale Ansätze für Klimaschutz und Nachhaltigkeit diskutiert.

Anruf beim Gletscher

Pecha Kucha: Silvia Gonzalez erklärt, wie Guerilla Gardening funktioniert; © Sonja Peteranderl„Schreckensbotschaften überzeugen die Leute nicht, wir müssen sie verführen“, stellte der Certified Coolness-Geschäftsführer Izai Amorim bei seiner rasanten Kurzpräsentation fest. „Wir müssen das Thema Klima- und Umweltschutz aus der Müsli-Ecke holen, cooler machen.“ Certified Coolness setzt auf Umweltschutz durch strategischen Konsum. Jeder kann sich über CER-Zertifikate der Vereinten Nationen an der Finanzierung von CO2-Ausgleich-Projekten in den Schwellenländern beteiligen und sich online den 250, 500 oder 1.000 Kilo CO2-Ausgleich zu Preisen zwischen zehn bis 40 Euro bestellen. Neben einem guten Gewissen wird jeder Kauf auch mit Kunst, Fotografien, Geschichten, Zeichnungen oder Videos belohnt, dazu sendet das Unternehmen Informationen zur Vermeidung und Verminderung von CO2 mit.

Auch Serafine Lindemann von artcircolo sprach über die Verbindung zwischen Klima und Kunst. In der interdisziplinären Projektreihe Overtures diskutiert eine Gruppe von Wissenschaftlern, Politikern, Wirtschaftsexperten und Künstlern, wie wissenschaftliche Erkenntnisse rund um klimatische Prozesse kommuniziert werden können und für jeden erfahrbar werden. Der Performancekünstler Kalle Laar hat bei seinem Projekt „Calling the Glacier“ die Töne eines schmelzenden Gletschers aufgenommen – wer unter der Hotline des Künstlers anruft, hört das Tröpfeln, das die Erderwärmung verursacht. Aus Müll aus der Isar wurde außerdem ein Floss gebaut und in die Donau gesetzt. Auch die Masse von weggeworfenen Handys oder die zwei Millionen Plastikflaschen, die allein in den USA täglich auf dem Müll landen, wirken als Fotografien eindrucksvoller als bei einer Nennung der Zahlen.

Gemeinsamer Klimaschutz

Körpereinsatz zum Pecha Kucha-Vortrag; © Sonja PeteranderlBeim Bürgergutachten wird die Bevölkerung selbst aktiv, um Gestaltungsvorschläge für den Klimaschutz in der Stadt zu entwickeln. Wolfgang Scheffler von der Gesellschaft für Bürgergutachten nutzte vor allem handgeschriebene Ablaufskizzen, um den Weg bis zum fertigen Gutachten zu erklären. Per Zufallsauswahl werden 200 Bürger ausgewählt und in vier Gruppen aufgeteilt, in moderierten Gesprächsrunden suchen sie nach Lösungen, die eine breite Akzeptanz bei allen haben sollen. „Ein Querschnitt Münchens unterhält sich hier“, sagt Scheffler. Aber auch Experten bringen durch Impulsvorträge Fachwissen ein.

Dann tauschen die Gruppen sich im Plenum aus, die besten Vorschläge werden zusammengefasst und veröffentlicht. „Die Entscheidungen bei Bürgergutachten werden nach Diskussionen, nach Input von außen getroffen“, sagt Scheffler. „Ganz anders als wir es von Politikern gewohnt sind.“ Die Durchführung koste bei 200 Personen etwa 200.000 Euro. Wenn jeder Münchner ein paar Cents spende, sei die Finanzierung gesichert – bei der „Pecha Kucha Nacht“ fordert Scheffler die Anwesenden gleich zum Spenden auf.

Hans Geißelhofer, der Misereor-Partnerorganisationen in Afrika berät, brachte die internationale Perspektive in die Vortragsreihe des Klimaherbstes ein. Zu einer Bilderserie aus Burkina Faso berichtete der Diplomingenieur für Regional- und Städteplanung über nachhaltige Flächennutzungsplanung mit Hilfe von Luft- und Satellitenbildern sowie GPS-Vermessung. Burkina Faso sei mittendrin im Klimawandel und müsse dringend aufgeforstet werden – doch da das Land hier nach Gewohnheitsrecht bewirtschaftet wird, oft mehrere Familien gleichzeitig den Boden nutzen und die Grundstücksgrenzen fließend sind, hat niemand einen Überblick über die Situation.

Mit einem einfachen GPS-Empfänger können alle Flächen aufgenommen und die Infrastrukturen, Erosionsschäden, Bewässerungsflächen oder Weidewege auf Karten eingetragen werden. Auch online verfügbare Satellitenbilder können genutzt werden, um ein Lagebild zu erstellen und gemeinsam mit den Bewohnern die zukünftige Landnutzung und Maßnahmen gegen die Bodenerosion abzustimmen.

Wie die Netzwelt die Partizipation an politischen Prozessen befördern kann, zeigte auch Michael Schmidt von Echo, einer Internetplattform, auf der die Teilnehmer debattieren und sich für gemeinsame Aktionen wie E-Petitionen, Volksentscheide oder Demonstrationen vernetzen können. Auch nach der „Pecha Kucha Nacht“ wurden die in wenigen Minuten aufgeworfenen Ansätze für einen besseren Klimaschutz noch diskutiert – nach den Vorträgen mischten sich die Redner und Rednerinnen mit einem Peperoni-Anstecker gekennzeichnet unter das Publikum.

Sonja Peteranderl
hat Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation studiert, ist freiberufliche Journalistin und beschäftigt sich unter anderem mit Klimapolitik und Nachhaltigkeit.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
November 2010

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