Kultur und Klimawandel – Architektur und Stadtentwicklung

Nachhaltig und energieeffizient – Bauen im Zeichen des Klimaschutzes

Heute nicht über Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Energieeffizienz nachzudenken, will und kann sich niemand mehr leisten. Bis 2020 sollen die Treibhausgasemissionen gegenüber 1990 um 40 Prozent reduziert werden.

Werner Sobek, Wohnhaus in Berlin, Rückseite, Foto: Matthias Koslik

Für denselben Zeitraum ist von der Bundesregierung auch eine Senkung des Primärenergieverbrauchs gegenüber 2008 um 20 Prozent und bis 2050 um 50 Prozent anvisiert. In allen Bereichen des Energieverbrauchs, sei es beim Strom, Wärme, Wasser, Mobilität, gibt es Sparpotenziale. Die größten aber liegen beim Planen und Bauen, sei es im Neubau oder beim Bauen im Bestand. Rund 40 Prozent der Endenergie in Gebäuden werden in Deutschland für Heizung und Warmwasser verwendet.

Energiesparen als Gemeinschaftsaufgabe

Manfred Hegger, Plus-Energie-Haus in Darmstadt, Foto: TU Darmstadt, FG ee, Leon Schmidt

Rund 24 Millionen Wohneinheiten, so die Schätzungen des Fraunhofer Instituts für Bauphysik, gelten als sanierungsbedürftig. Seit den politischen Beschlüssen zur Energiewende ist Energieeffizienz beim Bauen eine große nationale Gemeinschaftsaufgabe, die nicht nur Architekten, sondern Städte und Gemeinden, Unternehmer und private Bauherren herausfordert, dieses Thema technisch wie ökologisch innovativ und gleichzeitig gestalterisch hochwertig zu lösen.

Manfred Hegger, Plus-Energie-Haus in Darmstadt, Foto: Solar Decathlon, Kaye Evans-LutterodtDer Architekt Prof. Manfred Hegger gehört mit seinen Ideen für das Plus-Energie-Haus zu den Pionieren für eine nachhaltige Architektur. Bereits 2007 hatten Hegger und seine Studenten der TU Darmstadt einen ersten Wohnhaustyp entwickelt und mit ihrem Entwurf den Solar Decathlon in Washington D.C. gewonnen. Mit Unterstützung des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) wurde dieser Bau weiterentwickelt und war zwischen 2009 und 2011 in mehreren Großstädten in Originalgröße zu sehen. Dieses in Holzleichtbauweise konzipierte Haus produziert mehr Energie als es verbraucht und beinhaltet eine Reihe von technischen und organisatorischen Innovationen.

Energieeffiziente Architektur und Elektromobilität

Werner Sobek, Wohnhaus in Berlin, Eingangsbereich, Foto: Matthias Koslik

Ein weiterer Prototyp für ein energieeffizientes Wohnen der Zukunft macht seit Dezember 2011 von sich reden. Dieses unter Leitung von Prof. Werner Sobek vom Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren an der Universität Stuttgart entwickelte 130 Quadratmeter große Wohnhaus steht in zentraler Lage, mitten in Berlin, in der Fasanenstraße 87 a. Innovativ ist nicht nur die gelungene Verbindung von guter Gestaltung und energiesparender Technik durch Solarthermie und Fotovoltaik. Sämtliche Baumaterialien können nach der Nutzung des Gebäudes vollständig recycelt werden. Das Besondere dieses vom BMVBS initiierten Modellprojekts, das ab März 2012 – wissenschaftlich begleitet – von einer vierköpfigen Familie bewohnt werden wird, aber ist die Verknüpfung von Wohnhaus und Elektromobilität. Das Plus an regenerativ erzeugter Energie wird in Hochleistungsbatterien gespeichert und unter anderem dazu genutzt, das Elektrofahrzeug an einer hauseigenen Ladestation zu betanken.

Verdichtetes Bauen und Wohnen

Neue Burg in Wolfsburg Detmerode, KSP Jürgen Engel Architekten, Foto: Jürgen Voss

Über futuristische Haustechnik und intelligente Baustoffe hinaus lässt sich einem ressourcenschonenden Bauen auch mit verdichteten Wohnweisen und funktioneller Architektur näherkommen. Bislang nicht genutzte Grundstücke in gewachsenen Quartieren zu bebauen, bietet ebenso ein Plus an Energie. Die vorhandene Infrastruktur spart lange Wege, mitunter sogar den Pkw. Eine optimale Ausnutzung von Grundstücken mit geschickt ausgerichteten, kompakten Bauformen und funktionalen Grundrisslösungen bietet beste Voraussetzungen für ein energiesparendes Bauen und modernes Wohnen. Der Umgang mit dem Gebäudebestand aber ist die wichtigste Aufgabe der Zukunft, um den Verbrauch an fossilen Energieträgern nachhaltig zu minimieren. Diese lässt sich nicht mit Diskussionen um effiziente Dämmsysteme voranbringen.

Neue Denk- und Planungsprozesse

Südstadtschule in Hannover, ehem. Turnhalle, MOSAIK-Architekten, Foto: Olaf Mahlstedt

Stattdessen sind neue Städtebaumodelle gefragt, neue Formen des Zusammenlebens, um zum Beispiel das Arbeiten und Wohnen stärker miteinander zu verzahnen. Der Umbau der ehemaligen Sehbehindertenschule zum Baugruppenprojekt „Südstadtschule“ in Hannover beschreibt solch einen neuen Denk- und Planungsprozess. Die in den 1960er-Jahren von Friedrich Lindau errichtete Schule wurde durch das hannoversche Büro MOSAIK architekten in 17 Eigentumswohnungen und zwei Büroeinheiten verwandelt. Die Planungen für die Außenanlagen stammen vom Büro Grün Plan.

Südstadtschule in Hannover, ehem. Turnhalle, MOSAIK-Architekten, Foto: Olaf MahlstedtEs ist ein Mehrgenerationenhaus geworden für Singles, Familien und Senioren-Ehepaare. Die teilweise über mehrere Etagen gruppierten Wohnungen sind zwischen 59 und 167 Quadratmeter groß. Die Anforderungen der Denkmalpflege mit den energetischen Zielsetzungen eines Energiespar-Werts nach KfW-Standard 70 zu kombinieren und in einem Baugruppenmodell zu vereinen, war eine anspruchsvolle Aufgabe für die Planer und Bauherren.

Mutige Pioniere

Neue Burg in Wolfsburg Detmerode, KSP Jürgen Engel Architekten, Foto: Jürgen Voss

Doch solche innovativen Maßnahmen, kreativen Ideen und mutigen Pioniere sind notwendig, um nachhaltiges Bauen mit Leben zu füllen. Dass sich aktuelle energetische Anforderungen und Wohnvorstellungen mitunter nur durch eine Kombination aus Rückbau, Umbau und Sanierung verwirklichen lassen, zeigt das Bauprojekt „Neue Burg“ in Wolfsburg Detmerode. Das ehemalige Vorzeigestadtquartier der 1960er- und 1970er-Jahre wurde 2011 von KSP Jürgen Engel Architekten und nsp landschaftsarchitekten stadtplaner bdla/dwb für eine durchmischte Bewohnerschaft behutsam und mit großem gestalterischen Anspruch für die Zukunft weiterentwickelt. Dafür gab es nicht nur eine Auszeichnung der Deutschen-Energie-Agentur (dena) für die herausragende Energiebilanz, sondern auch das vom Sozialministerium verliehene Niedersächsische Qualitätssiegel für sicheres Wohnen. Nachhaltige Architektur besteht aus vielen Facetten. Das technisch Machbare ist nur eine davon und muss nicht immer die bestimmende sein.
Ute Maasberg
ist Kuratorin und Publizistin und lebt in Braunschweig.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
April 2012

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