Kultur und Klimawandel – Architektur und Stadtentwicklung

Auf dem Weg zur CO2-neutralen Stadt – das Beispiel Aachen

Windrad; © Stadt Aachen 40 Prozent weniger CO2-Ausstoß bis zum Jahr 2020 – dieses ambitionierte Ziel hat sich die Stadt Aachen 1992 gesteckt. Seitdem wurde viel erreicht. Was kann der kommunale Klimaschutz bewirken, was nicht? Eine Erfahrungsbilanz.

Aachen im Jahr 2020: Energie wird hauptsächlich durch Solarstromanlagen, aus Windkraft und aus unterirdischen Wärmequellen, der Geothermie, gewonnen, Abfälle werden energetisch genutzt. Neubauten sind energieneutral oder Plusenergie-Häuser. Viele Fahrzeuge sind elektrobetrieben, in der Stadt fahren mehr als 10.000 Elektroräder herum. Aachen ist eine Stadt der kurzen Wege, das soll sie attraktiv machen und Energie sparen. Noch ist das eine Vision, von der man nicht weiß, wie real sie sein wird – und wann.

Klima-Bündnis europäischer Städte

Solarfassade der Stadtwerke Aachen; © Stadt Aachen

Angefangen hat es 1992. Damals trat die Stadt Aachen dem Klima-Bündnis europäischer Städte bei. Zugleich beteiligte sie sich am Modellprojekt Ökologische Stadt der Zukunft des Landes Nordrhein-Westfalen. Bereits ein Jahr später hatte Aachen ein umfassendes Energiekonzept erstellt, um die Schadstoffbelastung in der 260.000 Einwohner zählenden Stadt zu senken.

Anfang der 1990er-Jahre lag die Weltjahresproduktion bei Photovoltaik unter 20 Megawatt – was etwa einem Sechzigstel der Leistung eines Atomkraftwerks entsprach – seitdem hat sich das Marktvolumen mehr als vertausendfacht. Erneuerbaren Energien waren damals teuer, nur wenige trauten sich, darin zu investieren. Die Stadt Aachen beschloss damals auf Anregung der Umweltverbände, Solar- und Windstrom kostendeckend zu vergüten. Sie war bereit, für Solarstrom 20 Jahre lang zwei Euro pro Kilowattstunde zu zahlen. „Damit wurden Neuanlagen für die Betreiber wirtschaftlich, was natürlich einen Boom auslöste“, erklärt Klaus Meiners, der stellvertretende Leiter des Aachener Umweltamtes.

„Aachener Modell“: Energiekonzept mit Vorbildcharakter

Solarkraftwerk Vouvern-Gymnasium; Foto: Peter Dahlmann; © Stadt Aachen

Solarkraftwerk Vouvern-Gymnasium; Foto: Peter Dahlmann; © Stadt Aachen

Das Energiekonzept machte als Aachener Modell Furore, fand viele Nachahmer in Städten wie Bonn, Freiburg und Hamburg, führte später zu regen Diskussionen auf bundespolitischer Ebene und wirkte als ein Initialzünder für das Erneuerbare-Energien-Gesetz der Bundesregierung. „Das Aachener Modell war der Türöffner für einen völlig neuen Förderansatz“, sagt Meiners. „Und noch heute besuchen uns Regierungsvertreter und Fachleute aus Japan, um sich vor Ort ein Bild zu machen.“

Seit 1992 sind in Aachen etwa 100 Projekte ins Leben gerufen worden. So war die Stadt im deutsch-belgisch-niederländischen Dreiländereck die erste deutsche Großstadt, in der schon 1997 eine Großwindanlage gebaut wurde – mit Aussichtsplattform und in Sichtweite des Doms. Um Abwärme zu nutzen, entstand 1995 einigen Widerständen zum Trotz die Fernwärmeschiene vom Braunkohlekraftwerk Weisweiler nach Aachen. Damit werden heute etwa 40 Prozent der Gebäude in der Innenstadt und 13 Prozent stadtweit beheizt. Die Solarsiedlung Laurensberg wurde realisiert, eine der ersten in Nordrhein-Westfalen. 2003 wurde der Euro-Windpark-Aachen mit neun Anlagen fertig gestellt.

„Altbau plus“

Seit der Liberalisierung der Energiemärkte konzentriert sich die Stadt mehr auf den Endverbraucher. Es gab eine Beratungskampagne zum Thema Altbausanierung. Im 2004 gegründeten Beratungszentrum Altbau plus bieten Handwerker, Architekten, Ingenieure und andere Experten ihre Unterstützung an. Nicht alles lief optimal, es gab auch Misserfolge. Die Stadt setzte beispielsweise zeitweise auf Biokraftstoffe und nutzte Rapsöl als alternativen Treibstoff für stadteigene Fahrzeuge. „Wir haben dabei die Problematik der Nahrungsmittelproduktion klar unterschätzt“, so Meiners. In der Solarsiedlung Lauensberg traten bei einigen Passivhäusern – Häuser, die keine klassische Gebäudeheizung benötigen – zum Unmut der Käufer bautechnische Probleme auf. Und im Bereich der volkswirtschaftlich günstigen Kraft-Wärme-Kopplung kommt die Stadt laut Meiners trotz aller Bemühungen nicht richtig voran. „Wir können die Verantwortlichen nicht überzeugen. Die betriebswirtschaftlichen Rahmenbedingungen oder andere Hemmnisse sprechen dagegen.“

Klaus Meiners; © Stadt AachenMeiners Rat: Bund und Länder sollten im Bereich Klimaschutz noch weitere marktwirtschaftliche Ansätze entwickeln, die zugleich sozialverträglich sind , und weniger auf Förderprogramme setzen.

European Energy Award

Hat sich das Engagement in Aachen gelohnt? Darauf deutet zumindest der European Energy Award in Gold hin, mit dem die Stadt 2011 ausgezeichnet wurde – und auch die Zahlen sprechen dafür: Der CO2-Ausstoß im Stadtgebiet Aachen ist von 1992 bis 2011 um 18 Prozent gesunken. Meiners glaubt, dass die Großstadt ihre Klimaziele für 2020 allein erreichen kann – nicht aber das langfristige Ziel, den CO2-Ausstoß bis 2050 um 80 Prozent zu verringern, wie es der Energiefahrplan der EU-Kommission vorsieht. „Das werden wir nur schaffen, wenn die ländliche Region um Aachen als Lieferant erneuerbarer Energien eingebunden wird.“ Allein könne Aachen den Bedarf an diesen Energien nicht mehr aus stadteigenen Quellen decken.

Schon jetzt ist Aachen in unterschiedliche Richtungen vernetzt. Als besonders wichtig sieht Meiners die Mitgliedschaft im Klima-Bündnis, dem die Stadt seit nunmehr 20 Jahren angehört.

In diesem Städtenetzwerk tauschen sich lokale Experten über Aktuelles und Handlungsmöglichkeiten aus, geben Erfahrungen und Erfolgsgeschichten weiter, erörtern Chancen und Risiken einzelner Strategien. „Und die politischen Signale, die vom Klimabündnis ausgehen, kommen an“, so Meiners. Gemeinsam können die Kommunen mehr Druck auf den Gesetzgeber ausüben. Denn gerade die Bundesregierung müsste sich engagieren, damit die Klimaziele im Lokalen erreicht werden könnten.

Stefanie Hallberg
ist Diplom-Journalistin und arbeitet als freie Autorin, unter anderem für den Westdeutschen Rundfunk, in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
August 2012

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Future Perfect

Das Goethe-Institut und die Stiftung Futurzwei sammeln Geschichten für morgen – schon heute, von überall.

EnergieWendeKunst


KünsterInnen machen bei EnergieWendeKunst ihre Ideen zum Klimawandel ästhetisch erfahrbar. Der Katalog erscheint im November 2015.

Global Ideas

GLOBAL IDEAS zeigt Menschen und Projekte, die gegen die globale Klimaerwärmung mobil machen. Reportagen aus allen Teilen der Welt.

Gletschermusik

Wie klingt es, wenn Gletscher schmelzen? Ein Kunstprojekt und ein offener Wettbewerb für Multimediakünstler aus Zentralasien zum Problem der fortschreitenden Gletscherschmelze